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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

10.

50. [S. 347] Will Jemand seinen Starkmuth ganz und voll würdigen, der bedenke nur, wie oft er nach dem Schiffbruche gleichsam mit ungebrochener Verachtung dieses Lebens die Meere durchschifft und weitentlegene Gebiete durchzogen; wie er auch gerade jetzt diese Gefahr nicht gescheut, sondern aufgesucht hat, geduldig gegen Beleidigung, der Kälte nicht achtend: wollte Gott, er wäre in gleicher Weise um seine Sicherheit besorgt gewesen! Aber gerade darin ruhte seine Seligkeit, daß er, solange es ihm gestattet war, seine körperliche Kraft zu gebrauchen, unaufhaltsam in dem, was er erreichen wollte, sein Leben verbrachte, indem er jugendlicher Arbeit sich unterzog, ohne irgend um die Schwäche sich zu kümmern.

51. Wie aber soll ich seiner offenen Einfalt gedenken? Ich verstehe darunter eine gewisse Gleichmäßigkeit im sittlichen Verhalten und eine nüchterne Ruhe des Geistes. Verzeihet mir und haltet es meinem Schmerze zu gute, wenn ich hier etwas ausführlicher über ihn rede, da ich ja mit ihm nicht mehr reden kann. Es wird aber sicherlich auch bei euch bewirken, daß ihr erkennet, wie ihr diesen Ehrendienst nicht, um einer gewissen Menschlichkeit zu genügen, sondern auf Grund ruhigen Urtheilens erwiesen habt, nicht vom Mitleide über den Tod bewegt, sondern durch die Ehrfurcht vor der Tugend hergerufen. Reichgesegnet ist ja die einfältige Seele. So groß war seine heilige Einfachheit, daß er, gleichsam in ein Kind verwandelt, in der Einfalt jenes schuldlosen Alters, als ein Bild vollkommener Tugend, als ein Spiegel reiner Sitten erglänzte. Er ist nun eingegangen in das Himmelreich, weil er dem Worte Gottes geglaubt; weil er, dem Kinde gleich, die Kunst falschen Schmeichelns verschmäht; weil er den Schmerz der Kränkung lieber geduldig hingenommen hat, als daß er dieselbe mit Verletzung der Sanftmuth gerächt hätte. So war er dem Worte der Klage zugänglich, niemals dem Truge, geneigt zu jeder Genugthuung, unzugänglich ehrgeizigem Streben, heilig in jungfräulicher Scham, so zwar, daß man ihm eher eine [S. 348] überflüssige Scheu nachrühmen, als die pflichtmäßige bei ihm vermissen mochte.

52. Genau genommen, sind freilich die Grundlagen der Tugend niemals überflüssig; denn züchtige Scham hindert die Erfüllung der Pflicht keineswegs, verleiht ihr vielmehr höheren Reiz. So ward sein Antlitz mit jungfräulicher Scham übergossen — und verrieth auf diese Weise sein inneres Fühlen, — wenn er zufällig einer nahestehenden Verwandten begegnete: er war dann gewissermaßen zu Boden gedrückt, obgleich er ohnehin — und davon wich er selbst im Kreise von Männern durchaus nicht ab — sparsam war, das Haupt zu erheben, die Augen aufzuschlagen oder ein Gespräch anzuknüpfen: das alles that er mit zarter züchtiger Scheu des Herzens, der dann auch die äußere Schamhaftigkeit entsprach. Hat er ja die Gaben der heiligen Taufe unbefleckt bewahrt, reinen Körpers, aber noch reineren Herzens: er hat nicht weniger die Schmach unlauteren Redens als die unlauteren Handelns verabscheut; er hat nicht geringer geachtet die Ehrfurcht, die man der Tugend durch Reinheit der Worte, als die, welche man ihr durch die Keuschheit des Leibes zollen muß.

53. Kurz er hat die Tugend der Keuschheit so sehr geliebt, daß er auch nicht eine Gattin begehrte: gleichwohl lebte in ihm nicht bloß das Streben, die Tugend der Keuschheit zu bewahren, sondern auch die Zierde treuer Ergebenheit gegen uns. In bewunderungswürdiger Weise aber entzog er sich unmerklich der Ehe und vermied doch dabei jede Ueberhebung: so durchgreifend war die fromme List, deren er sich bediente, daß es uns, die wir ihn wohl zu einem Entschlusse drängten, eher schien, als verzögere er die Vermählung mehr als daß er sie gänzlich vermeiden wollte. Dieses allein war es denn auch, was er sogar den Brüdern nicht anvertraute: keineswegs aber wegen eines zweifelnden Zögerns, sondern lediglich aus tugendhafter Zurückhaltung.

54. Wer sollte einem Mann die Bewunderung versagen, der dem Alter nach in der Mitte zwischen zwei Geschwistern stand, von denen die eine den jungfräulichen Stand, der [S. 349] andere das Priesterthum erwählt hatte? Und doch hat er in seiner Großherzigkeit vor beiden in den erhabensten Berufsarten den Vorzug erlangt; so zwar, daß er die Reinigkeit, welche dem Einen sein Amt auflegte, und die Heiligkeit des Andern in sich vereinigte, lediglich in treuer freiwilliger Uebung der Tugend, keineswegs durch das Band eines Gelübdes gefesselt! Wenn nun böse Lust und aufbrausender Zorn die Quelle der anderen Laster sind, so kann man mit Recht auch die Keuschheit und Sanftmuth die Mutter der Tugenden nennen. Dabei bleibt bestehen, daß die fromme Hingabe an Gott wie die Spitze alles Guten, so auch die Pflanzstätte der übrigen Tugenden ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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