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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

7.

31. Ich preise also dich glücklich, mein Bruder: sowohl wegen der Blüthe deines Lebens, als wegen der Leichtigkeit deines Todes. Nicht so sehr uns bist du entrissen, als [S. 338] den Gefahren; du hast nicht so sehr das Leben verloren, als vielmehr die Schrecken der hereinbrechenden Trübsale. Welch’ tiefes Mitgefühl mit den Deinen hätte wohl dein Herz erfüllt, wenn du Italien in solcher Nähe schon vom Feinde bedrängt sähest; wie würdest du seufzen und beklagen, daß unser ganzes Heil schließlich auf der Schutzwehr der Alpen beruhe, und daß aus Holzverschanzungen die Schutzmauer für die Keuschheit errichtet werde! Wie tief betrübt würdest du sein, wenn du die Deinen durch eine so schwache Scheidewand von einem Feinde getrennt wüßtest, der roh und grausam weder der Keuschheit noch des Lebens schonet!

32. Wie würdest du ertragen, was wir dann zu ertragen und — was vielleicht schwerer ist — anzusehen gezwungen werden: daß die Jungfrauen geraubt, daß zarte Kindlein aus den Armen der Eltern gerissen und den Wurfspießen zugeworfen, daß Gott geweihte Jungfrauen entweihet werden?!1 Wie würdest du das alles ertragen, der du mit deinem letzten Athemzuge, deiner selbst schon vergessend, für uns aber noch besorgt, uns so dringend mahntest, zeitig genug auf den Schutz vor dem Einfalle der Barbaren zu denken! Dann würdest du dich erinnern, daß du nicht ohne Grund gesagt, wir sollten fliehen. Vielleicht thatest du das, weil du erkanntest, daß du durch den Tod uns entrissen würdest, nicht aus Geistesschwäche, sondern aus treuer Ergebenheit: erschienest du um unseretwillen schwach, so warest du für dich gleichwohl stark. Als du von Symmachus zurückgerufen wurdest, weil in Italien der Krieg schon entbrannt wäre, und weil du der Gefahr und dem Feinde dich entgegenwerfen solltest: da antwortetest du, daß für dich hinreichende Ursache zu kommen vorläge, um bei [S. 339] unserer Gefahr nicht ferne zu sein, um an dem Geschicke des Bruders Theil zu nehmen.

33. Glücklich also darf ich dich preisen in deinem Scheiden zur rechten Stunde, weil du für unseren Schmerz nicht erhalten bliebest; glücklicher jedenfalls als deine heilige Schwester, die deines Trostes beraubt jetzt für ihre Jungfräulichkeit besorgt sein muß. Eben noch selig im Besitz zweier Brüder, bereiten beide ihr jetzt Kummer, weil sie dem Einen nicht folgen und auch den Anderen, dem dein Grab nun zur Heimathstätte geworden, nicht verlassen kann. Und wenn hier nur sicherer Aufenthalt wäre! Ach wir nehmen Speise und Trank mit Weinen und Klagen. Mit dem Psalmisten können wir sagen: „Du hast uns gespeiset mit Thränenbrod, getränkt mit Thränen in vollem Maße,“ vielleicht sogar über das Maß hinaus.

34. Und was soll ich nun von mir sagen? Nicht sterben darf ich, um die Schwester nicht zu verlassen; und ich mag auch nicht leben, um von dir nicht getrennt zu sein. Was kann mir denn ohne dich noch Freude bereiten, da in dir meine ganze Freude beschlossen war? Was kann mich locken, noch länger dieses Leben zu fristen, noch ferner hier zu weilen, wo wir nur so lange glücklich gelebt haben, als wir zusammen lebten? Und gäbe es auch noch Etwas, das uns hier erfreuen könnte, ohne dich wäre das doch nicht möglich; und hätten wir auch noch so dringend gewünscht, unser Leben zu verlängern, ohne dich könnten wir es doch nicht.

35. Das ist in der That unerträglich. Oder was ist erträglich ohne dich, den Begleiter meines Lebens, den Genossen meiner Arbeiten und Geschäfte? Konnte ich ja seinen Tod nicht einmal vorausbedenken, um ihn erträglicher zu machen: so scheute mein Geist, von ihm solches zu denken, nicht als hätte ich die Lage der Dinge verkannt, sondern weil eine besondere Art des Wünschens und Betens das Gefühl der allgemeinen Gebrechlichkeit zurückdrängte, so zwar, daß ich außer Stande war, von ihm etwas Anderes als Glückliches zu denken.

36. [S. 340] Als dann aber dieser schwere Unfall — wollte Gott, es wäre der letzte für mich gewesen! — mich bedrohte, daß wir scheiden müßten: da beklagte ich nur dieses, daß du selbst nicht an meinem Bette saßest und mit der Schwester den Liebesdienst theilend die Augen des Sterbenden mit deiner Hand schloßest. Was hatte ich alles gewünscht? Was vergelte ich jetzt? Welche Gelübde sind unerhört geblieben? Welche Dienstleistungen folgen jetzt? Ach ich bereitete eine andere Dienstleistung vor, als ich jetzt gezwungen werde auszuführen: nicht Gegenstand, sondern Führer der Bestattung bin ich. Wie waret ihr Augen so abgestumpft, daß ihr den Bruder konntet sterben sehen! Wie waret ihr Hände so grausam, daß ihr die Augen schloßet, in denen ich so Vieles gesehen! Und härter noch war der Nacken, der die Todtenlast, wenn auch im trostbringenden Dienste, tragen konnte!

37. Du, mein Bruder, hättest mit mehr Recht mir diesen Dienst erweisen müssen! Von dir habe ich ihn erwartet und gewünscht. Wo soll ich nun, des eigenen Lebens Ueberleber, wo soll ich Trost finden ohne dich, der du allein den Trauernden zu trösten pflegtest, wie du auch die Freude brachtest, den Trübsinn verscheuchtest? Ach, wie erblicke ich dich jetzt, mein Bruder! Kein Wort mehr sagst du mir, keinen Kuß mehr bietest du mir! Freilich, so hatte immer unsere gegenseitige Liebe uns beseelt, daß dieselbe mehr durch inneres Fühlen genährt, als durch äußere Zärtlichkeit kundgegeben wurde: da wir unserer gegenseitigen Huld sicher waren, suchten wir nicht das Zeugniß äußerer Handlungen. So sehr hatte sich der Geist der Blutsverwandtschaft in uns ergossen, daß wir unsere Liebe nicht durch Zärtlichkeiten zu beweisen brauchten: vielmehr schien es, als verlangten wir gar nicht nach diesem eitlen Dunst von Schmeicheleien, weil wir im Bewußtsein der Ergebenheit mit der inneren Liebe zufrieden waren, zumal selbst die äußere Gestalt uns zur gegenseitigen Liebe gewissermaßen formte: wir erschienen ja, ich weiß selbst nicht, ob durch einen gewissen geistigen Ausdruck, ob durch die Aehnlichkeit des Leibes, der Eine im Anderen.

38. [S. 341] Wer hat dich je angeschaut und nicht gemeint, mich zu sehen? Wie oft habe ich Jemanden gegrüßt, der, weil er dich zuvor gegrüßt hatte, jetzt von dir gegrüßt zu sein wähnte? Wie Viele haben dir etwas gesagt, während sie behaupteten, es mir gesagt zu haben? Welche Freude, welche Heiterkeit ist mir oft daraus entstanden, wenn ich erkannte, daß sie in uns sich irrten? Wie angenehm war der Irrthum, wie erheiternd die Täuschung, aber auch wie schuldlos und wie lieb war solche Irrung und Verläumdung! Denn von Allem, was du sagtest oder thatest, fürchtete ich Nichts; vielmehr freuete ich mich, wenn dein Thun mir zugeschrieben wurde.

1: Den Zusatz: „et senilem viduae maturioris uterum in usus desuetos onerum redire, non pignorum“ glaubten wir unübersetzt lassen zu dürfen.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger