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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

6.

26. Ich erkenne nun aber die Angst des vorahnenden Herzens, indem ich selbst nur wiederhole, was ich geschrieben. Ich habe dich zurückgehalten, mein Bruder, daß du nicht selbst nach Afrika gehen, vielmehr irgend Jemanden dorthin senden möchtest. Ich war besorgt, dich dem weiten Wege und den Meeresfluthen anzuvertrauen, und mehr als sonst erfüllte Furcht meine Seele: du hast indessen die Reise ausgeführt, hast die Angelegenheit geordnet und dann auf altem, leckem Fahrzeuge dich von Neuem den Fluthen preisgegeben. Da du nämlich auf Schnelligkeit bedacht warest, hast du die Vorsicht hintangesetzt, begierig nach unserer Liebe, während du die eigene Gefahr dir ausredetest.

27. O trügerische Freude! o unsicheres Loos irdischer Dinge! Aus Afrika zurückgekehrt, dem Meere entronnen, aus dem [S. 336] Schiffbruche errettet, könntest du uns — so dachten wir — nicht mehr entrissen werden: indessen erlitten wir, obwohl am Land, schweren Schiffbruch, da der Tod desjenigen, den Meeresunfall dem Tode nicht zuzuführen vermochte, uns zum Schiffbruche wurde. Was bleibt denn auch denjenigen noch an Annehmlichkeit, denen so süße Zierde genommen, denen das Licht, das so überherrlich in des Lebens Finsterniß leuchtete, ausgelöscht wurde? In ihm ist nicht allein die Zierde unserer Familie, sondern des ganzen Vaterlandes gestorben.

28. Ich schulde euch aber, meine geliebtesten Brüder, den innigsten Dank dafür, daß ihr meinen Schmerz nicht anders denn als eueren eigenen ansehet; daß ihr unsere Vereinsamung auch euch zurechnet, daß ihr das Weinen der ganzen Stadt, die Gebete aller Stände mit einer besonderen Treue darbietet. Das ist nicht der Schmerz persönlichen Mitgefühles, sondern das ist der Dienst öffentlicher Theilnahme, eine Gabe des tiefen Wohlwollens. Sollte aber doch rein persönliches Mitleid mit mir euch erfassen, weil ich einen solchen Bruder verloren habe, so finde ich dafür die reichste Entschädigung in dem Beweise eurer Zuneigung. Ich wünschte vielleicht persönlich lieber, daß der Bruder noch leben möchte; aber immerhin ist die öffentliche Theilnahme im Glücke angenehmer, während sie im Unglücke dankeswürdiger ist.

29. Und in der That erscheint auch mir das Verdienst solcher Theilnahme keineswegs gering. Es wird ja in der Apostelgeschichte beim Tode der Thabita der weinenden Frauen nicht müßiger Weise Erwähnung gethan; auch im Evangelium wird die Schaar, welche, tief erregt durch die Thränen der Wittwe, der Leiche des Jünglings folgte und welcher die Auferweckung zu danken war, nicht ohne Grund aufgeführt. Die Thabita beweinten die Wittwen, den Jüngling zu Naim beweinte die ganze Stadt: so ist es denn nicht zweifelhaft, daß ihr mit euren Thränen den Schutz der Apostel erwerbt; ja, Christus selbst ist vom Mitleid bewegt, da er euch weinen sah. Wenn er auch nicht die Todtenbahre berührte, so hat er doch die Seele sich lassen empfohlen sein; wenn er auch den Gestorbenen mit [S. 337] vernehmbarem Worte nicht angeredet hat, so hat er doch mit der Fülle seiner Macht die Seele von den Qualen des Todes, von den Anfechtungen des bösen Geistes befreit. Wenn ferner er, der gestorben war, sich auch nicht aufrichtete auf der Bahre, so hat er doch seine Ruhe gefunden in Christo; wenn er zu uns nicht geredet hat, so erkennt er doch jetzt, was über uns liegt, und er erfreut sich im Anschauen desjenigen, was erhabener ist als wir. Durch das, was wir im Evangelium lesen, erkennen wir ja, was zukünftig ist, und die Gestaltung der Gegenwart birgt das Zeichen der Zukunft.

30. Zeitliche Auferweckung war für den nicht nöthig, dessen die Auferweckung für die Ewigkeit wartet. Wozu sollte er denn in diese elende, gefahrvolle Armseligkeit zurückfallen, wozu sollte er zurückkehren in dieses beweinenswerthe Dasein, da wir uns ja vielmehr freuen müssen, daß er den drohenden Uebeln, den anstürmenden Gefahren entrissen ist? Wenn einstmals Niemand den Henoch beweinte, da er aufgenommen wurde, während doch der Erdkreis beruhigt war und die Kriege beendigt: wenn vielmehr nach dem Zeugnisse der Schrift1 der Prophet lobpreisend sprach: „Er ist weggenommen, damit die Bosheit nicht sein Herz verderbe:“ um wie viel mehr müssen wir das jetzt sagen, wenn zu dem allgemeinen Elende dieser Welt noch das Unsichere der Zeit hinzutritt! Er ist weggenommen, damit er nicht in die Hände der Barbaren falle; er ist weggenommen, damit er nicht den Untergang des ganzen Erdkreises, das Ende der Welt, den Tod der Mitbürger, die Bestattung der eigenen Angehörigen, und damit er nicht — was bitterer als aller Tod ist — die Befleckung der heiligen Jungfrauen und Wittwen erlebe.

1: Weish. 4, 11.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Gregor Emmenegger