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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

4.

15. Wie soll ich nun solcher Huld, solcher Mühe vergelten? Ich hatte dich, mein Bruder, mir als Erben gedacht; du [S. 331] hast mich jetzt als Erben zurückgelassen: ich wünschte dich als Ueberlebenden, du hast nun mich als Ueberlebenden hier belassen. Ich habe für deine Gaben, um die Wohlthaten einigermaßen auszugleichen, Wünsche dargebracht: jetzt sind die verloren, aber deine Wohlthaten habe ich nicht verloren. Was soll ich nun beginnen als Nachfolger meines Erben? als Ueberlebender des eigenen Lebens? Was soll ich beginnen, da du des Lichtes, das ich aufnehme, nicht mehr theilhaftig bist? wie soll ich Dank oder Dienst dir erweisen? Du hast von mir jetzt Nichts, als meine Thränen: aber vielleicht begehrst du, deines Lohnes schon sicher, auch diese Thränen nicht, welche einzig mir noch übrig sind? Ja, du hast, als du noch lebtest, zu weinen verboten; da hast du schon kundgegeben, daß unser Jammer dir mehr Schmerz bereitet als dein Tod. So sollen denn die Thränen nicht ferner fließen, das Jammern soll enden. Die Huld, die wir dir entgegenbringen, heischt es: wir möchten sonst, während wir unseren Verlust beweinen, an deinen Verdiensten zu verzweifeln scheinen.

16. Aber in der That minderst du auch die Schärfe jenes Schmerzes: um dich trug ich Sorge, jetzt bin ich um Nichts mehr besorgt; ich habe Nichts mehr, was mir etwa die Welt noch entrisse. Zwar bleibt mir eine heilige Schwester, verehrungswürdig in ihrer Tugend, nicht ungleich an Fähigkeit; aber wir beide haben doch zumeist Sorge um dich getragen, in dir glaubten wir unseres Lebens Freude beschlossen. Um deinetwillen zu leben, war uns Wonne, um deinetwillen zu sterben, hätten wir nicht gescheut. Daß du uns überleben möchtest, war der Gegenstand unserer Gebete; daß wir dich überleben sollten, konnte uns nicht erfreuen. Wann wäre unser Herz nicht erschrocken, wenn solche Furcht in ihm zitterte? Ach wie war unser Geist niedergebeugt, als deine Krankheit uns kund ward?

17. Ach der unglücklichen Täuschung! Wir hielten den für zurückgegeben, den wir entrissen sehen: jetzt erkennen wir, daß durch deine Gelübde bei dem heiligen Martyrer Laurentius das schützende Geleit erwirkt war. Wollte Gott, [S. 332] du hättest auch deines Lebens längere Dauer dir erfleht! Ja du hättest, wie du Geleit und Rückkehr dir erflehtest, auch noch weitere Lebensjahre dir erflehen können. Indessen auch so danke ich dir, allmächtiger ewiger Gott, dafür, daß du diesen letzten Trost uns nicht versagt, die so sehnlich gewünschte Rückkehr unseres geliebtesten Bruders aus den fernen Gegenden Siciliens und Afrikas uns gegönnt hast. So rasch freilich ist er uns nach seiner Ankunft entrissen, daß es scheinen könnte, als wäre es nur um deßwillen verzögert, daß er zu den Brüdern zurückkehrte.

18. Indessen besitze ich immerhin mein Unterpfand, das mir keine Trennung rauben kann: ich habe die Reliquien, die ich umfasse, den Grabhügel, über dem ich hingestreckt liege, den ich mit meinem Körper decke, und ich meine Gott wohlgefälliger zu werden, wenn ich auf den Gebeinen des heiligen Leichnams ruhe. Hätte ich doch auch dem Tode meinen Leib können entgegen werfen! Wärest du dem Schwerte ausgesetzt gewesen, ich hätte für dich mich durchbohren lassen; hätte ich deine scheidende Seele zurückrufen können, ich hätte auf das bereitwilligste mein Leben hingegeben.

19. Nichts hat es mir genützt, deine letzten Athemzüge eingeschlürft und dem Sterbenden meinen Odem in den Mund gehaucht zu haben; denn ich hatte geglaubt, entweder deinen Tod selbst einathmen oder mein Leben in dich überströmen zu können. O schmerzliches und doch so süßes Pfand des letzten Kusses! O traurige Umarmung, die den entseelten Leib erstarren, den letzten Hauch entschwinden fühlt! Fest schloß ich die Arme, aber schon hatte ich den verloren, den ich umschlungen hielt; den letzten Athemzug nahm ich im Kusse entgegen, aber ich trank schon die Gemeinschaft des Todes. Ich weiß nicht, wie jener lebenspendende Hauch mir geworden ist, und wie er im Tode noch größere Anmuth athmete! Und da ich denn nun einmal dein Leben mit meinem Athem nicht verlängern konnte, wenn doch wenigstens die Kraft deines letzten Hauches in meine Seele jene Reinheit und Unschuld deines Herzens hätte hinüberströmen können! Hättest du doch diese Erbschaft mir hinterlassen [S. 333] mein theuerster Bruder! sie hätte nicht mit Jammer und Schmerz das Gemüth erschüttert, sondern mit wunderbarer Huld den Erben geschmückt.

20. Was soll ich denn nun beginnen, da ich alle Freude, allen Trost, alle Zier meines Lebens verloren habe? Du allein warst mir ja im Hause zum Troste, draußen zur Zier. Du warest im Berathen maßgebend, der Theilnehmer meiner Sorgen, der Vermittler in den Geschäften, der Vertreiber des Kummers. Du tratest ein für meine Handlungen, warest der Vertheidiger meiner Pläne. Du allein warest es endlich, auf dem die häusliche wie die öffentliche Sorge lastete. Oft genug — deine heilige Seele rufe ich als Zeugin an! — oft genug habe ich beim Baue des Tempels1 einzig gefürchtet, dir zu mißfallen. Als du zurückkehrtest, hast du die Verzögerung getadelt. So sehr hast du im Hause und draußen dem Priester Rath und Entscheidung zu Theil werden lassen, daß du nicht aufhörtest, an die häuslichen Angelegenheiten zu denken, und gleichzeitig bestrebt warest, die öffentlichen zu besorgen. Ich darf nicht fürchten, anmaßend in meiner Rede zu erscheinen: ist dieses ja dein Lobesantheil, da du ohne irgend welche Ueberhebung das Hauswesen deines Bruders geleitet und sein Priesteramt nach außen empfohlen hast.

1: Es ist die von Ambrosius gebaute und auch nach ihm benannte Basilika gemeint, von welcher der Heilige ep. 22 schreibt.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger