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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

15.

75. Und doch, mein theuerster Herzensbruder, obwohl du so vorzeitig im Tode hingesunken, darf ich dich selig preisen, daß du dieses nicht zu ertragen hast, was ich trage, daß du nicht gezwungen bist, den Bruder als verloren zu betrauern. Du konntest ja die Trennung von ihm nicht einmal ertragen, und in beschleunigter Rückkehr suchtest du ihn wieder auf. Wenn du nun damals eiltest, den Jammer meiner Einsamkeit zu verscheuchen, die Trauer meines brüderlichen Herzens zu heben: wie viel mehr mußt du dann jetzt mein tief betrübtes Gemüth heimsuchen, um die Trauer, die um dich begonnen, auch durch dich zu sänftigen!

76. Indessen gewährt mir die Erfüllung meiner Berufspflicht immerhin noch einige Geistesabspannung, und die [S. 358] Richtung meines priesterlichen Amtes lenkt meinen Geist ab: was wird aber meine heilige Schwester erdulden, die zwar durch die Furcht Gottes ihre Verwandtenliebe regelt, aber andererseits auch an der Frömmigkeit den Schmerz ihrer Anhänglichkeit entzündet? Auf den Boden hingestreckt, das Grab ihres Bruders im Herzen umschließend, ermattet von mühsamem Wandeln, tief betrübt in ihrer Seele hält sie Tag und Nacht den Schmerz wach und frisch. Wenn sie dann auch bisweilen ihre Thränen durch ein Gespräch hemmt und unterbricht, so ruft sie dieselben im Gebete doch wieder hervor. Obgleich sie ferner durch ihr Erinnern an die Worte der Schrift Allen vorgeht, die Anderen Tröstungen darbieten: so gleicht sie doch auch wieder ihr Verlangen nach dem Thränenguß der Liebe aus durch die Ausdauer im Gebete, und gerade dann läßt sie die Thränen von Neuem und reichlicher strömen, wenn Niemand sie unterbrechen kann. So findest du denn hier wohl, was du bedauern, Nichts, was du tadeln könntest: denn im Gebete weinen, ist immerhin ein Zeichen der Tugend. Zwar ist das den Jungfrauen mehr eigen, daß ihr zarteres Geschlecht, ihr weicheres Gefühl schon beim Anblicke der allgemeinen Gebrechlichkeit auch ohne Hinzutritt häuslichen Schmerzes in Thränen überströmt: steigert sich aber der Grund zur Traurigkeit, dann ist der Trauer kein Ziel zu setzen.

77. Es fehlt darnach die Möglichkeit zu trösten, weil entschuldigende Ausrede zur Hand ist. Du kannst ja nicht tadeln, was du lehrst, mein Bruder, zumal wenn die Schwester ihre Thränen der Frömmigkeit, nicht dem Schmerze zuschreibt, und wenn sie dem allgemeinen Jammer eben aus Furcht vor Beschämung sich entzieht. So tröste du sie denn, mein Bruder! Du kannst ihrer Seele nahen, in ihr Herz eindringen. Sie möge dich gegenwärtig sehen, sie möge fühlen, daß du ihr nicht ganz gestorben bist. Sie soll von dem getröstet, dessen Verdienst ihr nicht zweifelhaft ist, lernen, den ferner nicht zu beklagen, der sie erinnert, daß er nicht zu beklagen sei.

78. [S. 359] Aber was soll ich dich aufhalten, mein Bruder? Was soll ich warten, meine Rede mit dir sterben und begraben zu lassen? Wenn auch die Gestalt deines entseelten Leibes uns noch tröstet, wenn auch ihre huldreiche Schönheit, so lange sie da vor uns ruht, die Augen erquickt: so zögere ich doch nicht länger. Wir wollen hinziehen zum Grabe! Aber vorher rufe ich noch hier vor allem Volke das letzte Lebewohl, künde dir den Frieden, biete dir den Abschiedskuß. So gehe denn voran zu dem Hause, das Aller wartet, das Alle beziehen müssen, das aber mir jetzt vor allen Anderen erwünscht ist. Bereite dem Hausgenossen dort eine gemeinsame Stätte! Wie wir hier Alles gemeinschaftlich besaßen, so wollen wir auch dort getrenntes Recht für uns nicht kennen lernen.

79. Darum aber bitte ich dich, daß du nicht lange den zurückhältst, der nach dir sich sehnt: erwarte den Kommenden, hilf dem Eilenden, sporne an, wenn ich dir zu lange zu zögern scheine! Sind wir doch nie längere Zeit von einander getrennt gewesen; du pflegtest mich ja immer zu besuchen. Da du nun aber nicht mehr zurückkehren kannst, so wollen wir zu dir kommen: es ist ja billig, daß wir gegenseitig die Pflichten erfüllen. Niemals war ja die Lage unseres Lebens eine zu getrennte: stets war uns Krankheit wie Gesundheit gemeinsam: wenn der Eine erkrankte, dann fiel auch der Andere der Krankheit anheim; wenn der Eine der Genesung sich zuwendete, dann erhob sich auch der Andere wieder. Wie haben wir nun unser Recht verloren? War doch auch jetzt noch in der Krankheit eine Gleichzeitigkeit, wie ist denn die Gemeinsamkeit des Todes uns verweigert?

80. So empfehle ich denn dir, allmächtiger Gott, diese lautere Seele, dir bringe ich mein Opfer dar: nimm du in Gnade und Milde die Gabe des Bruders, das Opfer des Priesters!Diese Weihegabe meiner selbst sende ich jetzt schon voraus; in diesem Unterpfande komme ich selbst zu dir; es ist kein Pfand an Geld, sondern vom Leben genommen. Laß mich [S. 360] denn nicht gar zu lange als Schuldner des Darlehens hier zurück! Es handelt sich ja nicht um gewöhnlichen Zins brüderlicher Liebe, nicht um niedriges Loos der Natur, wo die Fülle der Tugend die Schuld anhäuft. Ich kann sie tragen, wenn ich bald zur Zahlung gezwungen werde.

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger