Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

14.

70. Versiegen sollen also die Thränen! Den von Gott gegebenen Heilmitteln gemäß soll man leben, weil doch zwischen Gläubigen und Ungläubigen ein Unterschied obwalten muß. Diejenigen mögen weinen, welche die Hoffnung der Auferstehung nicht haben können, jene Hoffnung, welche kein Urtheilsspruch Gottes, welche uns einzig die Schwäche des Glaubens raubt. Ein Unterschied muß zwischen den Dienern Christi und den Verehrern der Götzen bestehen: diese mögen die Ihrigen beweinen, die sie für immer dem Untergange geweiht erachten; sie mögen ihren Thränen keine Unterbrechung, ihrem Schmerze keine Ruhe gestatten, weil sie an das Ruhen der Todten nicht glauben. Uns aber, denen das Sterben nicht der Tod der Natur, sondern nur das Ende dieses Lebens ist, wobei die Natur selbst zum Besseren verwandelt wird: uns soll der Eintritt des Todes auch die Thränen allzumal trocknen.

71. Wenn nun aber selbst jene noch irgend einen Trost für sich gefunden haben, welche den Tod für das Ende des Fühlens, für die Auflösung der Natur halten: um wie viel mehr müssen wir uns trösten, denen das Bewußtsein der guten Werke nach dem Tode herrlichere Belohnung verheißt! Die Heiden haben Trost gefunden, indem sie den Tod als das Ausruhen von allen Leiden ansahen: wie sie den Genuß des Lebens entbehrten, so — meinen sie — fehlte dort auch jedes schmerzliche Gefühl von all’ den Leiden, die wir im diesseitigen Leben so schwer und andauernd zu ertragen haben. Wir aber müssen, wie durch die Belohnung mehr aufgerichtet, so auch in der Tröstung geduldiger sein; nicht verloren, sondern nur vorausgeschickt scheinen ja die zu sein, welche der Tod nicht verschlingen, sondern die Ewigkeit aufnehmen sollte.

72. So werden denn auch meine Thränen aufhören zu fließen: oder wenn sie noch nicht gänzlich versiegen können, [S. 356] dann werde ich in den allgemeinen Klagen dich mitbeweinen, mein Bruder, und unter dem öffentlichen Jammer werde ich den häuslichen Schmerz verbergen. Wie sollten sie auch schon gänzlich versiegen, da sie bei jedem Anklingen deines Namens wieder hervorbrechen: mag nun der tägliche Verkehr die Erinnerung wachrufen, mag das Gefühl das Bild wieder vorführen oder mag die Erinnerung den Schmerz erneuern? Wann bist du mir abwesend, der du in so erhabenen Geschäften mir vergegenwärtigt wirst? Du bist immer gegenwärtig, sage ich; immer drängst du dich meinem Geiste auf, und mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele umfasse ich dich; ich schaue dich an, ich rede mit dir, küsse und umarme dich in nächtlicher Ruhe wie in dem Glanze des Tageslichtes: so läßt du dich herbei, den Trauernden zu besuchen und zu trösten. So sind in gewissem Sinne die Nächte jetzt willkommen, welche, als du noch lebtest, so lästig erschienen, weil sie den gegenseitigen Anblick uns entzogen; so beginnt jetzt selbst der Schlaf, der lange genug ein unliebsamer Störer unserer Unterhaltung gewesen, angenehm zu werden: gibt er ja dich mir zurück! Nicht beklagenswerth also, sondern selig sind diejenigen, deren Beisammensein nicht aufhört, deren zärtliche Sorge um einander nicht vermindert, deren Huld aber gesteigert wird. So findet der Tod Bild und Gleichniß im Schlafe.

73. Wenn die Seele, obwohl noch haftend in den Fesseln des Körpers, gebunden gleichsam im Kerker der Glieder, doch Höheres und Geistiges erkennen kann: um wie viel mehr wird sie das schauen, wenn sie dereinst in ihrem reinen vergeistigten Fühlen kein Hinderniß körperlicher Gebrechlichkeit mehr empfindet! So bist du mir, als ich einst beim Neigen des Tages mit Recht beklagte, daß du den Ruhenden nicht heimsuchtest, in deiner ganzen Persönlichkeit zur Seite gestanden. Meine Glieder waren im Schlummer hingestreckt, aber im Geiste war ich wach für dich, und du warest für mich lebendig geworden: so konnte ich dir zurufen: „Was ist denn der Tod, mein Bruder?“ Du wurdest ja für keinen Augenblick von mir getrennt; ja [S. 357] so warest du mir jetzt zur Seite, daß der ununterbrochene Verkehr, dessen wir uns im Leben nicht erfreuen konnten, nunmehr uns zu Theil geworden ist. Vordem war das ja nicht unter allen Umständen thunlich: selbst die Ergüsse unserer zärtlichen Liebe waren zu jeder Zeit und an jedem Orte nicht möglich. Die Bilder der Seele aber waren immer bei uns, auch wenn wir selbst nicht beisammen waren: und sie sind auch jetzt nicht erloschen, ohne Unterlaß tauchen sie auf, um so zahlreicher, je größer die Sehnsucht ist.

74. So halte ich dich denn, mein Bruder, und die Zeit wird dich mir eben so wenig entreissen, als der Tod. Die Thränen sogar, die ich um dich weine, sind süß und angenehm, weil sie die Gluth der Seele sänftigen und so das Gefühl der Liebe gleichsam erfrischt aufathmen lassen. Ohne dich kann ich nun einmal nicht sein, dein muß ich immer gedenken, und das kann ich nicht ohne Thränen. O ihr bitteren Tage, die ihr verrathet, daß das Band zwischen uns zerrissen ist! O ihr bejammernswerlhen Nächte, die ihr diesen so guten, diesen unzertrennlichen Genossen meiner Träume mir genommen habt! Welche Qualen würdet ihr bereiten, wenn sein Bild sich nicht mir gegenwärtig zeigte, wenn das geistige Auge den nicht schaute, dessen körperliche Gestalt mir entzogen!

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
Bilder Vorlage

Navigation
. Erstes Buch
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. . 9.
. . 10.
. . 11.
. . 12.
. . 13.
. . 14.
. . 15.
. Zweites Buch: Über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger