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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

13.

65. Es ist also das Wort der heiligen Schrift auch zu mir gesagt: „Das lehrst du, so unterweisest du das Volk Gottes? Weißt du denn nicht, daß dein Beispiel eine Gefahr für die Anderen einschließt, wenn du nicht vielleicht geradezu klagst, daß du nicht erhört seiest. Vor Allem liegt darin eine schamlose Anmaßung, wenn du für dich allein zu erhalten wünschest, was — wie du sehr wohl weißt — vielen Anderen, selbst Heiligen, verweigert wurde: auch ist dir recht wohl bekannt, daß nach den Worten der Schrift, „bei Gott kein Ansehen der Person ist.“ Gott ist freilich barmherzig: wollte er aber immer und Alle erhören, so würde es ja den Anschein gewinnen, als handle er nicht in voller Freiheit [S. 353] seines Willens, sondern in Folge einer gewissen Nothwendigkeit. Wollte er Alle erhören, so würde ja, da Alle ihre Bitten an Gott richten, Niemand sterben. Für wie Viele betest du täglich? Sollen denn die Rathschlüsse Gottes durch die Rücksicht auf deine Person vereitelt werden? Warum klagst du, wenn du mitunter unerhört bleibst, da du doch weißt, daß die Erhörung eben nicht immer eintreten kann?

66. „Du vor allen Weibern thörichtes Menschenkind!“ sagt die Schrift, und das Wort gälte auch mir; „siehst du denn unsere Trauer nicht? weißt du nicht, was uns begegnet ist, — daß unsere Mutter Sion in unser Aller Trauer mittrauert und in unserer Erniedrigung erniedrigt ist? So weinet denn auch ihr jetzt in tiefster Trauer, da wir alle weinen; betrübet euch, da wir alle traurig sind.“ Du aber bist voll Trauer um deinen Bruder?! „So frage denn die Erde: sie wird es dir sagen, daß sie allein berechtigt ist, zu klagen, die all’ ihre Sprossen überdauert: aus ihr sind wir alle geboren, die Anderen werden aus ihr kommen, und siehe, Alle gehen dem Sterben entgegen, die ganze große Menge ist dem Tode geweiht. Darf nun sie, die eine solche Menge verloren hat, nicht mehr trauern als du, der du um einen Einzigen dich härmest?“

67. So soll denn der gemeinsame Jammer unseren eigenen Schmerz verschlingen und die Schärfe desselben tilgen. Wir dürfen ja auch diejenigen nicht beklagen, welche wir befreit wissen; und wir erinnern uns auch, daß nicht so ganz ohne Grund heilige Seelen gerade in dieser Zeit ihrer körperlichen Fesseln entledigt sind. Wir sehen nämlich, wie gleichsam nach einem göttlichen Urtheilsspruche edle, verehrungswürdige Wittwen zur selben Zeit sterben, so zwar, daß ihr Hinscheiden wie der Abschluß einer Reise, nicht wie ein Niedersinken im Tode erscheint: als sollte die hinreichend erprobte Keuschheit nicht der Gefahr neuer Kämpfe ausgesetzt werden. Hat denn nun diese so herbe Erinnerung mir Seufzer ausgepreßt oder Schmerzen bereitet? Wenn ich aber nicht ganz frei blieb von Klage und Trauer, dann tröstete [S. 354] mich doch in diesem persönlichen Leid über den Verlust eines solchen Kranzes von Verdiensten eben das allgemeine Gesetz der Natur.

68. Ich wiederhole also deine Tröstungen, heiliges Buch der Offenbarung. Lohnt es doch, bei deinen Aussprüchen zu verweilen, in deine Mahnungen sich zu vertiefen. Eher soll ja Himmel und Erde vergehen, als ein Buchstabe des Gesetzes vergeht. Hören wir denn die Worte, welche dort geschrieben sind: „Halte zurück in dir deinen Schmerz und trage ruhig und muthig, was dir widerfahren ist. Wenn du den Zeitpunkt, den Gott bestimmte, rechtfertigst, dann wirst du zu gegebener Zeit deinen Sohn zurückerhalten und gepriesen werden unter den Weibern.“ Wenn das zu einem Weibe gesagt ist, wie viel mehr gilt es dem Priester! War es mit Rücksicht auf den Sohn gesagt, so darf es auch wohl beim Verluste eines Bruders in das Gedächtniß gerufen werden: obwohl ich den Hingeschiedenen, wenn er mein Sohn gewesen, nicht inniger geliebt hätte. Wie beim Tode der Kinder die aufgewendeten Mühen, die nun vergebens ertragenen Schmerzen den Kummer zu vermehren scheinen: so schärft beim Tode des Bruders die Gemeinschaft des Lebens und der Arbeit die Bitterkeit des Schmerzes.

69. Aber da höre ich wieder das Wort der Schrift: „Rede nicht also, sondern lasse dich belehren und überzeugen. Was ist Sion begegnet? Tröste dich selbst um des Schmerzes Jerusalems willen. Du siehst es ja: unsere Heiligthümer sind entweiht, der Name, der angerufen ist über uns, ist der Verachtung preisgegeben und Schmach haben die Unsrigen erfahren. Unsere Priester sind verbrannt, unsere Leviten in der Gefangenschaft; unsere Weiber sind entehrt, unsere Jungfrauen geschändet, unsere Heiligen uns entrissen. Verrathen sind unsere Kinder, unsere Jünglinge sind Knechte, unsere Starken sind schwach geworden. Und, was mehr noch ist als alles Andere: Sion ist jetzt, nachdem sie ihres Ruhmesglanzes entkleidet worden, hingegeben in die Hände derer, die uns hassen. So vertreibe denn deine tiefe Trauer, [S. 355] entferne die Fülle deiner Schmerzen, damit der Allmächtige dir wieder Erbarmen erweise, damit der Allerhöchste dir Ruhe gebe in der Sänftigung deines Schmerzes.“

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger