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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über den Tod seines Bruders Satyrus (De excessu fratris Satyri)
Erstes Buch

2.

5. Warum ferner soll ich allein vor allen Anderen den beweinen, den ihr Alle beweint? Ich habe meinen persönlichen Schmerz in dem allgemeinen Jammer versenkt, zumal ja auch meine Thränen nutzlos sind, während euer Weinen den Glauben beweiset und gleichzeitig Trost bringt. Ihr Reichen weinet, und euere Thränen beweisen, daß die Reichthümer, die ihr gesammelt, Nichts helfen zum Heile: um Geldespreis läßt der Tod sich ja nicht zurückdrängen, vielmehr rafft der letzte Tag in gleichem Schicksal Reich und [S. 326] Arm hin. Ihr Greise weinet: in ihm, der hier liegt, fürchtet ihr das Loos eurer eigenen Kinder; wohlan denn! da ihr das Leben des Leibes nicht verlängern könnt, so leitet eure Kinder nicht so sehr zur Verwerthung des Leibeslebens, als zur Uebung der Tugend an. Auch ihr Jünglinge weinet, weil das Ende des Lebens nicht zusammenfällt mit der Todesreife des Greisenalters. Geweint haben auch die Armen, und was werthvoller, fruchtbarer noch ist: sie haben mit ihren Thränen seine Vergehen abgewaschen. Ja das sind erlösende Thränen, das ist ein Weinen, welches das Wehe über den Tod wegnimmt, das ist ein Jammer, der durch den Reichthum der ewigen Freude das Gefühl des früheren Schmerzes bedeckt. Handelt es sich somit hier auch nur um die Bestattung eines Einzelnen, so ist doch das Klagen allgemein; gerade darum kann aber auch das Weinen, welches durch die Theilnahme Aller geheiligt ist, nicht andauernd sein.

6. Was soll ich nun, mein geliebtester Bruder, dich beweinen, der du mir so entrissen wurdest, daß du Aller Bruder würdest? Der Verkehr mit dir ist mir nicht genommen, sondern nur geändert: vordem waren wir leiblich unzertrennlich; jetzt sind wir ungetheilt im Herzen, du bist immer bei mir, du wirst auch stets bei mir bleiben. So lange du mit mir im Leben verbunden warest, hat niemals das Vaterland dich mir entrissen; niemals hast du selbst mir das Vaterland vorgezogen, und jetzt hast du für das andere Vaterland die Gewähr übernommen für uns beide; denn ich habe schon begonnen, dort kein Fremder mehr zu sein, wo mein besserer Theil ist. Ich war ja niemals ganz in mir abgeschlossen; vielmehr war stets der größere Theil von uns Beiden in einem Anderen; wir waren ja Beide in Christo, in dem Alles ruht, das Ganze wie jeder Theil. So ist mir dieser Grabhügel angenehmer als die Stätte der Geburt: denn hier ruht die Frucht der Gnade, nicht die der Natur. In dem Leibe, der entseelt da liegt, birgt sich der bessere Theil meines Lebens, wie ja [S. 327] auch in dem Leibe, den ich noch trage, der reichere Theil deines Daseins sich birgt.

7. Ach wenn wir doch all’ unsere Athemzüge, wie der Erinnerung und Dankbarkeit gegen dich widmen, so auch deinem Leben beigeben könnten; wenn doch die Hälfte meiner kommenden Tage mir genommen und deinem Lebenslaufe zugelegt wäre! Es wäre ja wohl recht und billig, daß für die, welche immer ungetheilt Hab und Gut besessen, auch die Lebenszeit nicht verschieden sei: oder sicher doch, daß die, welche unterschiedslos Alles im Leben gemeinsam hatten, auch keinen Unterschied in der Sterbestunde gehabt hätten.

8. Wohin, mein Bruder, soll ich aber jetzt fortschreiten, wohin mich wenden? Der Zugstier sucht seinen Genossen und wähnt sich nicht vollständig, in wiederholtem Gebrüll sein Sehnen bezeugend, wenn einmal der fehlt, mit welchem zusammengefügt er den Pflug zu ziehen gewohnt ist. Und ich sollte dich, mein Bruder, nicht suchen? Oder kann ich denn jemals dein vergessen, nachdem ich stets mit dir gemeinschaftlich den Pflug dieses Lebens gezogen habe? In der Arbeit war ich schwächer, aber in meiner Liebe dir um so mehr verbunden; ich war nicht so sehr wegen meiner Tüchtigkeit brauchbar, als vielmehr durch deine Geduld ertragbar. Wie hast du mit treuer Liebe, immer besorgt, meine Seite mit deiner gedeckt: in deiner Liebe wie ein Bruder, in der Sorge wie ein Vater, vorsichtig bekümmert wie der ältere, voll Ehrfurcht wie ein jüngerer Bruder. So hast du mir, obschon nur durch das eine Band (der Bruderliebe) verpflichtet, die Dienste gar mannigfacher Pflichtverhältnisse geleistet, so daß ich in dir nicht einen, sondern Viele verloren habe und nun suchen muß, den Einen, bei dem Schmeichelei unbekannt, der lauter treue Hingebung war. Du brauchtest nichts Mangelndes durch Verstellung zuzufügen, weil du eben ganz von treuer Hingabe ergriffen warest, so zwar, daß du keine Beförderung annahmest, keine Vertretung erwartetest.

9. Aber wohin soll ich jetzt gehen, uneingedenk der Pflicht, eingedenk der geschwundenen Gnade, in unsäglichem Schmerze? [S. 328] Der Apostel ruft zurück und legt dem Jammer gleichsam Zügel an mit jenen Worten, die ihr jüngst gehört habt: „Wir wollen euch nicht in Ungewißheit lassen hinsichtlich der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie diejenigen, welche keine Hoffnung haben.“ Verzeiht, meine theuren Brüder! Nicht wir Alle können mit dem Apostel sagen: „Seid meine Nachahmer, wie ich Christi Nachahmer bin.“ Wollt ihr aber das Urbild zum Nachahmen, so habt ihr allerdings Einen, dem ihr nachahmen könnt. Nicht Alle sind zum Lehren geeignet, möchten nur Alle bereit und fähig zum Lernen sein!

 

 

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Einleitung zur Schrift über den Tod seines Bruders Satyrus
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger