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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. IX.

So suchen wir denn Christus dort, wo ihn die Kirche sucht, auf jenen Höhen, um deren Gipfel der himmlische Duft erhabenster Tugendwerke sich webt. Er meidet die Straßen, er entzieht sich dem geräuschvollen Treiben des Marktes, nach jenen Worten: „Flieh’, mein Geliebter, und werde gleich einem Rehe, gleich jungen Hirschen auf den Gewürzbergen!“1 Verhaßt all’ denen, welche, wie niedriges Gewürm, immerdar am Boden haften, wohnt der Herr nur bei erhabener Tugend; er weilt nur bei solchen Töchtern der Kirche, welche von sich sagen können:2 „Wir sind Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die zu Grunde gehen: den Einen nämlich ein Geruch des Todes zum Tode, den Andern ein Geruch des Lebens zum Leben,“ solchen nämlich, welche mit lebendigem Glauben den Auferstandenen umfassen.

[S. 167] Diejenigen also haben die Höhe des Glaubens in muthigem Tugendlaufe erstiegen, welche glauben, daß Jesus gestorben und begraben ist, die im Geiste seinen heiligen Leib zu dem Felsengrabe geleitet und mit Spezereien gesalbt haben; die aber auch wissen, daß der Herr glorreich auferstanden ist. Wo aber ist Christus hiernach sicherer zu finden, als in dem Geiste weiser Priester?!

Der Herr selbst deutet uns an, wo er zu finden ist. „Ich bin eine Blume des Feldes und eine Lilie in den Thälern, ja wie eine Lilie mitten unter den Dörnern.“3 Siehe da, wo er weilt: „Eine Blume des Feldes“ nennt er sich, weil er die offene Einfalt reiner Herzen liebt und aufsucht; „eine Lilie in den Thälern“, weil er die höchste Blüthe heiliger Demuth ist. „Wie eine Lilie unter den Dörnern“ erscheint er: oder erwächst er nicht unter den geistigen Beschwerden dieses Lebens, unter den Reueschmerzen der Seele als göttliche Blume voll himmlischen Duftes? Darum ruht auch das Auge Gottes versöhnt auf solchen Herzen, die in Reue vor ihm sich beugen.

Das ist die Wüste, meine Töchter! welche zum Himmelreiche führt; das ist auch jene Wüste, welche im Lilienblüthenschmuck erglänzt nach den Worten des Propheten4: „Da freuet sich die öde, ungebahnte Wüste, da frohlocket die Einöde und blühet wie eine Lilie.“ In dieser Wüste erhebt sich der gute Baum, welcher gute Früchte trägt: er beginnt seine Zweige weithin auszudehnen, seine Wipfel aber reichen zum Himmel, zum Schooße der Gottheit hinauf. Möchte doch auch den Baum unseres Lebens ein befruchtender Strahl der Gottheit treffen, so daß das Wort paßte:5 „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Geliebter unter den Söhnen.“ Dann würde die Kirche sich freuen und jubelnd ausrufen: „Unter seinem Schatten, wonach ich verlangt habe, sitze ich, und seine Früchte sind süß meinem Gaumen.“

[S. 168] Ja, die Kirche würde in unserem Anblicke und erfreut über die Frucht unseres Glaubens, die schon gezeitigt ist, ausrufen: „Er führet mich in die Keller, gefüllt mit Wein, und ordnet in mir die Liebe.“ Die Liebe kann ja nicht ohne den Glauben bestehen; die Kirche aber hat als dreifache Bürgschaft für ihre göttliche Stiftung: Glauben, Hoffnung, Liebe. Ist die Hoffnung lebendig geworden, ist der Glaube fest gegründet, dann wird auch die Liebe eingesenkt, und ihr Band umschlingt dann die Kirche.

1: Hoh. Lied 8, 14.
2: II. Kor. 2, 15. Die Bezugnahme auf diese Stelle ist rein willkürlich und bloß durch gleichlautende Worte veranlaßt. Der Apostel spricht von den Predigern des Evangeliums, die ein Gott wohlgefälliger Opfergeruch sind, sofern der Geist Christi sie erfüllt.
3: Hoh. Lied 2, 1.
4: Isai. 35, 1.
5: Hoh. L. 2, 3.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Jungfräulichkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger