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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. VIII.

Gleich bei der Gründung der Kirche suchten ganze Schaaren den Herrn auf. Warum? Weil er die Hand den Kranken auflegte und sie heilte. Da ward nicht erst eine bestimmte Zeit zur Heilung abgewartet, nicht erst ein bestimmter Platz aufgesucht. Denn an allen Orten und zu allen Zeiten fehlt es nicht an Heilmitteln. Im einsamen Hause wird Maria vom Engel gegrüßt, im Hause Davids zur Prophetin gesalbt. Ueberall aber heilt Jesus: auf der Wanderung, im Hause, in der Wüste. Auf der Wanderung ward jenes Weib geheilt, die den Saum seines Gewandes berührte; im Hause ward die Tochter des Synagogenvorstehers auferweckt; in der Wüste ward die ganze große Schaar erquickt. Wir lesen gleichfalls:1 „Als aber die Sonne untergegangen war, brachten Alle, welche Kranke von verschiedenen Gebrechen hatten, dieselben zu ihm: und er legte einem Jeden die Hände auf und machte sie gesund.“ Er machte also gesund in der Wüste und nach Untergang der Sonne und indem er die Hände auflegte, um sich so als Gott und Mensch zu offenbaren. Nicht mit Unrecht also suchten ihn die Schaaren nach Anbruch des Tages.

[S. 164] Wir beachten die innegehaltene Ordnung. Beim Untergange der Sonne werden Kranke zu Christus gebracht; nach Anbruch des Tages suchen ihn die Schaaren auf. Wann wird denn auch Christus gesucht, wenn nicht bei Tage? Denn wer im Lichte wandelt, der scheidet nicht von Christus. Deßbalb ist auch die Nacht noch erfüllt mit dem Jammer der Kranken; der Tag aber sieht alsbald den Glauben des Volkes, den Jubel der Geheilten, damit erfüllet werde, was geschrieben steht2: „Am Abend kehret Weinen ein, und am Morgen Freude.“ Und wo gibt es eine größere Gnadenerweisung an die Schaaren des Volkes, als diese, daß sie auch in die Wüste dem Herrn folgen dürfen?

Gleichzeitig lehrt er uns, daß dem Vollkommenen Ueberhebung nicht nahen dürfe; nicht der Menge der Kranken, die er heilen soll, weicht er aus, sondern nur dem Stolze auf die vollbrachten Werke. Wollen wir demnach selig werden, wollen wir der vollen Genesung unseres Geistes würdig werden, so muß alle Ueppigkeit, alle Leichtfertigkeit ferne bleiben von uns. Auf dem dürren, rauhen Wege dieses Lebens müssen wir bereitwillig Christus folgen, der alle Freuden der Sinnlichkeit flieht.

Folgen wir ihm durch den Glanz des Tages! Es ist der Tag, der in seiner Kirche hell leuchtet, jener Tag, den Abraham sah mit hoher Freude. Folgen wir Christo durch den Glanz des Tages; im Dunkel der Nacht findet man ihn nicht. „Auf meinem Bettlein in den Nächten suchte ich ihn, den meine Seele liebet: ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er hörte mich nicht.“3

Auch in der Unruhe des Lebens, auf den Wegen des öffentlichen Treibens wird Christus nicht gefunden. Daher die Klage: „Ich will aufstehen und herumgehen in der Stadt, in den Gassen und Straßen suchen ihn, den meine Seele liebt; ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht.“ Wir dürfen also den Herrn da nicht suchen, wo wir ihn nicht [S. 165] finden können. Was hat denn Christus mit dem Treiben des Forums gemein? Er ist der Friede und auf dem Forum herrscht der Streit; er ist die Gerechtigkeit, hier ist Ungerechtigkeit; er ist allezeit thätig, hier herrscht eitler Müssiggang; er ist lauter Liebe, und wie viel Schmähsucht verletzt auf dem Forum die Gesetze der Liebe! Hier stehen Götzen, denen die Menschen ihr Opfer bringen; Christus aber wohnt in seiner heiligen Kirche. An einem anderen Orte wendeten wir uns bereits an eine Wittwe mit tadelnden Worten, aber sie mußte erkennen, daß es uns nicht darum zu thun war, sie zu schmähen, sondern bloß zu mahnen. So möge sie auch jetzt mich nicht als einen harten Menschen beurtheilen, sondern nur als sehr besorgt um sie; ich begehre Zulassung, um ihr die volle Aussöhnung zu bieten: denn in der Kirche wird die Wittwe zur Gerechtigkeit geführt, im Gewirre des öffentlichen Lebens wird sie betrogen. So meiden wir denn das Treiben des Forums und der Straße!

Dann aber sage zu der Weisheit: „Du bist meine Schwester,“ und nenne die Klugheit „deine Freundin, damit sie dich bewahre vor dem fremden und buhlerischen Weibe. . . Sie schaut aus dem Fenster ihres Hauses nieder auf die Straßen.“4 Fliehen wir also die öffentlichen Straßen. Es schließt nicht bloß eine Kränkung ein, den nicht gefunden zu haben, welchen man suchte; nein es bleibt auch nicht ohne eigentlichen Nachtheil, da wo man es nicht durfte, mehr aus Vorwitz als in rechter Gesinnung gesucht zu haben: in den Häusern von Männern nämlich, die sich zu Unrecht den Namen von Lehrern beilegen.

Hüten wir uns, daß nicht die Kirche jene Worte5 auf sich um unseretwillen beziehen müsse: „Da fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen; die schlugen mich und verwundeten mich; die Wächter der Mauern nahmen mir meinen Mantel.“ Wir wiederholen es: nicht in sich [S. 166] selbst, nein in uns ist die Kirche verwundet. So hüten wir uns denn, daß wir nicht durch unseren Fall die Kirche verwunden; hüten wir uns, daß Jemand „uns den Mantel nehme“, das heißt den Schmuck der Weisheit und Geduld, welcher die weichlichere Umhüllung ausschließt. Denn „die mit weichen Kleidern angethan sind, die weilen in den Häusern der Könige.“ Uns aber hat Christus den Mantel verliehen, in den er auch seine Apostel und seinen eigenen heiligen Leib hüllte. Befiehlt er nun, demjenigen, welcher den Rock erbitte, auch noch den Mantel zu geben, so heißt das nichts anderes, als: wir sollen das Gewand unserer Weisheit ihm geben und den, welcher vorher nackt und bloß war, damit bekleiden.

1: Luc. 4, 40.
2: Ps. 29, 6 [Hebr. Ps. 30, 6].
3: Hoh. Lied 3, 1.
4: Sprüchw. 7, 4 ff. Das Citat ist nach den LXX.
5: Hoh. Lied 5, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger