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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. VII.

Weder verwerflich, noch neu erscheint also das Streben nach jungfräulicher Reinheit. Wir wollen sehen, ob es etwa mit Recht unnütz genannt werden darf. Wir wissen, daß Einige gemeint haben: die Welt, das menschliche Geschlecht ginge zu Grunde, die Ehen selbst würden auf die Dauer in Frage gestellt. Aber wer hat denn bis zur Stunde je eine Gattin gesucht, ohne eine zu finden? Wann hat man um Jungfrauen Kriege begonnen? Wo ist jemals um einer Jungfrau willen, auf die Mehrere Anspruch erhoben, Jemand getödtet worden? Die Ehen haben das wohl zur Folge, daß der Ehebrecher mit der Gattin getödtet, daß der Räuber der Gattin durch Krieg verfolgt wird.1 Das ist allezeit zum Nachtheile des Landes ausgeschlagen. Um einer gottgeweihten Jungfrau willen ist noch Niemand verurtheilt. Die Keuschheit wird ja nicht durch Androhung einer Strafe erhalten; nein, die Religion vermehrt, der Glaube beschützt sie.

[S. 161] Sollte nun Jemand meinen, durch die heiligen Gelübde der Keuschheit würde das menschliche Geschlecht an Zahl geringer, so möge er bedenken, daß da, wo wenige Jungfrauen, auch weniger Menschen sind: daß aber, wo die Jungfräulichkeit in Blüthe steht, auch die Menschenzahl größer ist. Beachtet doch nur, wie viele Jungfrauen die Kirche zu Alexandrien, die morgenländische Kirche überhaupt und die afrikanische Kirche Gott alljährlich weihet. Hier werden weniger Menschen geboren, als dort Jungfrauen den Schleier nehmen. Der ganze Erdkreis kann also thatsächlich Zeugniß ablegen, daß die Jungfräulichkeit nicht unnütz ist; das gilt um so mehr, als ja durch eine Jungfrau der Welt das Heil gekommen ist, welches Schätze beseligender Früchte einschließt.

Will man gleichwohl Verbote erlassen, so möge man auch verbieten, daß die Gattin in standesmäßiger Enthaltsamkeit lebe; vielleicht könnte ja die Ehe dann zahlreicher mit Nachkommenschaft gesegnet werden. Man sollte unter jener Voraussetzung sogar verlangen, daß eine Frau während längerer Abwesenheit ihres Gatten diesem die Treue nicht bewahre, damit nicht diese Zeit vorübergehe, ohne daß sie einem Kinde das Leben gibt.

Den Jünglingen soll es nach der Meinung der Ankläger schwerer werden, zur Ehe zu gelangen! Und wenn es ihnen nun bequemer gemacht wird, wie dann? Es lohnt hier doch der Mühe, mit denjenigen ein Wort zu reden, welche für das Verbot der Jungfräulichkeit eintreten. Wir dürfen also untersuchen, wer diese sind: ob sie bereits vermählt sind oder nicht. Ist Ersteres der Fall, so haben sie keinen Grund für ihre Furcht. Sind sie nicht vermählt, so sollen sie sich doch nicht selbst die Schmach anthun, daß sie gerade die Vermählung mit Jener anstreben, die ihnen hierin nicht zu willfahren gedenkt. Vielleicht sind es auch Väter, welche um die Verbindung der eigenen Töchter sorgen, aber sich darüber grämen, daß Jungfrauen Gott geweihet werden? Diese haben aber erst recht keinen Grund, zu fürchten, wenn sie guten Rath annehmen wollen; unter einer geringen [S. 162] Anzahl von Jungfrauen werden ja ihre eigenen Töchter um so leichter gewählt werden.

Gar Manche sagen auch, die Jungfrauen dürften erst in reiferem Alter den heiligen Schleier nehmen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es großer Vorsicht Seitens des Priesters bedarf, damit nicht leichtfertiger Weise eine Jungfrau zu den Gelübden zugelassen werde. Es soll also der Priester gar sehr auf das Alter sehen, aber auf Alter und Reife im Glauben und in der Tugend. Er soll prüfen die Reife der Schamhaftigkeit, die Gewohnheit heiligen Ernstes, die erprobte Treue der Sitten, die echte Gesinnung der Keuschheit: dann soll er endlich fragen, ob die Hut der Mutter treu, ob der Verkehr der Gespielen lauter gewesen. Ist all’ dieses in guter Ordnung, so fehlt der Jungfrau auch nicht die Reife des Alters; ist es mangelhaft, so möge die Aufnahme verzögert werden, da es sich hier um eine Unreifheit mehr in den Sitten als im Alter handelt.

Es wird also keineswegs das blühendere Alter einfach zurückgewiesen: es wird vielmehr das Innere geprüft. Die heilige Thekla hat sich wahrlich nicht durch Alter, wohl aber durch Tugend bewährt erwiesen. Was sollen wir hier noch weiter anführen, da jedes Alter Gott wohlgefällig und vollkommen vor Christus ist? Wir können doch wahrlich nicht die Tugend schlechthin eine Zugabe des Alters nennen: vielmehr ist umgekehrt das Alter ein Zuwachs der Tugend. Darf man sich ferner über die in früher Jugend abgelegten Gelübde wundern, wenn man von den Martern zarter Kinder lieset? Es ist ja geschrieben: „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.“ Zweifeln wir etwa, daß die Jugend dem in treuer Bewahrung der Keuschheit nachfolgt, den die Kindheit treu bis zum Tode in den Marterqualen bekennt? Und scheint es uns in der That unglaublich, daß zarte Jungfrauen Christo nachfolgen zur Herrlichkeit, da doch Knaben ihm in die Wüsten folgten? Oder lesen wir nicht, daß bei der wunderbaren Brodvermehrung viertausend Menschen von fünf Broden gespeiset wurden, „ungerechnet die Knaben und Frauen?“

[S. 163] So verwehre denn Niemand den Kindern den Zutritt zu Christus, da sie selbst für seinen Namen den Martertod bestanden: „Solcher ist das Himmelreich.“ Der Herr ruft sie und du willst ihnen wehren? Gerade von ihnen gilt das Wort: „Lasset diese zu mir kommen!“ So verscheuchet denn auch nicht die Jungfrauen vom Heiligthume. Von ihnen steht geschrieben: „Darum lieben dich die Mägdlein,“ und sie haben dich geführt in das Haus ihrer Mutter. Scheidet doch nicht die Jugend von der Liebe Christi, den ja einst das Kindlein schon im Schooße seiner Mutter in prophetischer Begeisterung bekannte.

1: Nach altem Rechte durfte der Gatte, welcher seine Frau im Ehebruche ertappte, dieselbe tödten und an dem adulter beliebige Rache nehmen. Die lex Julia de adulteriis coercendis aus dem Jahre 17 v. Chr. bestimmte, daß der Vater, welcher seine verheirathete Tochter auf der That in seinem oder seines Schwiegersohnes Hause betraf, diese und ihren Liebhaber tödten konnte, daß er aber nicht das Recht hatte, den einen Theil zu tödten und den anderen zu verschonen. Der Gatte durfte die adultera gar nicht mehr und den adulter nur dann tödten, wenn derselbe persona infamis, inhonesta oder vilis war! — Unter den christlichen Kaisern seit Constantin blieb Enthauptung und Confiscation die regelmäßige Strafe für den adulter, wobei das Anklagerecht auf die nächsten Verwandten beschränkt blieb. — Die Bemerkung, daß der Raub einer Gattin Kriege veranlaßt habe, enthält eine Anspielung auf den trojanischen Krieg.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger