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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. IV

Hier ist es am Platze, auf eine nicht unwichtige Frage aufmerksam zu machen, ob es wohl angeht, daß ihr Jungfrauen an der Auferstehung des Herrn zweifelt. Vergesset nicht, daß lediglich die Bewahrung der äußeren Reinigkeit noch kein Verdienst einschließt, daß vielmehr die innere Tugend hinzutreten muß. So sieht sich Maria Magdalena [S. 153] gehindert, den Herrn zu berühren, weil sie im Glauben an die Auferstehung einen Augenblick geschwankt hatte. Die aber darf Christus berühren, die ihn im Glauben erfaßt hat.

„Maria Magdalena stand außerhalb bei dem Grabe weinend.“1 Weil sie draußen war, weinte sie; wäre sie drinnen gewesen, sie hätte nicht geweint. Sie weinte, weil sie den Leib Christi nicht sah; sie glaubte, er sei fortgenommen, weil ihre Augen ihn nicht erblickten. Maria war draußen, nicht so Petrus und Johannes. Sie waren eilends herbeigekommen und in das Grab eingetreten; darum weinten sie nicht, kehrten vielmehr, sich in seliger Freude beglückwünschend, zurück. Jene aber war nicht hineingetreten; darum weinte sie und glaubte nicht, in der Meinung, ihr Herr sei hinterlistiger Weise fortgenommen: selbst als sie die Engel erblickte, hielt sie zum Glauben sich noch nicht verpflichtet. Darum sagen ihr diese: „Weib, was weinest du, wen suchest du?“ So die Engel, und der Herr wiederholt später dieselben Worte, um uns zu lehren, daß die Worte der Engel den Willen Gottes verkünden.

„Weib, was weinest du? wen suchest du?“ fragt auch der Herr. Sie, die nicht freudig geglaubt, ist in der That ein Weib; denn der, welcher glaubt, ist nach den Worten des Apostels2 erstanden „zur vollkommenen Mannheit, zum Maaße des vollen Alters Christi.“ „Weib“ sagt der Herr, und der Tadel, welcher in dem Worte liegt, trifft nicht das Geschlecht, sondern den schwankenden Glauben. „Was weinest du?“ das will sagen: in dir selbst liegt der Grund und die Ursache deines Weinens, weil du Christus nicht vollkommen glaubst. Du weinest, weil du Christus nicht siehest; glaube und alsbald wirst du ihn schauen. Er ist da und niemals ferne denjenigen, die ihn suchen. „Was weinest du?“ das heißt: es bedarf der Thränen nicht, [S. 154] sondern eines bereitwilligen, deines Gottes würdigen Glaubens. Denke nicht an das Sterbliche, nicht an das, was vergänglich ist; und deine Thränen werden versiegen. Warum weinest du also, da Andere sich freudig beglückwünschen?

„Wen suchest du?“ lautet die fernere Frage. Das heißt: Siehst du nicht, daß Christus gegenwärtig ist? Weißt du nicht, daß er die Kraft, die Weisheit und Heiligkeit Gottes selbst ist? Weißt du nicht, daß er die unversehrte Reinheit ist, geboren aus der Jungfrau, daß er immerdar aus, bei und in dem Vater ist, geboren, nicht erschaffen, gleich dem Vater, ewig geliebt, wahrer Gott vom wahren Gotte?

„Sie haben den Herrn weggetragen“ sagt Magdalena, „und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Ach, du irrest, Weib, wenn du glaubst, Christus sei von Anderen aus dem Grabe genommen und nicht in eigener Kraft daraus erstanden. Wer vermöchte denn Solches über die Macht, die Weisheit, die Heiligkeit Gottes? Nein, Christus wird nicht aus dem Grabe des Gerechten genommen, aber auch nicht aus dem Herzen seiner reinen, ihm ergebenen Jungfrauen. Wollte man ihn auch hinwegnehmen, man würde Nichts vermögen.

Dann sprach der Herr: „Maria, blicke auf zu mir!“ Solange sie nicht glaubt, nennt er sie Weib; da sie aber beginnt, zu ihm sich zu wenden, nennt er sie Maria. Das ist ja auch der Name jener Jungfrau, die ihn geboren, wie auch der Name jeder Seele, welche den Herrn gläubig aufnimmt. „Blicke auf zu mir!“ Wer auf Christus blickt, dessen Leben wird gebessert; aber der bleibt im Irrthum, der Christum nicht sieht.

Da wandte sie sich, sah ihn an und rief: „Rabboni!“ das heißt: Meister! Wer auf ihn blickt, der bekehrt sich; wer sich bekehrt, der schaut voller auf ihn; wer so ihn anschaut, der macht wahre Fortschritte. Darum nennt sie ihn Meister, den sie todt glaubte; sie redet den an, den sie verloren wähnte.

[S. 155] Jesus sprach zu ihr: „Rühre mich nicht an!“ Der Sinn des Schwankenden im Glauben erfaßt Christus nicht. Magdalena soll nicht berühren die Kraft, die Weisheit, die unversehrte, himmlische Reinheit des Herrn.

„Gehe hin zu meinen Brüdern!“ Was ist das anders, als ihr befehlen: Weine nicht ferner; gehe vielmehr hin zu den auserwählten, treuesten Priestern! „Sage ihnen: Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott!“ Was liegt in diesen Worten? Offenbar dieses: Sinne hier nicht über dieses Geheimniß! Forsche bei den Fortgeschritteneren; sie werden dir sagen, welch ein Unterschied zwischen meinem und eurem Vater. Er, der nach der Gottheit mir Vater ist, er ist euer Vater durch die Annahme an Kindesstatt, die euch zu Theil geworden. „Mein Vater“ sagt Christus und scheidet so als Sohn sich von den Geschöpfen Gottes; „euer Vater“ aber deutet auf die Gnade der Kindschaft Gottes. Gleichzeitig aber liegt in den Worten „mein Gott“ ein Hinweis auf das Geheimniß seiner Menschwerdung: er nennt ja den, welcher gemäß der göttlichen Natur sein Vater ist, hier Gott mit Rücksicht auf das Geheimniß seines menschlichen Leibes. Sagt er aber „euer Gott“, so will er erinnern an den Erfolg seiner Wirksamkeit in unseren Seelen.

1: Joh. 20, 11.
2: Eph. 4, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger