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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XX.

[S. 193] Um aber auf Früheres zurückzugreifen, so bittet den Herrn, daß auch an mich das Wort ergehe: „Fahre hinaus auf die Tiefe des Meeres und wirf dort die Netze aus.“ Wer kann ohne Gottes Geheiß und Schutz diesen Fischzug unternehmen, zumal wenn solches Wogen und Stürmen der Welt entgegensteht? Wenn aber der Herr es will, so befiehlt er, die Netze einzusenken, und es wird eine Menge Fische gefangen, so daß nicht allein das Schiff des Petrus, sondern auch das andere gefüllt wird, zum Zeichen, daß alle die verschiedenen Kirchen makellose Gemeinden erhalten werden. Gepriesen sei aber der Herr, daß er im Hinblicke auf unser Mühen uns Genossen im heiligen Dienste gegeben. So können wir denn auch in dieser unserer Kirche zu Mailand bitten, da der apostolische Fischer nicht fehlt: „Zeige uns, Herr, Seelen; die Arbeiter, sie dir zu gewinnen, fehlen nicht!“

Es sind aber nicht bloß die eigenen, nein! es sind auch die Netze der Apostel, die wir auswerfen. In ihnen und in sicheren Stätten apostolischer Anordnung möge eure Schaar, jungfräuliche Seelen, Zugang finden! Auch euch möge Petrus zum Leben rufen! Wenn er schon den Wittwen zu Hülfe kam, um wie viel mehr tritt er für Jungfrauen auf! Er konnte die Thränen der Wittwen nicht ertragen, und von Mitleid bewegt erweckte er die Ernährerin.1 — Paulus möge euch erwecken, der verlangt hat, daß ihr geehrt würdet, wenn er sagt: „Es ist aber gut, wenn sie bleiben, wie auch ich bin.“ So ruft er durch den Hinweis auf die Ehre, wie er mit Wort und Beispiel selbst die Jungfräulichkeit lehrt. Jene, welche Alles verließen und dem Herrn folgten: Petrus und Johannes, mögen eurer sich annehmen.

Beachtet aber auch, was jener große Fischer gewonnen hat. Während er vorher auf dem Meere seinen Gewinn suchte, fand er darnach das Leben Aller. Den armen Fischerkahn verließ er, das Ruderholz legte er nieder, und er fand Gott den Herrn, er [S. 194] gewann das ewige Wort. Er senkte das Garn und befestigte seinen Glauben; er legte das Netz zusammen und hob Tausende von Menschen. Er verachtete das Meer dieses Lebens: da gewann er den Himmel. Während er also auf dem erregten Meere sich abmühete, da gründete er Jene, welche in ihrem wankenden Geiste eines festen Stützpunktes entbehrten, auf den Felsen.

Weisen wir denn öfters hin auf die himmlische Kunst des Fischers, damit wir desto tiefer von seiner inneren Kraft überzeugt werden. War jener Diener Gottes niedrig, um so erhabener wird der Evangelist; war er arm, wie nur Jemand sein kann, so ist er an Tugend desto reicher; erschien er aller äußeren Ehre baar, doppelt strahlt der Schmuck des Glaubens. Je weniger dem armen Fischer die Welt anvertraut, um so viel mehr vertrauen wir ihm: es sind ja nicht seine, es sind himmlische Worte, die er redet. Das arme Herkommen, der geringe Stand gestattet nicht, daß wir menschliches Wissen hier erwarten, mehrt aber die Gewißheit, daß göttliche Weisheit waltet. Wer das Gesetz nicht erlernt hat, und doch versteht, was des Gesetzes ist, der ist sich selbst Gesetz; wer das Gesetz nicht erlernt hat und doch Erhabeneres noch als das Gesetz redet, der hat von Jenem es empfangen, von dem das Gesetz selbst seinen Ursprung hat.

Woher denn so plötzlich die erhabene Würde? Jene beiden Fischer werden auf dem Berge der Verklärung einmal dem Gesetzgeber, zum Anderen dem Vollzieher des Gesetzes beigesellt. Und wie erhaben ist der arme Fischer! Moses überschreitet mit der wunderbaren Schärfe seines Geistes zwar alles Irdische und steigt über die Höhen menschlichen Wissens hinaus bis zu des Himmels Gestirnen und bis zum Himmel selbst: aber der Geist des Fischers wird auch durch die Wolken nicht gehemmt; keine Zeit setzt ihm Schranken, nicht einmal die Geheimnisse des göttlichen Wesens können sich ihm verschließen. Er erblickt das Wort selbst bei Gott und schauet, wie das Wort Gott war. Ja selbst im Hinblick auf die Menschengestalt zögert Petrus nicht, den Sohn Gottes in sterblicher Hülle zu erkennen. [S. 195] So ging dann auf den Namen des Schöpfers selbst über die Annahme sterblichen Fleisches, welche dem ewigen Rechtsanspruche auf die Gottheit beigefügt ward.

Wenn Moses sagt: „Gott sprach“ und „Gott schuf“, so bezeichnet er den Vater und den Sohn; er erkannte ihn wohl, ich kannte ihn noch immer nicht. Inzwischen hat das Volk auch nach dem Gesetze noch geirrt, aber seitdem das Evangelium verkündet ward, hat es geglaubt. Groß und wunderbar ist die Gnade des Herrn in den verschiedenen Wirkungen. In Moses war sie groß, da er die Welt beschrieb; in Petrus, da er die Welt verachtete.

1: Apostelgesch. 9, 39.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger