Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XIX.

Tretet denn ein, jungfräuliche Seelen, in die Netze der Apostel, welche nicht auf Menschen, sondern auf Gottes Geheiß ausgeworfen werden. Es ist das Netz himmlischer Weisheit und Lehre, es ist das Himmelreich nach jenem [S. 190] Worte des Herrn: „Das Himmelreich ist gleich einem Netze, das ins Meer geworfen ward.“

Ihr habt gehört, daß der Herr zu Simon gesprochen: „Fahre hinaus in die Tiefe, und werfet eure Netze zum Fange aus.“ Vorher hatte Petrus an dem Ufer in seichtem Wasser den Fang versucht. Ein Geheimniß liegt hier verborgen. „Tiefe Wasser“, sagt der weise Mann,1 „sind die Worte aus des erfahrenen Mannes Herzen.“ Ja, tief ist des Mannes Herz ohne Seichtigkeit. Hier senke ein die siegesgewissen Worte deines gläubigen Mundes. So ruft der Herr den Petrus mit dem einfachen Worte: „Komme, ich will dich zum Menschenfischer machen.“

Ein anderes Geheimniß birgt sich hier noch: „Fahre hinaus in die Tiefe!“ sagt der Herr zu Petrus, der gewissermaßen auf ödem Sandgefilde sich befand, so lange er der Synagoge angehörte: da gab es keine Tiefe des Wassers. Wird dem Petrus nun der Befehl: „Fahre hinaus in die Tiefe oder auf die Höhe des Meeres,“ so heißt das nichts anderes, als: „Fahre hin zu Christus!“ Er ist ja der Höchste, wie Zacharias dem Sohne bekennt: „Du wirst, mein Sohn, Prophet des Allerhöchsten genannt werden!“ In ihm ruht auch die Tiefe der Reichthümer der Weisheit und der Allwissenheit des ewigen Gottes.

Dort also ist die Tiefe der Wasser, d. h. des Glaubens, wo Christus ist. Jene Gewässer sind das, von denen der Psalmist singt:2 „Es sahen dich die Wasser, o Gott! es sahen dich die Wasser und fürchteten sich, es bebten die Tiefen.“ Bei den Juden fehlte die Tiefe des Herzens; darum sagte der Herr: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir entfernt.“ Christus liebt es im Herzen zu weilen nach seinem eigenen Worte:3 „Gleichwie Jonas drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des Fisches gewesen, also wird auch der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.“

[S. 191] Petrus selbst gibt aber deutlich genug kund, daß die Worte des Herrn: „Fahre hinaus in die Tiefe!“ vom Glauben zu verstehen seien. „Meister,“ sagt er, „wir haben die ganze Nacht gearbeitet und Nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Die Nacht umgab den Petrus, ehe er Christus erblickte. Der Tag war ihm noch nicht angebrochen, weil ihm das wahre Licht noch verborgen war. Die Synagoge ist Nacht, die Kirche erst ist Tag. Deßhalb sagt auch Paulus:4 „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber hat sich genahet.“ Gebenedeit sei das Licht, welches die Finsternis der alten Treulosigkeit vertreibt und den Tag echten Glaubens anbrechen läßt. Tag ward es für Petrus, Tag auch für Paulus. Deßhalb gelten heute, an ihrem Feste, die Worte des heiligen Geistes:5 „Ein Tag bringt dem anderen das Wort herfür.“ Beide verkünden aus der Fülle ihres Herzens den Glauben an Jesus Christus, und selig der doppelt heilige Tag, der uns das wahre Licht gebracht hat!

Was wir im Evangelium lesen, das wiederholt sich vielleicht im Himmel. Dort reden Christus, der Herr, und Petrus vielleicht wie einst. „Fahre hinaus in die Tiefe!“ spricht der Herr noch immer, und es ist mir, als hörte ich Petrus sagen: „Meister! wir haben die ganze Nacht gearbeitet und Nichts gefangen.“ Die Vigilfeier fand statt: aber gar Wenige haben dazu sich eingefunden. Wenn unsere Frömmigkeit und unsere andächtige Geistesstimmung schwindet, so mühen sich Petrus und Paulus um uns. Oder hat nicht Paulus gesagt: „Wer wird schwach, ohne daß ich zugleich schwach werde?“6 Lasset doch, meine Geliebten! die Apostel für euch sich abmühen! Es ist ein traurig Wort, wenn sie sagen müssen: „Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und Nichts gefangen.“ Keiner von den Reicheren hat wohl heute gefastet. Ihnen sagt deßhalb Petrus7 mit Recht: „Wandelt in Furcht, so lange ihr hier pilgert, da [S. 192] ihr wisset, daß ihr nicht mit vergänglichem Golde oder Silber erlöset seid von dem eitlen Wandel, der sich von den Vätern auf euch vererbt hat, sondern mit dem kostbaren Blute Christi, als eines unbefleckten und tadellosen Lammes.“ Gold und Silber hat euch also nicht befreiet, sondern die Bewährung des Glaubens rettet euch, die kostbarer ist als vorzügliches Gold.

Ein treuer Knecht bemüht sich, dem Herrn den Preis wieder zu erwerben, der für ihn gezahlt ist. Ihr, jungfräuliche Seelen! sollet dabei nicht denken an Erwerben von Gold und Silber; oder hat Christus euch um diesen Preis erkauft? Haltet den Preis bereit; er wird nicht immer eingefordert aber du schuldest ihm immer. Dein Heiland hat sein Blut für dich hingegeben: so schuldest auch du ihm dein Blut. Gab er es für dich, so gib auch du es für ihn. Wir waren einem gar bösen Gläubiger verpfändet durch unsere Sünden, wir hatten den Schuldschein vollzogen, den wir nur mit unserem Blute einlösen konnten, da kam der Herr Jesus, um sein Blut für uns hinzugeben. Du kannst dein Blut freilich nicht hingeben.

Wenn nun ein treuer Knecht den Preis, um den er erworben ward, nicht ganz erstatten kann, so muß er doch wenigstens so sich halten, daß er des Preises nicht unwürdig erscheint. So zeiget auch Ihr euch würdig des so hohen Preises; es möchte sonst Christus, der uns gereinigt, der uns wieder erworben hat, klagend ausrufen, wenn er in Sünden euch findet: „Welcher Nutzen ist nun in meinem Blute, wenn ich zur Verwesung hinabsteige?“8

Wundert euch nicht, wie der zur Verwesung herabsteigen könnte, dessen Fleisch, wie es an einer anderen Stelle heißt, die Verwesung nicht geschaut hat. Er stieg ja auch hinab zu dem Orte der Verwesung, da er in die Vorhölle eintrat: aber unverweslich seiner Natur nach, gestattete er der Verwesung keine Gewalt über sich.

1: Sprüchw. 18, 4.
2: Ps. 76, 17 [Hebr. Ps. 77, 17].
3: Matth. 12, 40.
4: Röm. 13, 12.
5: Ps. 18, 3 [Hebr. Ps. 19, 3].
6: II. Kor. 11, 29.
7: I. Petr. 1, 17 ff.
8: Ps. 29, 10 [Hebr. Ps. 30, 10].

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zur Schrift über die Jungfräulichkeit
Bilder Vorlage

Navigation
. . Mehr
. . Cap. III.
. . Cap. IV
. . Cap. V.
. . Cap. VI.
. . Cap. VII.
. . Cap. VIII.
. . Cap. IX.
. . Cap. X.
. . Cap. XI.
. . Cap. XII.
. . Cap. XIII.
. . Cap. XIV.
. . Cap. XV.
. . Cap. XVI.
. . Cap. XVII.
. . Cap. XVIII.
. . Cap. XIX.
. . Cap. XX.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger