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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XVII.

So sollst auch du, wenn du erkennst, wie die göttlichen Gnadengeschenke überreichlich dir zuströmen, deine eigene Tugend wohl abmessen. Gott dem Herrn zolle Dank, betrachte die Armseligkeit deines Leibes, wie man den Ballast eines Schiffes ansiehet. Laß dich nie in den mächtigen Wogen dieser Welt von dem gefahrdrohenden Winde des Hochmuthes dahintreiben. So verläßt die Biene, wenn sie heftigere Luftströmungen bemerkt, ihr Versteck unter kleinen Steinchen erst dann, wenn sie durch ruhige, stille Luft hinfliegen kann, damit die Windstöße das schwache Ruder ihrer kleinen Flügel nicht zerbrechen. — So glaubten Paulus und Barnabas schon durch den bloßen Anblick des heidnischen Opfers ihr Gewissen zu beschweren. So hüte auch du dich, jungfräuliche Seele, daß die Strömungen dieser Welt dich nicht zu unbesonnenem Fluge veranlassen.

Auch die Seele hat ja ihre Flügel, wie der Prophet sagt:1 „Wer sind die, welche wie Wolken daher fliegen und wie Tauben mit ihren Jungen?“ So durchfliegt die Seele in einem Augenblicke den Erdkreis. Ungehindert sind die Gedanken der Weisen; aber zu je höherem Fluge bis zum Himmel selbst sie sich erheben, desto weniger werden sie durch irdische Hindernisse zurückgehalten. Derjenige, welcher Gott anhängt und das göttliche Abbild seiner Seele treu in sich bewahrt, der schwingt sich, getragen von dem Hauche der Gnade, empor bis zu jenem erhabenen Orte, wo Gott selber thront: dann aber verachtet er Alles, was in der Welt ist. Das Auge unverwandt auf die ewigen Tugenden gerichtet, steigt er über die Welt hoch hinaus. Ueber ihr Können geht ja die Gerechtigkeit, die Keuschheit, die Güte, [S. 185] die Liebe, die Weisheit: finden sich diese Tugenden in der Welt, so sind sie doch nicht in ihr erwachsen, sondern von oben in sie verpflanzt.

Das gestand selbst Satan, da er alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit bot. Darum konnte der Herr sagen: „Es kommt der Fürst dieser Welt, aber an mir hat er Nichts.“ Lernet denn auch ihr, in der Welt und doch ihr entrückt sein. Ist der Leib an die Erde gebunden, so schwinget desto freier die Flügel eurer Seele. Ein überirdisch Leben führt Jener, der Gott in seiner Seele trägt. „Aber wir können doch Gott nicht nachahmen?!“ So ahmen wir die Apostel nach, welche die Welt gehaßt hat, weil sie nicht von der Welt waren. Sie ahmet nach, ihnen folget! Wenn du nun meinst, daß es menschlicher Kraft schwer falle, über die Welt hinaus sich zu erheben, so hast du Recht; aber vergiß doch nicht, daß auch die Apostel erst als Schüler Christi in seiner treuen Nachfolge gelernt und verdient haben, mitten in der Welt ein himmlisches Leben zu führen. So sei auch du, jungfräuliche Seele, Christi lernbegierige Schülerin: dann bittet er auch für dich, wie er für seine Apostel gebeten hat. „Nicht für sie allein bitte ich,“ hat er zu seinem Vater gesagt, „sondern für Alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit Alle Eins sind.“ Der Herr will, daß wir Alle Eins seien, damit wir Alle ein überirdisch Leben führen.

So seien wir denn nicht träge; erheben wir uns von der Erde und ihrem Treiben. Wird ja die Kraft der Flügel durch Uebung vermehrt. Folgt die Seele Gott, strebt sie in erhabenem Fluge dem Hause des Herrn zu, dort zu wohnen: so erquickt sie sich an dessen Herrlichkeit und nährt Muth und Kraft durch das erhabene Beispiel göttlicher Tugenden. Dann streift sich mehr und mehr ab alles irdische Begehren, alle niedrige Gesinnung, welche den Tempel des Herrn nicht beflecken dürfen. Sind wir nun in Wahrheit Tempel Gottes, so entsagen wir denn für immer aller fleischlichen Sorge.

1: Isai. 60, 8.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Jungfräulichkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger