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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XIII.

Wer anders aber kann dich lehren, wie du Christus zurückhältst, als unsere heilige Kirche? Ja, sie hat es dich schon gelehrt, wenn du nur jene Worte des hohen Liedes erkennen willst: „Kaum war ich an ihnen vorübergegangen, da fand ich ihn, den meine Seele liebt; ich hielt ihn und will ihn nimmer lassen.“ Und wodurch wird er gehalten? Ach nur durch die Bande der Liebe, nur durch die hingebende Gesinnung eines treuen Gemüthes. Wenn du willst, so kannst auch du ihn halten; suche nur eifrig, fürchte keine Mühe, keine Pein! Oft genug wird er gerade mitten in den Qualen des Körpers, ja unter den Händen der Verfolger gefunden. „Kaum war ich an ihnen vorübergegangen“ hieß es ja. Ja, du bist nur um einen Schritt, du bist soeben aus den Händen der Verfolger entronnen, du bist noch nicht unterlegen den Mächten der Welt, siehe, da eilt Christus bereits dir entgegen und gestattet nicht, daß deine Prüfung länger währe.

Dann kannst du, wenn du so den Herrn gesucht und gefunden hast, sagen: „Ich hielt ihn und will ihn nimmer lassen, bis ich ihn bringe ins Haus meiner Mutter, in das Gemach meiner Gebärerin.“ Was ist dieses Haus und Gemach deiner Mutter, wenn nicht die innerste Tiefe deines Wesens? [S. 175] Dieses Haus bewahre rein und unbefleckt von der Schmach sinnlichen Begehrens: dann wird wie auf heiligem Fundamente zum erhabenen Priesterthum hier dein geistig Haus sich erbauen, und der Geist Gottes wird in ihm wohnen. Wer so Christus sucht und bittet, der wird von ihm nicht verlassen, nein, der wird um so öfter das Glück seiner Heimsuchung erfahren. Ist er ja mit uns bis zu der Welt Ende!

Sagt das hohe Lied: „Er streckte seine Hand durch die Fenster“, so deutet das auf das Auge unserer Seele, mit welchem wir die Werke Christi erkennen. Dann blickt unser Geist auf zu ihm, um die Liebe des göttlichen Wortes zu empfangen. Halte also offen dein Auge und frei von dem Raube, mit welchem die Sünde es verdunkeln kann. Nicht nach weltlicher Lust soll es schauen, sondern nur auf ihn mit reinem, jungfräulichem Blicke. In gleicher Weise sei auch dein Ohr geschlossen: sein einziger Schmuck sei — mit Verachtung allen Gehänges — der treue Entschluß, zu hören, was zu ewigem Nutzen gereicht.

Das Thor aber, das du zur Nachtzeit sollst geschlossen halten, daß Niemand eintreten könne, ist unser Mund, welcher sich kaum jemals öffnen soll, wenn nicht Christus gerufen. Darum heißt es ja auch: „Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester, meine Braut! ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle.“ Soll nun dein Mund sich öffnen zu thörichtem, eitlen Gerede, da du über himmlische Dinge nicht einmal reden darfst, wenn du nicht dem Rufe des ewigen Wortes entgegnest? Was kümmern dich alle Anderen? Nur mit Christus sollst du reden! Wenn einst niedergeschrieben wurde, daß die Frauen in der Kirche schweigen sollten, um wie viel weniger ziemt es dann Jungfrauen und Wittwen, bei jeder Gelegenheit ihren Mund zu öffnen? Wie leicht kann da ein Wort wider die Tugend dir entschlüpfen, das du vergebens dann zurückrufen möchtest?

Hätte Eva diese Vorschrift der Schweigsamkeit beachtet, so wäre Adam nicht verführt worden, und sie selbst hätte auf die listige Frage der Schlange nicht geantwortet. Eva aber schaute hin auf die Frucht, und so trat der Tod durch [S. 176] die Augen ein in ihre Seele, als sie der Schlange antwortete. Nicht anders ergeht es dir, wenn du Thörichtes, Sündhaftes oder Vermessenes, ja wenn du auch nur dann redest, wo du es nicht solltest. Geschlossen sollen deine Lippen bleiben, bis die Stimme des Herrn zum Reden dich auffordert.

Ist dann das Wasser der Taufe niedergerieselt über dein Haupt, dann wirst du mit Christus der Welt absterben, um mit ihm wieder zu erstehen. „Wenn ihr“, sagt der Apostel,1 „mit Christo den Kindheitslehren dieser Welt abgestorben seid, warum urtheilet ihr noch, als lebtet ihr in der Welt? Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an Das, was zum Verderben gereicht, wenn man es gebraucht.“ Fern von dem Keuschen muß jede Verderbtheit sein: begrabet also für immer, was Welt und Fleisch euch an Sorge bereitet! „Wenn ihr nun mit Christo auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus ist, der zur Rechten Gottes sitzet.“ Wenn ihr ihn suchet, so werdet ihr auch den Vater sehen, zu dessen Rechten er sitzet.

Willst du aber Christus suchen, so darfst du nicht in Aeußerlichkeit dich verlieren, nicht im freien Weltverkehr dich zerstreuen. Was soll diese geschwätzige Zunge, dieser gezierte Gang, dieses neugierige Aufhorchen, dieser üppige Blick? Der Apostel versagt dir irdischen Verkehr, und er heißt dich über die Grenzen der Natur hinaus mit Geistesflügeln zum Himmel dich zu erheben. „Was droben ist, habet im Sinne, nicht was auf der Erde.“ Weil das aber unmöglich ist, so lange wir von den Banden des Leibes gehalten sind, und weil die Seele erst, wenn sie gelöst ist von diesen Banden, sich zum Himmel erschwingen kann, darum fügt er hinzu: „denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott.“ Ist dem so, so hat die Welt keinen Theil mehr an uns; denn Christus ist der Welt gestorben und lebet nun Gott.

[S. 177] So habe denn wohl Acht, wie Christus gesucht sein will, wie er aber thörichtes Geschwätz nicht liebt. Es öffnet die Jungfrau die Thore ihres Herzens dem ewigen Worte Gottes; „er aber“, muß sie mit der Braut sagen, „war weggegangen und entwichen; meine Seele verlor sich selbst, da er redete.“ Sie verlor sich aus der Welt und ihrem Treiben und blieb in Christo. „Ich habe ihn gesucht,“ sagt sie, „aber ich fand ihn nicht.“ So ist es: lange und andauernd will er gesucht werden.

1: Kol. 2, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger