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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XII.

Wohlan denn, Seele, auch du bist aus dem erwählten Volke: denn bei Gott gilt kein Unterschied nach irdischem Range, nichts gilt ihm goldverbrämtes Gewand, nichts kostbarer Halsschmuck; auch du bist eine jener Jungfrauen, die des Körpers Schönheit durch den Glanz der Seele vergeistigen! So vergiß denn auch nicht auf deinem Lager während der Nacht allezeit Christi zu gedenken und auf seine Ankunft zu harren.

Scheint er dir aber zu zögern, so erhebe dich von deinem Lager! Gibst du weichlicher Ruhe dich hin, lässest du ab vom Gebete, erhebst du deine Stimme nicht in heiligen Psalmengesängen: dann scheint er zu zögern. Weihe ihm die Erstlinge des erwachenden Tages, bringe ihm dar die Erstlinge deiner Werke. Hast du nicht gehört, daß er dich gerufen mit den Worten: „Komme vom Libanon, meine Braut! komme vom Libanon! Du wirst herniedersteigen und hindurchgehen vom Beginne des Glaubens an.“ Ja, du wirst herniedersteigen, um in der Welt zu kämpfen; aber du wirst hindurchschreiten durch die Welt bis zu Christus, um bei ihm deine Triumphe zu feiern. — Er hat dir gesagt, daß er dich befreit von den Angriffen der Löwen und Leoparden, das heißt der gewaltigen Feinde unserer Seelen; und hast du nicht gehört, daß ihm die Schönheit deiner Tugend gar sehr gefällt? daß der Geruch deiner Kleider, das heißt deiner jungfräulichen Reinigkeit, ihm ist wie des Weihrauchs Geruch? Hast du nicht gehört, daß du bist wie ein verschlossener Garten, wie ein Paradies, gefüllt mit herrlichen Früchten? Ach flehe, daß der Hauch des göttlichen Geistes hinwehe über dein Lager und mit heiligem, reinem Sinne dich erfülle. Dann zögert er nicht; dann wird er dir antworten: „Ich schlafe, aber mein Herz wachet.“

[S. 173] Du hast das Pochen seiner göttlichen Hand an die Thüre deines Herzens, du hast seine Stimme gehört: „Thue mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Unbefleckte; denn mein Haupt ist voll des Thaues, meine Locken sind voll nächtlicher Tropfen!“ Wie der Thau des Himmels die Dürre der Nacht verscheucht, so hat der Herr Jesus Christus mit dem Thaue des ewigen Lebens die Finsterniß irdischen Daseins erquickt. So hört das gequälte Haupt auf unter der Hitze zu leiden. Das Haupt des Herrn strömt über von Thau, Anderen aber zum höchsten Gewinne. Ist ja Christus auch dein Haupt, er, dessen Freigebigkeit niemals erschöpft wird trotz der täglichen Spende.

Weißt du nun, wie jener Thau nicht irdischen Ursprunges ist? Siehe, seine Locken sind voll nächtlicher Tropfen. Und sind das Locken irdischen Schmuckes, Waffen der Eitelkeit, Lockmittel der Sinnlichkeit? Nein, der Nasiräer, dessen Haupthaar kein Scheermesser berührt, läßt sein Haupt umwallen von Strahlen göttlicher Tugendwerke. Bewahre dir solche Locken! Vergiß es nicht: so lange Samson sie in ganzer Fülle bewahrte, konnte er nicht überwunden werden. Er gab sie preis, und seine Kraft wich von ihm.

Siehe, so wünscht dich Christus, so hat er dich erwählt. Oeffnest du ihm dein Herz, so tritt er ein: er hat es versprochen, und er täuscht niemals. Umfasse ihn, den du so lange gesucht hast; tritt nahe hin zu ihm, und der Strahl seiner Gnade wird dich erleuchten. Halte ihn fest umschlossen; bitte ihn, daß er nicht von dir weiche. Aber er geht von dir, wenn er Gleichgültigkeit bemerkt; er bleibt nicht, wenn du ihn vernachlässigst.

Was sagt aber die Braut des hohen Liedes? „Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er antwortete mir nicht.“ Glaube jedoch nicht, daß du ihm mißfallest, weil du gerufen, geöffnet, gefleht hast und er doch von dir gewichen ist: er läßt ja nicht selten zu, daß wir geprüft werden. Was antwortete er einst, da die Schaaren ihn baten, daß er nicht von ihnen gehen möge? „Auch anderen Städten muß ich das Wort des Herrn verkünden denn [S. 174] dafür bin ich gesandt.“ Will es dich denn bedünken, daß er von dir fortgegangen, so gehe hin, von Neuem ihn zu suchen.

Fürchte also jene Wächter nicht, von denen es im hohen Liede heißt: „Sie gehen sichtbar in der Stadt umher.“ Fürchte nicht die Wunden, die sie schlagen können; denen, die Christo folgen, schaden sie nimmer. Und könnten sie selbst dein Leibesleben dir nehmen, so bleibt doch Christus, der das Leben selbst ist, dir nahe. Hast du ihn gefunden, so denke nur auf Eins, wo du mit ihm weilen mußt, daß er dich nicht verlasse. Gar schnell scheidet er von denen, die ihn vernachlässigen.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Jungfräulichkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger