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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Jungfräulichkeit (De virginitae)

Cap. XI.

Wer nun so lebt, der darf sagen: „Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Oeffnung, und ich erzitterte, da ich sie berührte. Ich stand auf, meinem Geliebten zu öffnen.“1 Es ist recht, daß wir bei der Ankunft des Herrn in tiefster Seele erschüttert werden. Wenn schon Maria bei der Ankunft des Engels erschrack, um wie viel mehr müssen wir bewegt werden bei der Ankunft Christi! Wenn göttliches Leben einströmt in unsere Seele, dann weicht die irdische Gesinnung, und die alten Gewohnheiten des äußerlichen Menschen schwinden. Darum eile mit tiefer Bewegung ihm entgegen. Siehe, Christus weilt an der Pforte, er klopft an der Thüre deines Hauses: wenn du ihm öffnest, so tritt er ein, er mit seinem himmlischen Vater.

Christus, unser Heiland, spendet aber seine Segnungen nicht bloß, nachdem er in die Seele eingetreten ist; nein, schon vorher lenkt er seine Gnadenströmungen in die Seele, die ihm entgegenkommen will. Noch erzittert die Seele unter der Berührung seiner göttlichen Hand; kaum hat sie das Thor ihres Herzens für Christus geöffnet, da sinken schon die Bande, die Fleisch und Blut aus Sinnlichkeit geflochten: „Ich stand auf,“ kann sie sagen mit der Braut des hohen liedes, „meinem Geliebten aufzumachen: meine Hände triefen von Myrrhen, und meine Finger waren voll der köstlichsten Myrrhen.“ So trug Nikodemus, jener Lehrer in Israel, der zuerst von dem Geheimnisse der Taufe hören durfte, [S. 171] Myrrhe und Aloe zum Grabe des Herrn, um seinen heiligen Leichnam damit zu salben. Ist nun beides nicht Sinnbild des himmlischen Geruches vollkommenen Glaubens?

So steigt der Duft der Seele empor, welche Christo zu öffnen beginnt; die treu und fest glaubt, daß sein heiliger Leib die Verwesung nicht geschaut hat, daß er vielmehr als eine duftende, ewig grünende Himmelsblüthe glorreich die Hülle des Grabes durchbrochen hat. Wie kann es anders sein? Ist doch sein Name wie ausgegossen Oel! Daß es für uns dufte, darum hat er sich bis zur Menschwerdung vernichtet.

So lange das ewige Wort beim Vater weilte, erfreute es in Himmelsduft nur die Engel und Erzengel. Der Vater aber öffnete seinen Mund und sprach:2 „Siehe, ich mache dich zum Lichte der Heiden, daß du mein Heil bis an der Erde Gränzen bringest.“ Da stieg der Sohn hernieder, und Alles strömte über von dem nie geahnten Wohlgeruche des Wortes. Es entquoll dem Herzen des Vaters das Wort, das herabkam, und der heilige Geist hauchte in alle Herzen die Liebe. „Denn ausgegossen,“ sagt der Apostel, „ist die Liebe Gottes in unseren Herzen durch den heiligen Geist.“

Er verschloß seine Himmelslehre, wie der Duft eingeschlossen bleibt im Gefäße, bis seine Stunde gekommen nach den Worten des Propheten:3 „Der Herr gab mir eine beredte Zunge, daß ich zu reden wüßte, wann die Zeit gekommen.“ Es kam die Stunde, er that auf seinen Mund, und wie kostbares Oel waren seine Worte.

Ausgegossen ward das Oel über die Juden, aber aufgesammelt von den Völkern; ausgegossen in Judäa streut es seinen Wohlgeruch durch alle Lande. Es hat die Wasser der Gnade berührt und geheiligt: es strömt fort seit jener Zeit und nie wird es versiegen. Kommet ihr heiligen Jungfrauen, tretet hinzu, nehmet von diesem Oele, bewahret es sicher, daß es nicht verrinnet. Hüte den Schatz in keuschem, treuem, [S. 172] demüthigem Sinne! So könnet ihr Christus aufnehmen und sagen: „Ich machte auf meinem Geliebten den Riegel meiner Thür;“ nun tritt er ein und dringt bis in die Tiefen der Seele.

1: Hoh. L. 5, 4.
2: Isai. 49, 6.
3: Isai. 50, 4.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Jungfräulichkeit
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger