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Ambrosius von Mailand (340-397)
Über die Wittwen
(De viduis)

 [S. 99] Cap. I.

Es erscheint ganz zutreffend, daß sich an die Lobeserhebungen, welche ich in den vorhergehenden Büchern den Jungfrauen spendete, eine Abhandlung über die Wittwen schließt. Oder dürften wir ohne ein Zeichen ehrender Anerkennung an ihnen vorübergehen? dürften wir sie ausschließen von dem Ruhme, der den Jungfrauen gebührt, da doch das Wort des Apostels Beide verbindet: „Das ehelose Weib und die Jungfrau sinnet, was des Herrn ist, damit sie heilig sei an Geist und Leib.“1 Ohnehin gewinnt ja die Gotteslehre von der Jungfräulichkeit an Kraft auch durch die Beispiele der Wittwen. Diejenigen von ihnen, welche mit ihrem Gatten in der Ehe jungfräulich lebten, sind ein lebendiger Beweis für die Jungfrauen, wie die volle Unversehrtheit Gott dem Herrn zu bewahren ist. Kaum von geringerer Tugendstärke aber zeugt die [S. 100] Enthaltsamkeit derjenigen, welche vorher eines glücklichen Ehestandes sich erfreut haben. Hier wie dort offenbart sich ein christlicher Starkmuth, der jede Schwäche ausschließt.

Es liegt freilich schon in dieser Tugendstärke selbst der Lohn eingeschlossen: die Freiheit. „Gebunden,“ sagt der Apostel,2 „ist das Weib all die Zeit, in welcher ihr Mann lebt; ist er aber entschlafen, so ist sie frei; sie mag heirathen, wen sie will, nur geschehe es im Herrn. Seliger aber wird sie sein, wenn sie so bleibt gemäß meinem Rathe; ich meine aber, daß auch ich den Geist Gottes habe.“ Deutlicher kann der Apostel den Unterschied nicht ausdrücken, als wenn er Jene gebunden, diese aber seliger nennt. Dabei beruft er sich nicht auf seine eigene menschliche Ueberzeugung, sondern auf die Unterweisung, die er vom göttlichen Geiste empfangen: so ist also jener Ausspruch nicht ein menschlicher, sondern ein göttlicher.

Was folgt nun aber daraus, daß einstmals, als auf dem ganzen Geschlechte schwer die Hungersnoth lastete, Elias zu einer Wittwe gesandt wurde?3 Es ist dabei wohl zu beachten, wie den Einzelnen die eigenthümlichen Gnadenerweise zu Theil werden: zur Jungfrau wird ein Engel, zur Wittwe wird ein Prophet gesandt und zwar hier Elias, dort Gabriel, die erhabensten Führer also der Propheten und Engel. Darin liegt jedoch nicht ein Lob des Wittwenstandes schlechtweg ohne Verbindung mit der entsprechenden Tugend. Es hat auch vorher und allezeit Wittwen gegeben, aber eine wird Allen vorgezogen, und dadurch werden die anderen weniger von ihrem Bestreben abgehalten, als vielmehr durch das Tugendbeispiel aufgemuntert.

Diese Vorbemerkung spannt wohl die Aufmerksamkeit, obwohl auch der einfache Sinn eine sittliche Vorschrift und eine dem Tugendbeispiel entsprechende Mahnung an die Jungfrauen enthält. Es ist ja doch ersichtlich, daß jene Wittwe nicht lediglich durch den Namen, sondern durch ihr [S. 101] Verdienst sich auszeichnete; sie sollte den Lohn der Gastfreundlichkeit nicht verlieren bei Gott, der nach dem Evangelium einen Trunk kalten Wassers mit dem unermeßlichen Lohne der Ewigkeit vergilt. Er ersetzte den schwindenden Rest von Mehl und Oel durch die nicht versiegende Fülle zuströmender Gaben. — Es muß so sein; denn wenn ein Heide sagt, daß Freunden Alles gemeinsam sein müße, um wie viel mehr gilt das von Verwandten! Wir aber sind als Glieder desselben Körpers in der That Verwandte.

Wir sind übrigens hinsichtlich der Gastfreundlichkeit nicht auf einen bestimmten Kreis eingeschränkt. Oder wie kann man das, was in der Welt ist, als Eigenthum des Einzelnen ansehen, da doch die Welt selbst Allen gemeinsam ist? Oder wie kann man die Früchte der Erde dem Einzelnen zusprechen, da doch die Erde Allen gehört? „Betrachtet die Vögel des Himmels,“ sagt der Herr, „sie säen nicht und ärnten nicht.“4 Es soll ja denen, die kein Eigenthum haben, gleichwohl Nichts mangeln; und Gott der Herr weiß seine Verheissung wahr zu machen. So sammeln die Vögel nicht ein und doch essen sie, denn der himmlische Vater ernähret sie. „Siehe,“ spricht der Herr, „ich habe euch gegeben alles Kraut, das sich besamet auf Erden, und alle Bäume, die in sich selbst Samen haben nach ihrer Art, daß sie euch zur Speise seien und allen Thieren der Erde und allem Geflügel des Himmels und Allem, das sich reget auf Erden.“5 Diese ausnahmslose Zusage des göttlichen Wortes beschränken wir auf das persönliche Bedürfniß, und so darben wir, so gehen wir leer aus, während wir einsammeln. Wir können freilich auch nicht auf die Verheißung hoffen, wenn wir die göttliche Mahnung nicht beachten. Es erscheint demnach heilsam, das Gebot der Gastlichkeit unseren Gästen gegenüber zu beachten: sind wir doch selbst nur Gäste der weiten Welt.

[S. 102] Wie groß war nun die Ehrfurcht, welche jene heilige Wittwe,6 während sie der äußersten Noth preisgegeben war, gegen Gott bewahrte! Nicht für sich allein bereitete sie die letzte Nahrung, sondern sie theilte mit dem Sohne, damit die Mutter das Kind nicht überlebe. Das ist erhabener Akt der Treue, aber größer war doch noch der Akt der Frömmigkeit. Während nämlich Niemand dem Sohne vorgezogen werden konnte, mußte der Prophet Gottes dem Kinde, ja dem eigenen Leben vorgezogen werden. Man muß wohl anerkennen, daß sie Jenem ihre Gabe nicht als geringe Speise darbot, sondern als den letzten Bissen, mit dem sie ihr Leben noch fristen konnte: so gastlich war sie, daß sie Alles hingab, so vertrauensvoll, daß sie sofort gläubig sich unterwarf.

1: I. Kor. 7, 34.
2: I. Kor. 7, 36 f.
3: III. Kön. 17 [= 1 Könige].
4: Mtth. 6, 26.
5: I. Mos. 1, 29.
6: III. Kön. 17, 12 [= 1 Könige].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger