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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Wittwen (De viduis)

Cap. VIII.

Damit es nun aber nicht den Anschein gewinne, als habe lediglich diese eine Wittwe solche unnachahmliche Werke vollbracht, so meinen wir, daß es von vornherein feststehen dürfte, wie viele Andere eine gleiche oder doch ähnliche Tugend besessen haben: ein gutes Saatkorn pflegt ja immer viele fruchtgefüllte Aehren zu treiben. Man darf also auch nicht zweifeln, daß jene schöne Saat alter, längst verschwundener Zeiten in den Sitten vieler Frauen Früchte getragen habe. Alle zu kennen, gebt nicht wohl an; aber auf einige dürftet ihr doch eure Aufmerksamkeit richten und ganz besonders auf Debora, von deren Tugend uns die Schrift berichtet.

Aus ihrem Berichte geht hervor, daß die Wittwen einerseits sich der Hülfe der Männer erfreuen, daß aber auch andererseits diese von jenen unterstützt werden. Durch die Schwäche ihres Geschlechtes nicht zurückgeschreckt übernahm sie Pflichten, deren Erfüllung eigentlich den Männern oblag, und that noch mehr als sie übernommen. Als nämlich die Juden unter der Leitung der Richter standen, weil eine [S. 119] verständige Selbstregierung oder die Vertheidigung gegen die Feinde ihnen nicht möglich war, während aller Orten Kriege ausbrachen: da wählten sie sich auch die Debora, um ihrer Richterführung sich anzuvertrauen. So hat denn eine einzige Wittwe im Frieden Tausende von Männern geleitet und im Kriege gegen den Feind vertheidigt. Es waren schon viele Richter in Israel gewesen, aber vor Debora war nie ein Weib als Richter aufgetreten, wie seit den Tagen Josuas kein Richter gleichzeitig Prophet war. Ich glaube aber, daß gerade deßhalb Debora zur Richterin erwählt ist und daß ihre Thaten aufgezeichnet sind, damit die Frauen sich nicht lediglich durch die Schwäche ihres Geschlechtes von den Werken besonderer Kraftaufwendung abhalten lassen. Eine Wittwe regiert die Geschlechter Israels, sie führt das Heer an und wählt andere Führer; eine Wittwe1 verfügt über Krieg und Frieden und ordnet den Triumph. Man darf also nicht die Natur anklagen als sei sie schuldig und verantwortlich für die Schwäche: nicht das Geschlecht, nein die Tugendkraft macht stark.

Während des Friedens hat man ja nie von einer Klage, nie von einem Vergehen dieses Weibes gehört, während doch sonst Männer von nicht geringer Sündhaftigkeit als Richter für das Volk auftraten. Als aber die Kananiter, ein wildes, kriegerisches Volk, das obendrein durch die Erfolge der [S. 120] zuströmenden Schaaren übermüthig geworden, feindlich gegen die Juden auftraten, da betrieb jene Wittwe vor allen Uebrigen die kriegerischen Zurüstungen. Um nun den Beweis zu erbringen, daß die häuslichen Pflichten nicht unter den öffentlichen Sorgen vernachlässigt würden, daß vielmehr die Thätigkeit des Hauses auf das öffentliche Wohl bestimmend einwirkte, nahm Debora aus dem eigenen Hause den Sohn zum Heerführer. So muß die Welt erkennen, wie ein Weib, eine Wittwe Krieger erziehen kann. Als Mutter hat sie ihn unterwiesen, als Richterin ihn zum Führer erwählt; selbst eine Heldin hat sie ihn angeleitet, und als Prophetin hat sie zum sicheren Siege ihn entsandt.

Daß aber in der Hand des Weibes wesentlich der Sieg lag, geht aus den Worten ihres Sohnes Barak hervor: „Wenn du nicht mit mir gehst, so ziehe auch ich nicht; denn unbekannt ist mir der Tag, an welchem der Herr seinen Engel mit mir sendet.“ 2 Wie groß also ist die Kraft jenes Weibes, zu welcher der Heerführer spricht: „Wenn du nicht mit mir gehest, so ziehe auch ich nicht!“ Wie erhaben ist ihr Starkmuth, da sie auch nicht durch ihr mütterliches Gefühl sich bestimmen läßt, den Sohn von den Gefahren zurückzuhalten! Ja sie mahnt mit dem Eifer einer Mutter ihren Sohn, den Sieg zu erringen, indem sie darauf hinweiset, daß in eines Weibes Hand sonst der erhabenste Sieg beruhe.

Debora verkündigte also mit prophetischem Geiste den Ausgang des Kampfes, Barak aber führte auf ihr Geheiß das Heer. Jael gewann den Siegespreis; denn für sie hatte der prophetische Ausspruch Deboras sich entschieden. Sie deutet uns geheimnißvoll an den Beginn der Kirche, die aus den Völkern sich erheben sollte, um den Triumph über den geistigen Sisara, das heißt über die feindlichen [S. 121] Mächte der Hölle zu erringen. Zu unserem Besten also stritten jene prophetischen Sprüche, für uns haben jene Waffen gesiegt. Gerade deßhalb hat auch nicht das Volk der Juden, sondern Jael den Sieg über den Feind errungen. Unglückselig war nun das Volk, welches den Feind, den es in die Flucht geschlagen, in der Kraft gläubigen Vertrauens zu verfolgen nicht im Stande war. Dieses Vergehen gereichte den feindlichen Schaaren zum Heile; ihre Fahrläßigkeit hat es uns überlassen, den Sieg zu erringen.

Jael streckte also den Sisara nieder, welchen aber die Macht der Juden unter ihrem leuchtenden Führer (das bedeutet ja der Name Barak)3 bereits in die Flucht geschlagen hatte: die Gebete und Verdienste der Propheten erwirkten den Vätern oftmals himmlische Hülfe. Damals schon wurden aber die Siege über die geistigen Mächte der Bosheit bereitet für diejenigen, denen im Evangelium gesagt wird: „Kommet ihr Gesegneten meines Vaters, besitzet das Reich, das euch vom Anbeginn der Welt bereitet ist.“4 Was also für die Väter der Anfang des Sieges war, das deutet auf das Ende im Reiche der Kirche.

Die Kirche besiegt aber ihre Widersacher nicht durch irdische, sondern durch geistige Waffen, die unter Gottes Beistand die Rüstungen und die Kraft der Mächte der Finsterniß vernichten. Darum wird auch Sisara’s Durst durch eine Schaale Milch gelöscht; denn er ward durch ihre Klugheit überwunden. Was nämlich uns heilsam ist zur Nahrung, das wird dem Gegner tödtlich. Die Waffen der Kirche sind der Glaube und das Gebet, welches jeden Gegner bewältigt.

Nach dem Inhalte dieser Geschichte hat also ein Weib das Richteramt übernommen, um den Muth der Frauen [S. 122] anzuspornen. Deßhalb hat sie Alles angeordnet und das Kommende vorhergesagt; deßhalb hat sie den Triumph errungen und mitten in den kriegerischen Schaaren hat sie durch ihre Führung — selbst ein Weib — die Männer das Kriegshandwerk gelehrt. Als Geheimniß deutet das auf den Kampf des Glaubens und den Sieg der Kirche.

Ihr Frauen könnt euch also unter Berufung auf die Natur nicht entschuldigen. Ihr Wittwen aber könnet ebenso wenig eure Unbeständigkeit auf die Schwäche eures Geschlechtes oder auf den Verlust des Gatten, der bis dahin euch zur Seite gestanden, zurückführen. Ein Jeder genießt hinreichenden Schutzes, wenn nur die Kraft der Seele nicht mangelt. Im Uebrigen ist schon das fortschreitende Alter für die Wittwe eine Schutzwehr der Keuschheit; der Schmerz ferner über den verlorenen Gatten, die unausgesetzte Arbeit, die Sorge für Haus und Kinder, — alles dieses dämpft die Lüsternheit und schützt die Reinheit. Das Trauergewand aber, der Thränenstrom, die tiefe Betrübniß, von welcher die Furchen der bleichen Stirne Zeugniß geben, schrecken lüsterne Augen zurück und lassen keine Begierden aufkommen. Ja in der That, ein guter Wächter der Sittsamkeit ist die Trauer, welche aus treuer Hingebung erwächst: da kann keine Schuld einschleichen, wenn nur eine geringe Wachsamkeit angewendet wird.

1: Ambrosius setzt hier voraus, daß Debora Wittwe gewesen sei, wie er sie gleich nachher als Mutter Barak’s aufführt. Es scheint, als ob Hieronymus in seiner scharfen Weise auf dieses Versehen anspiele (epist. 10. ad Furiam): „Quidam imperite et Deboram inter viduas memorant, ducemque Barach arbitrantur Deborae filium, cum aliud Scriptura commemoret.“ Wittwe kann Debora übrigens immerhin gewesen sein, wenn sie auch Jud. IV. 4 das Weib Lapidoths genannt wird. Dagegen kann Barak nicht füglich ihr Sohn sein, weil er geradezu als Sohn Abinoams eingeführt wird, ganz abgesehen davon, daß Debora zwischen Rama und Bethel im Stamme Benjamin auf dem Gebirge Ephraim, Barak aber in der Levitenstadt Kedes im Stamme Naphtali wohnte.
2: Ambrosius citirt hier Jud. 4, 8 nach den LXX; im hebräischen Text fehlt der Zusatz: „οὐκ οἶδα τὴν ἡμέραν, ἐν ᾗ εὐοδοῖ κύριος τὸν ἄγγελον μετ’ ἐμοῦ“ [ouk oida tēn hēmeran, en hē euodoi kyrios ton angelon met’ emou].
3: בָּרָק Blitz; Hiob 20, 25 ohne jeden Zusatz für „blizzendes Schwert.“ Vom Glanze des Schwertes wird es oft gebraucht. Das punische Barkas ist in gleicher Bedeutung ehrender Beiname für Hamilkar, den Vater des großen Hannibal.
4: Matth. 25, 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger