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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Wittwen (De viduis)

Cap. VII.

Der guten Wittwe pflegt aber auch der Starkmuth nicht [S. 116] zu fehlen. Das ist ja die wahre Stärke, welche die Grenzen der Natur, die Schwäche des Geschlechtes überschreitet durch volle Hingabe des Geistes. So war es bei Judith. Während die Männer durch die Belagerung gebrochen, von Furcht ergriffen, von Hunger ermattet waren, vermochte sie allein vom Untergange zu erretten und gegen den Feind zu schützen. Während Holofernes, durch den glücklichen Ausgang so mancher Schlachten ein Schrecken seiner Feinde, zahllose Schaaren von Männern innerhalb der Mauern der Stadt festhielt, während diese trotz ihrer Waffen angstvoll bebten und schon über den schließlichen Ausgang unterhandelten: da ging Judith — so berichtet die Schrift — hinaus vor die Mauern; edler war sie als das Heer, das sie befreite, tapferer, als jenes, das sie vertrieb.

Um aber die innere Gesinnung einer treuen Wittwenschaft kennen zu lernen, braucht man nur die Erzählung der Schrift zu verfolgen. Seit jenem Tage, an welchem ihr Gatte gestorben, hat sie das Kleid der Freude abgelegt und in Trauergewänder sich gehüllt, Tag für Tag dem Fasten und der Entsagung ergeben, mit einziger Ausnahme des Sabbats und der Tage heiliger Zeiten, an denen sie aber nicht der Sinnlichkeit nachgibt, sondern der Religion sich fügt. Das ist es, was der Apostel sagt: „Ihr mögt essen oder trinken, thuet Alles im Namen Jesu Christi:“1 so wird auch die leibliche Erquickung zu einem heiligen Akte der Gottesverehrung. Durch lange Trauer und durch tägliches Fasten war Judith also gekräftigt; sie suchte nicht irdischen Genuß, sie verachtete, durch die Gleichgültigkeit gegen den Tod noch stärker geworden, jegliche Gefahr. Um ihre List zu vollenden, nahm sie wieder das Gewand der Freude, welches sie bei ihres Mannes Lebzeiten zu tragen pflegte, als wollte sie ihrem Gatten gefallen, indem sie das Vaterland befreite. In Wirklichkeit aber schaute sie auf einen Anderen, auf Jenen, von dem geschrieben steht: „Nach mir kommt Einer, der vor mir gewesen ist.“2 Mit Recht kleidete sie sich, zum [S. 117] Kampfe eilend, in den Schmuck vergangener Zeit; denn solche Erinnerungen an die Ehe sind Waffen für die Keuschheit: anders könnte die Wittwe weder gefallen noch siegen.

Wie sollen wir des Weiteren ausführen, daß sie unter Tausenden von Feinden keusch geblieben? Wie können wir ihre Weisheit rühmen, daß sie solchen Plan erdachte? Sie wählte scheinbar den Führer, um die Unverschämtheit der Niederen von sich abzuhalten und sich selbst die Gelegenheit zum Siege zu verschaffen. Sie bewahrte das Verdienst der Enthaltsamkeit, die Zierde der Keuschheit. Weder durch die Speise noch durch die Sünde befleckt, errang sie keinen geringeren Triumph, indem sie aus der Mitte der Feinde ihre Tugend rettete, als indem sie das Vaterland befreite.

Was sollen wir hier von der Nüchternheit sagen? Mäßigkeit ist die Stärke der Frau. Siehe, eine schwache Wittwe nimmt das Schwert des vom Weine berauschten, in tiefen Schlaf versenkten Mannes; sie erhebt ihre Hand, sie trifft das Haupt des gewaltigen Kriegers und schreitet dann unverletzt mitten durch die Schaaren der Feinde. Beachtet ihr wohl, wie die Trunkenheit dem Weibe schaden müßte, wenn der Wein den Mann so schwach macht, daß ein Weib ihn besiegt? Mäßig sei also die Wittwe; rein vom Wein bleibt sie auch rein von der Lust. Versucht der Wein vergebens, so vermag auch die Lust Nichts. Hätte Judith sich den Genuß des Weines nicht versagt, sie wäre der Sünde nicht entgangen. Aber weil sie keinen Trunk sich gestattet, darum konnte sie allein in ihrer Nüchternheit die trunkenen Schaaren spielend besiegen.

Das war nicht bloß ein Werk ihrer Hand, sondern viel mehr noch, ein Triumph ihrer Weisheit. Mit ihrer Rechten besiegte sie bloß den Holofernes, durch die Weisheit ihres Planes aber das ganze Heer der Feinde. Das Haupt des Holofernes in der Hand, richtete sie den Muth der Ihrigen auf und brach die Zuversicht der Feinde: das hatte kein Sinnen der Männer ausdenken können. Die Reinheit, die sie bewahrt, erhob die Ihrigen, während sie die Feinde vor [S. 118] Schrecken erbeben machte; und so wurden sie geschlagen oder vertrieben. Es hat also die Enthaltsamkeit und Nüchternheit dieser einen Wittwe nicht bloß die Schwäche der eigenen Natur überwunden, sondern auch — was weit höher anzuschlagen — die Männer stärker gemacht.

Und doch ließ sie durch solche Erfolge sich nicht zum Stolze verleiten, obwohl nach dem Siegesrechte ihr wohl angestanden hätte, zu jubeln in heller Freude. Sie verließ nicht den Wittwenstand; Alle, welche sie zur Ehe begehrten, wies sie zurück; das Kleid der Freude ablegend, nahm sie wieder das gewohnte Gewand der Trauer. Den Schmuck des Triumphes verschmähte sie, fest überzeugt, daß die Triumphe nach Besiegung der Sinnlichkeit weit erhabener sind, als wenn man feiert, nachdem man die Waffen der Feinde besiegt hat.

1: Kol. 3, 17.
2: Joh. 1, 15.

 

 

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Einleitung zur Schrift über die Wittwen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger