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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Wittwen (De viduis)

Cap. IV.

Die Schrift hat uns also belehrt, welche Gnadenerweise, welch’ reiche Segnungen die göttliche Güte den Wittwen zu Theil werden läßt. Da sie aber von Gott so sichtlich ausgezeichnet werden, so lohnt es sich zu untersuchen, wie das Leben dem entsprechend beschaffen sein muß. Die heilige Anna [S. 109] lehrt es uns als lebendiges Beispiel: durch den vorzeitigen Tod ihres Gatten verwittwet, hat sie den Lohn vollreifer Ehre empfangen, indem sie ebenso sehr auf die Uebung der Gottesfurcht, als auf die Bewahrung der Keuschheit bedacht war. „Sie war eine Wittwe,“ sagt die Schrift, „von vierundachtzig Jahren, die sich nicht entfernte vom Tempel und mit Fasten und Gebet Gott diente Tag und Nacht.“1

So also wird eine heilige Wittwe geschildert als eines Mannes Weib, im langen Laufe des Lebens bereits bewährt, mit fast erstorbenem Körper noch lebensfrisch für Gott und seinen Dienst. Ihre Wohnung ist der Tempel, ihre Unterhaltung Gebet, ihr Leben ein ständiges Fasten, Tag und Nacht in ungebrochener Hingabe Gott dienend, fühlt sie die Frömmigkeit nicht altern, während sie das Hinschwinden des alternden Körpers nicht verbergen kann. In der Blüthe ihres Lebens Wittwe geworden, wird sie im Alter als erprobte Heldin uns vorgeführt. Solcher Wittwenstand erwuchs nicht auf dem natürlichen Boden des Alters, nicht auf dem Ersterben des Körpers, sondern in erhabenem Tugendkampfe. Wenn nämlich der Evangelist sagt, sie habe von ihrer Jungfrauschaft an sieben Jahre mit ihrem Manne gelebt, so weist er gleichzeitig darauf hin, daß die ungebrochene Tugendkraft des Alters in dem treuen Streben der Jugend gegründet liegt.

So werden wir denn belehrt, daß die Tugend der Keuschheit eine dreifache ist: die eheliche, die der Wittwen und die jungfräuliche. Jede dieser Tugenden hat in dem entsprechenden Stande ihre Geltung, und wir schließen die andern keineswegs aus, wenn wir eine preisen. Darin besteht gerade der göttliche Reichthum der Kirchenlehre, daß sie wohl Vollkommnere einschließt, Verwerfliche aber gar nicht duldet.

So haben wir die jungfräuliche Keuschheit hoch erhoben, ohne jedoch die Wittwen zu verachten; so ehren wir diese letzteren, damit auch dem Ehestande seine Ehre bleibe. Und [S. 110] das sind nicht unsere Vorschriften, nein, das lehren uns die göttlich bezeugten Offenbarungen.

Erinnern wir uns nun, wie Maria, wie Anna, wie Susanna gerühmt wird. Da es aber nicht genügt, ihr Lob zu verkünden, da vielmehr ihr Beispiel Nachahmung heischt, so müßen wir uns auch gleichzeitig daran erinnern, wo Susanna, wo Anna, wo Maria sich finden, und beachten wir dann, wie die Einzelnen gerade das entsprechende Lob erhalten: die Vermählte weilt im Garten, die Wittwe im Tempel, die Jungfrau in der Einsamkeit.

Nur reift in Jenen die Tugendfrucht später, weil erst das Alter sie bewährt; in der Jungfrau zeitiger, weil die Jungfräulichkeit Ruhm und Zierde der ganzen Lebenszeit ist. Diese sucht nicht die natürliche Hülfe späterer Jahre, denn jegliches Alter trägt diese kostbare Frucht. Die Jungfräulichkeit ziemt der zarten Kindheit, schmückt die Jugend, adelt das Alter, und für jeden Lebensabschnitt kann sie ergraute Tugendhelden aufweisen. Immer schmückt sie mit dem heiligen Ernste einer gereiften Seele, mit dem Schleier der Unschuld, während sie die innige Frömmigkeit vermehrt. Wir wissen ja, daß Maria alljährlich zum Feste der Ostern mit Joseph hinaufzog gen Jerusalem. So finden wir stets dieselbe lautere Hingabe an Gott, wie der heilige Joseph immer der treue Begleiter seiner jungfräulichen Gattin ist. Keine Ueberhebung findet Eingang zum Herzen der Mutter Gottes, als dünke sie sich ihrer Verdienste sicher; im Gegentheile, je mehr sie ihr Verdienst erkennen muß, desto treuer löst sie ihre Gelübde, desto eifriger erfüllt sie ihre religiösen Pflichten, und desto gewissenhafter wandelt sie ihren geheimnißvollen Lebenslauf.

Um wie viel mehr müßen die anderen Jungfrauen auf die Erhaltung der Keuschheit bedacht sein! Sie dürfen sich nicht der verkehrten Meinung hingeben, als genüge das eigene Zeugniß reiner Sitte. Denn obgleich die Reinheit der Seele der eigentliche und herrlichere Schmuck der Jungfrau ist, so muß sie doch auch jeden schändenden Verdacht, der auf ihr äußeres Verhalten fallen könnte, vermeiden. Die [S. 111] Wittwe dagegen, welche ihre Jungfräulichkeit äußerlich zu bewahren nicht verpflichtet war, kann auch für ihre fernere Keuschheit nicht äußere Zeugnisse, sondern lediglich das eigene Bewußtsein ihres sittlichen Verhaltens aufführen. So lehrt denn die Schifft, wie treu und wie gottergeben die Gesinnung der Wittwe sein muß.

1: Luk. 2, 36—38.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger