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Ambrosius von Mailand (340-397) - Über die Wittwen (De viduis)

Cap. XV.

Vielleicht möchten nun Einzelne sich zur zweiten Ehe entschließen, um sich Nachkommenschaft zu sichern. Sind aber aus erster Ehe bereits Kinder vorhanden, so fällt dieser Grund von selbst; und ist es im andern Falle rathsam, von Neuem die Trübsal einer kinderlosen Ehe zu übernehmen?

Wenn ferner einer Wittwe ihre Kinder durch den Tod entrissen sind, muß es ihr nicht scheinen, als wolle sie mit der Feier der zweiten Hochzeit die Leichen ihrer gestorbenen Kinder verdecken? Und wird sie nicht noch einmal all das durchmachen, was sie bereits erfahren? Erschrecken sie nicht die Leichenhügel aus erster Ehe, die Erinnerung an die [S. 139] erlittene Beraubung, an das Weinen der Leidtragenden? Oder muß sie, wenn Abends die Fackeln angezündet werden, nicht viel eher glauben, sie leuchteten zu einer Leichen- als zu einer Hochzeitfeier? Warum also, meine Tochter, willst du die Schmerzen, die du doch so sehr fürchtest, erneuern, als ob du Kinder verlangest, auf die du nicht mehr hoffst? Ist dein Schmerz wirklich so groß, so meine ich, müßte man das, was ihn veranlaßte, fliehen, nicht aber darnach verlangen.

Welchen Rath soll ich nun aber dir geben, die du mit Kindern gesegnet bist? Welcher Grund liegt für dich vor, zu einer zweiten Ehe zu schreiten? Vielleicht treibt dich thörichte Leichtfertigkeit, vielleicht auch die Ueberzeugung deiner eigenen Unenthaltsamkeit oder das Gefühl deines liebekranken Herzens. Nun, man ertheilt nur den Nüchternen, nicht aber den Trunkenen guten Rath; und deßhalb richtet sich mein Wort denn auch nur an diejenigen, deren Bewußtsein in beiden Beziehungen gesund ist. Die Liebeskranke mag ihr Heilmittel versuchen; nur der Verständigen gilt mein Rath. Was beabsichtigst du denn nun, meine Tochter? Weßhalb suchst du andere Erben, da du deren bereits besitzest? Nach Kindern verlangst du nicht, sie sind dir schon geschenkt. Ach nein, in Wirklichkeit verlangst du nach einer Knechtschaft, die du gegenwärtig nicht fühlst. Es handelt sich ja in der That recht eigentlich um eine Knechtschaft, wo die Liebe bereits erstorben ist, welche einst unter dem Einflusse jugendlicher Schönheit, unter dem Wiederscheine jungfräulichen Erröthens erglühte. Jetzt muß ja jede Beleidigung tiefer verletzen, jeder nicht gewohnte Schmuck muß eifersüchtig machen; die Einigkeit aber wird selten, weil sie weder unter dem Schutze einer mit der Zeit tiefgewurzelten Liebe, noch unter der Herrschaft jugendlich blühender Schönheit steht. — Und ist denn das nicht eine gar traurige Verehrung gegen den Gatten, wenn du fürchten mußt deine Kinder zu lieben, wenn du schon bei ihrem Anblicke erröthen mußt? Gerade dort wird also die Ursache des Unfriedens liegen, wo sonst gemeinschaftliche Liebe die Gefühle der Eltern immer wieder [S. 140] anfacht. Du wünschest Söhnen das Leben zu geben, die in Zukunft nicht Brüder, sondern Gegner deiner eigenen Kinder aus früherer Ehe sein werden! Was anders heißt das aber, als diese deine Kinder berauben, da ihnen ebenso die Beweise deiner Liebe, wie die Vortheile der Erbschaft genommen werden?!

Mit göttlichem Ansehen hat das Gesetz des Herrn die Gatten unter einander verbunden und doch bleibt nur schwer die gegenseitige Liebe. Es nahm der Herr eine Rippe aus der Seite des Mannes, formte daraus das Weib und sprach, um sie einander zu verbinden: „Sie werden zwei sein in einem Fleische.“ Nicht aber von der zweiten, sondern nur von der ersten Ehe sagte er dieses; denn weder Eva noch die Kirche hat einen zweiten Gatten anerkannt, und doch sagt der Apostel: „Die Ehe ist ein großes Sakrament in Christus und seiner Kirche.“ So muß es gehalten werden. Auch Isaak kannte keine andere Gattin als Rebekka, und er bestattete Abraham seinen Vater mit keiner anderen als mit Sarah.

Dagegen müßen wir in Rachel mehr ein geheimnißvolles Vorbild, als die rechte Ordnung der Ehe finden. Und doch finden wir auch bei ihr etwas, was wir auf die Erhabenheit der ersten Ehe zurückführen müßen. Sie war nämlich die erste Verlobte, Jakob hatte sie zumeist geliebt, der Betrug aber, dessen Gegenstand Jakob bei der ersten Vermählung war, konnte die Liebe zur ersten Braut nicht aufheben. So lehrt uns der heilige Patriarch, wie hoch wir die erste Ehe halten müßen, wenn ihm schon die erste Verlobung so hoch stand. So hütet euch denn, meine Töchter, daß ihr nicht euch selbst hindert, die Huld der Ehe zu erfahren, indem ihr die Beschwerden lediglich vermehret!

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger