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Hieronymus († 420) - Briefe
VI. Briefe an Theophilus von Alexandrien
82. Hieronymus an Theophilus

4.

Ich müßte mich ja in einem Briefe kürzer fassen, aber der Schmerz drängt mich zu weiteren Ausführungen. Johannes schreibt in seinem Briefe, den er selbst eine Botschaft des Friedens nennt, dessen Bissigkeit ich aber wohl herausfühle, er sei niemals von mir verletzt noch als Häretiker bezeichnet worden. Warum verletzt er denn mich, der ich schwer krank bin? Warum stellt er mich immer wieder als einen kirchlichen Rebellen hin? Von dritter Seite gereizt 1 erhebt er Anklage gegen einen Unbeteiligten, zwingt ihn, der in kluger Absicht schweigt, zu reden, und verrät so, daß er seine wahren Gegner schont, um den, der nicht verletzte, zu verletzen. Bevor mein Bruder geweiht wurde, hat es nach seinem eigenen Eingeständnis zwischen ihm und dem ehrwürdigen Bischof Epiphanius niemals eine Meinungsverschiedenheit in Sachen des [S. 409] Glaubens gegeben. 2 Welcher Grund veranlaßte ihn nachher, wie er selbst zugibt, vor dem Volke über Dinge zu disputieren, nach denen niemand gefragt hatte? Denn aus Deiner Erfahrung weißt Du wohl, wie gefährlich solche Fragen sind. Die Vorsicht verlangt, daß man über schwierige Punkte schweigt, es sei denn, daß es notwendig wird, Stellung dazu zu nehmen. Gewiß tat es Johannes, weil er das große Genie und der Born der Beredsamkeit war, der in einem einzigen in der Kirche gehaltenen Vortrage glaubte alles zusammengefaßt zu haben, während allgemein bekannt ist, wie die gelehrtesten Leute für die Erörterung einzelner [S. 410] Fragen Tausende von Zeilen benötigten. Doch was habe ich damit zu tun? Das geht den an, der es gehört und mitgeschrieben hat. 3 Er selbst spricht mich ja davon frei, daß ich ihn angeklagt hätte. Ich war nicht zugegen und habe nichts gehört. Ich bin ja auch nur einer aus der großen Menge, ja nicht einmal das, da ich geschwiegen habe, wo viele lärmten, Vergleichen wir doch einmal die Person des Klägers mit der des Angeklagten! Dem wollen wir Glauben schenken, dem, was Verdienst, Leben und Lehre angeht, der Vorrang gebührt!

1: Gemeint ist Rufinus, auf den dieser Brief wiederholt anspielt.
2: Epiphanius von Salamis war 394 nach Jerusalem gekommen, wo ihn Johannes freundlich aufnahm. Freilich scheint es gleich in den ersten Tagen zu unerquicklichen Auftritten in der Kreuzkirche gekommen zu sein, wo Epiphanius vormittags gegen die Origenisten predigte, während der Origenist Johannes am Nachmittage die Anthropomorphiten bekämpfte. Die Zuhörer hatten den Eindruck, als ob die Predigten der beiden Bischöfe gegeneinander gerichtet wären (Hier., Contra Joh. 14 — M PL XXIII 382 f.). Ob im folgenden auf diese Vorgänge angespielt wird, läßt sich den Andeutungen, die nur Eingeweihten restlos verständlich waren, nicht mit Sicherheit entnehmen. Johannes ignoriert auf jeden Fall in seiner Schrift an Theophilus diese Vorgänge; denn er betont, daß Epiphanius vor der Weihe des Paulinian ihn niemals als Irrlehrer angegriffen habe. Damit wird diese Weihe, die Epiphanius in dem von ihm gegründeten und außerhalb der Diözese Jerusalem bei Eleutheropolis liegenden Kloster vorgenommen hat, allerdings an einem zu priesterlicher Tätigkeit innerhalb der Diözese des Johannes bestimmten Mönch, zum Ausgangspunkt des Streites gemacht. In Wirklichkeit war aber der Gegensatz dogmatischer Natur. Offenbar wollte man die Weihe nicht von dem „Ketzer“ Johannes vornehmen lassen. Epiphanius hat sich nach dieser Weihe in Wort und Schrift scharf gegen Johannes und dessen origenistische Irrtümer eingestellt. Hieronymus schloß sich an Epiphanius an und übersetzte einige Briefe dieses Bischofes gegen Johannes ins Lateinische (ep. 51 ad Joh.; vgl. ep. 57, 2 ad Pamm.). Hier dürfte der tiefste Grund des Zwistes liegen. Was unter den gefährlichen Fragen zu verstehen ist, über welche Johannes ungefragt vor dem Volke disputierte, ergibt sich aus dem Texte nicht einwandfrei. Es kann sich aber kaum um etwas anderes als um die origenistische Frage gehandelt haben, die Hieronymus, um hier nicht selbst Stellung zu nehmen, nur als gefährlich bezeichnet. Will er doch Theophilus für sich günstig stimmen, der damals noch auf Seiten der Origenisten stand und in seinem Abwehrkampfe gegen die Anthropomorphiten sich die angedeutete Erfahrung erworben hatte.
3: Epiphanius von Salamis.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger