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Hieronymus († 420) - Briefe
VI. Briefe an Theophilus von Alexandrien
82. Hieronymus an Theophilus

11.

Noch ein Wort zu seiner Bemerkung, daß wir durch Dich und die römische Kirche mit ihm in Gemeinschaft stehen. Er, von dessen Person wir anscheinend getrennt sind, braucht wirklich nicht so weit zu gehen. Denn auch hier in Palästina stehen wir in gleicher Weise mit ihm in Verbindung. Um ganz in der Nähe zu bleiben, im Örtchen Bethlehem halten wir mit seinen Priestern, soweit es an uns liegt, Gemeinschaft. Daraus ergibt sich, daß man den eigenen Harm nicht zur Sache der Kirche machen darf, und daß man die Aufregung eines Menschen, auch wenn er noch andere in seinen Bann zieht, nicht mit dem Interesse der gesamten Kirche gleichstellen kann. Deshalb wiederhole ich, was ich bereits zu Beginn meines Schreibens gesagt habe, wir wollen den Frieden Christi und sehnen uns nach wahrer Eintracht. Dich aber ersuche ich, Johannes zu ermahnen, den Frieden nicht zu erpressen, sondern wahrhaft zu wollen. Er möge es sich genug sein lassen an unserem Schmerze über die uns in der Vergangenheit zugefügten Unbilden. Die alten Wunden möge er wenigstens für die Zukunft durch eine liebevollere Behandlung vergessen machen. Er soll sich so verhalten wie damals, als er uns aus innerer Neigung noch wohlgesinnt war. Seine Worte dürfen nicht den Zorn anderer zur Quelle haben. 1 Er soll handeln nach eigenem Ermessen, ohne sich von anderen aufhetzen zu lassen. Entweder soll er als Bischof über alle in gleicher Weise sich als Herrn fühlen, oder er möge den Apostel nachahmen und mit gleicher Liebe dem Heile aller dienen! Ist er damit einverstanden, dann reichen wir [S. 418] ihm gern unsere Hand, dann schließen wir ihn freudig in unsere Arme. Freunde, ja Verwandte wollen wir ihm sein. Wir geben ihm die Versicherung, daß wir uns ihm wie allen anderen Bischöfen in Christo unterwerfen. Die Liebe ist geduldig, die Liebe ist gütig, die Liebe denkt nichts Arges, sie bläht sich nicht auf, sie erträgt und glaubt alles. 2 Die Liebe ist die Mutter aller Tugenden, und in Verbindung mit dem Glauben und mit der Hoffnung wird sie unzerreißbar, ähnlich einem dreifach geflochtenen Tau, 3 gemäß dem Worte des Apostels, der da spricht: „Glaube, Hoffnung, Liebe.“ 4 Wir haben den gleichen Glauben und die gleiche Hoffnung. So mögen wir denn durch den Glauben und die Hoffnung auch in der Liebe uns verbunden fühlen! Darum haben wir unsere Heimat verlassen, um in Ruhe, fern jeder Zwietracht, auf dem Lande und in der Einöde zu leben. Dort wollten wir die Bischöfe Christi, freilich nur, wenn sie den rechten Glauben lehren, nicht aus sklavischer Furcht, sondern wie unsere Väter ehren. Den Bischöfen als Bischöfen wollen wir dienen; aber es liegt uns ferne, uns unter das Joch dritter zwingen zu lassen, welche sich hinter die Bischöfe stecken und die wir ablehnen. Wir sind nicht so aufgeblasen, daß wir nicht wüßten, was den Priestern Christi zukommt. Denn wer sie aufnimmt, nimmt weniger sie auf als den, dessen Bischöfe sie sind. Aber sie sollen sich auch bescheiden mit der Achtung, auf die sie Anspruch haben. Sie sollen dessen eingedenk sein, daß sie Väter, nicht Herren sind, besonders solchen gegenüber, die allen weltlichen Ehrgeiz verachten und nichts außer Ruhe und Frieden wünschen. Möge Christus, der allmächtige Gott, Dein Gebet erhören, daß wir uns in wahrer und aufrichtiger Liebe wiederfinden und nicht in einem Frieden, den man nur äußerlich zur Schau trägt! Es möchte sonst geschehen, daß wir uns, wenn wir einander beißen, gegenseitig aufzehren. 5
[S. 419]

1: Gemeint ist Rufin.
2: 1 Kor. 13, 4. 7.
3: Eccle. 4, 12.
4: 1 Kor. 13, 13.
5: Gal.5, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger