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Hieronymus († 420) - Briefe

VI. Briefe an Theophilus von Alexandrien

63. Hieronymus an Theophilus

Einleitung

In den letzten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts war Origenes eine der meist umstrittenen Persönlichkeiten. In diesen Streit greifen vier Briefe des Hieronymus an den Patriarchen Theophilus von Alexandrien (385 bis 412) ein, nämlich ep. 63, 86, 88 und 99. Die Auffassungen über ihre zeitliche Folge gehen auseinander. Jedoch scheint Cavallera im großen und ganzen das Richtige getroffen zu haben. 1

Seit dem Jahre 399 gehörte Theophilus, eine keineswegs sympathische Erscheinung der alten Kirchengeschiente, zu den schärfsten Gegnern des Origenes. Freilich bedurfte es der in ep. 63 vorliegenden Mahnung, um den Theophilus zu energischen Maßnahmen zu bestimmen. Diese Mahnung mochte ein Gegenhieb sein gegen die Forderung des Patriarchen, daß Hieronymus die kirchlichen Kanones befolgen möge. Er hatte nämlich einen ägyptischen Bischof Paulus, den Theophilus vertrieben hatte, bei sich in Bethlehem aufgenommen und ihm sogar zur Wiedereinsetzung durch kaiserliches Reskript verholten. 2 Dieser Vorfall, auf den Rufin mit verdächtigem Eifer hinweist, 3 hatte eine Entzweiung mit Theophilus zur Folge, der lange des Hieronymus Briefe [S. 390] unbeachtet ließ. Erst der gemeinschaftliche Kampf gegen die Origenisten führte die beiden Männer wieder zusammen. Geschrieben ist der Brief 399; denn er hat zur Voraussetzung, daß die Einstellung des Patriarchen zu Origenes sich bereits nach der unfreundlichen Seite hin geändert hat. 4

Inzwischen nahmen die Ereignisse in Ägypten ihren Fortgang. Mönche in der sketischen Wüste hatten durch ihre anthropomorphen Auffassungen Ärgernis erregt. Ihnen traten die origenistisch gesinnten Mönche der nitrischen Wüste, die Freunde des Theophilus, der aus ihren Reihen hervorgegangen war, scharf entgegen. Unter ihnen taten sich die vier „langen Brüder“ besonders hervor. Im Osterfestbrief des Jahres 399 hatte Theophilus ebenfalls die Anthropomorphiten angegriffen. Da überfielen die sketischen Mönche den Patriarchen in seinem Palaste zu Alexandria, was einen Umschwung bei Theophilus hervorrief, der ihm die Gegnerschaft der nitrischen Mönche eintrug. Mit aller Schärfe ging nun Theophilus gegen die origenistisch gesinnten Mönche vor, besonders gegen die langen Brüder, gegen welche er noch aus persönlichen Gründen verstimmt war. Ende 399 oder Anfang 400 wurden die Origenisten auf einer Synode zu Alexandrien verurteilt. Es kam zu einer Expedition in die nitrische Wüste, wo vor zahlreichen Mönchen die Schriften des Origenes verurteilt wurden. Nun versuchten es die nitrischen Mönche, ähnlich wie einst die sketischen in Alexandrien, mit der Gewalt. Doch Theophilus blieb diesmal Herr der Lage. Es setzte eine harte Verfolgung ein gegen die Mönche, welche sich weigerten, die Verurteilung des Origenes zu unterschreiben. Sie mußten die Flucht ergreifen und begaben sich zum größten Teil nach Palästina.

In diesem Stadium des Kampfes schickte Theophilus den Mönch Theodorus, der sich durch persönlichen Augenschein davon überzeugt hatte, daß die Lage in der nitrischen Wüste wieder normal war, mit einem Briefe nach Rom an Papst Anastasius (399/402), um [S. 391] dessen Unterstützung er im Kampfe gegen die Origenisten ersuchte. Diese wurde ihm auch zuteil. 5 Theodorus erhielt Anweisung, seinen Weg über Bethlehem zu nehmen und einen Brief an Hieronymus zu überbringen (ep. 89). In diesem Briefe macht Theophilus Mitteilung von der Unterdrückung der Irrlehre in der nitrischen Wüste und von der Vertreibung der Anhänger des Origenes. Zugleich warnt er vor diesen, soweit sie in Palästina Zuflucht gesucht hatten. Bald darauf überbringen Bischof Agathon und der Diakon Athanasius ein zweites Schreiben des Theophilus, das über die Ausrottung der Irrlehre in der nitrischen Wüste berichtet (ep. 87). Hieronymus wird ersucht, durch seine Schriften mitzuwirken an der Bekämpfung des Irrtums und an der Reinhaltung der katholischen Lehre.

Die Antwort auf diese beiden Schreiben liegt im 88. Briefe vor. Theophilus wird zu seinem Erfolge beglückwünscht. Auch berichtet Hieronymus, daß er durch Gottes Fügung zu gleicher Zeit wie Theophilus, wahrscheinlich über Marcella, 6 die Abendländer vor den Origenisten gewarnt habe. Hieronymus erklärt sich bereit, nach dem Wunsche des Patriarchen bei der Wiedergewinnung der Betörten mitzuwirken, und erbittet sich als Unterlage für sein Vorgehen die einschlägigen Synodalschreiben des Theophilus. Er kann auch mitteilen, daß zwei Tage vor Absendung des Briefes der Presbyter Vincentius 7 aus Rom zurückgekehrt sei, der nicht genug rühmen könne, wie durch den Brief des [S. 392] Patriarchen an den Papst Rom und Italien von der Irrlehre sich freigemacht hätten.

Einen weiteren Brief des Theophilus, den wir nicht mehr besitzen, überbrachten die Mönche Priscus und Eubulus. Sie kamen als Sendlinge des Patriarchen nach Palästina, um mit Unterstützung der staatlichen Macht die flüchtigen Origenisten auch dort zu verfolgen. Diese wandten sich nunmehr zum großen Teil nach Konstantinopel, wo der hl. Johannes Chrysostomus ihnen Asyl gewährte, was wesentlich zu dessen Sturz beitrug. Als keine weiteren Nachrichten aus Alexandrien eintrafen, schickte Hieronymus den 86. Brief an Theophilus und lobt ihn dafür, daß er die Nattern bis in ihre Schlupfwinkel hinein verfolgt hat. Zugleich nimmt er seinen früheren Gegner, den Bischof Johannes von Jerusalem, mit dem er sich inzwischen ausgesöhnt hatte, in Schutz. Einer der aus Ägypten verjagten Mönche hatte nämlich bei Johannes Unterkunft gefunden, was Hieronymus mit Unkenntnis der Sachlage entschuldigt.

Aus der ganzen Fassung der Korrespondenz zwischen Hieronymus und Theophilus ergibt sich, daß die gesamten Briefe, abgesehen von ep. 63, im unmittelbaren Anschluß an die Ereignisse geschrieben wurden, d.h. im Jahre 400. Als terminus post quem non können wir den Sommer dieses Jahres ansetzen, da Theophilus zum 14. September, dem Feste der Enkaenien (Kreuzerhöhung), an welchem sämtliche Bischöfe Palästinas in Jerusalem zusammenkamen, an diese ein Synodalschreiben (ep. 92) gerichtet hat mit der Aufforderung, Origenes und seine Anhänger zu verurteilen. Sicherlich wäre dieses Synodalschreiben in dem Briefwechsel erwähnt worden, falls es bereits vorgelegen hätte. Auch hätte dann Hieronymus den Bischof Johannes von Jerusalem nicht wegen Unkenntnis der Sachlage in Schutz nehmen können.

In der Briefsammlung des Hieronymus finden sich noch mehrere andere Aktenstücke zum Origenistenstreit die aber nicht auf ihn zurückgehen, abgesehen von verschiedenen Osterfestbriefen des Theophilus, die er ins Lateinische übertragen hat. In loserem Zusammenhange mit dem Streit steht bereits der Osterfestbrief des [S. 393] Jahres 404, den Hieronymus wegen des im gleichen Jahre (27. Januar) erfolgten Todes der hl. Paula mit einiger Verspätung in lateinischer Übersetzung dem Verfasser zugeschickt hat (ep. 100). Auch er geht an der origenistischen Frage nicht vorüber, so daß das zugehörige Begleitschreiben (ep. 99) als Abschluß der ganzen Angelegenheit, soweit Hieronymus in Betracht kommt, angesehen werden kann. Er bittet um Entschuldigung wegen der Verzögerung, die er neben dem Tode seiner geistigen Freundin auf Krankheit und Sorge um das Schicksal der Kirche zurückführt. In reichlich überschwenglichen Worten zollt er der Arbeit des Alexandriners ein gerütteltes Maß von Anerkennung.

1: Cav. I 270 ff.; II 38 ff.
2: Contra Ruf. III 17 f. — M PL XXIII 490 f. Es ist kaum anzunehmen, daß die Verletzung der kirchlichen Kanones in der nach Ansicht des Johannes von Jerusalem mit Unrecht durch Epiphanius vorgenommenen Weihe des Paulinianus, des Bruders unseres Kirchenvaters, liegt (vgl. hierzu Cav. II 39; Gr. III 15).
3: Contra Ruf. a. a. O.
4: Diese Tatsache übersieht Pronberger (51 f.), der den Brief um 397/98 geschrieben sein läßt. Vgl. hingegen Gr. I 69.
5: Vgl. ep. 127, 10 ad Princ.; BKV XV 191. Papst Anastasius hat die origenistischen Irrtümer, ohne daß bekannt wäre, in welchem Umfange, verurteilt und die Bischöfe Simplicianus und Venerius von Mailand ersucht, ein Gleiches zu tun (vgl. B. III 592).
6: Marcellas Interesse in der Angelegenheit, die durch Rufin auch in Rom akut geworden war, ergibt sich aus ep. 127, 10 und ep. 97, 1 f.
7: Der wiederholt von Hieronymus erwähnte Priester Vincentius hatte ihn bei seiner Flucht aus Rom (385) nach dem Orient begleitet. Er gehörte zur Klostergemeinde in Bethlehem, ohne dortselbst seelsorgliche Tätigkeit auszuüben (vgl. Contra Ruf. III 22 — M PL XXIII 494).

 

 

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