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Hieronymus († 420) - Briefe
V. Briefe kirchenrechtlichen und pastoralen Inhaltes
69. An Oceanus

9.

Nachdem wir gehört haben, wie die Priester sein müssen, wollen wir untersuchen, wie sie nicht sein sollen. Den Hang zum Weintrinken mag man sich bei Schmarotzern und Lüstlingen gefallen lassen. Ein Bauch, aus dem der Wein aufstößt, gibt nur allzu rasch der Sinnlichkeit nach. Im Wein liegt Liederlichkeit, 1 in der Liederlichkeit Wollust, in der Wollust Unkeuschheit. Wer sich der Liederlichkeit ergibt, ist lebend tot. 2 Wer sich also betrinkt, ist tot und begraben. Noe entblößt [S. 371] in einer Stunde der Trunkenheit seine Scham, die er während sechshundert Jahren der Nüchternheit jedem fremden Blick entzogen hatte. 3 Im Rausche ergibt sich Lot, allerdings ohne es zu wissen, der bösen Lust und schändet sein eigenes Blut. Sodoma hat ihm nichts anhaben können, aber unter dem Einfluß des Weines wird er zum Sünder. 4 Einem Bischof, der ein Raufbold ist, spricht der das Urteil, der seinen Rücken den Geißelhieben darbot und geschmäht nicht wiederschmähte. 5 „Vielmehr bescheiden.“ 6 Den beiden Übeln stellt der Apostel wieder eine Tugend gegenüber. Die Bescheidenheit soll die Trunksucht und den Zorn zügeln. „Nicht streitsüchtig und auch nicht geizig.“ 7 Nichts ist so despotisch wie das rücksichtslose Benehmen ungeschliffener Menschen, die Poltern mit Autorität verwechseln, ständig zum Streit aufgelegt sind und die ihnen untergebene Herde mit groben Worten andonnern. Daß der Priester die Habsucht meiden muß, lehrt der Prophet Samuel, als er vor dem ganzen Volke betont, daß er von niemandem etwas angenommen habe. 8 Auch die Apostel in ihrer Armut sind in dieser Beziehung vorbildlich, die das zum Leben Erforderliche von den Gläubigen entgegennahmen und sich dessen rühmten, daß sie außer Nahrung und Kleidung nichts anderes hätten und auch nicht haben wollten. 9 Was Paulus in seinem Briefe an Timotheus Habsucht nennt, kennzeichnet er in seinem Briefe an Titus klar und offen als Gier nach schnödem Gewinn. 10 „Er muß seinem eigenen Hause gut vorstehen.“ 11 Damit will nicht gesagt sein, daß er seine Reichtümer vermehren, kostspielige Gelage halten, mit ziselierten Schüsseln seinen Tisch schmücken oder Fasanen mit der Kunst des Fachmannes am schwachen Feuer braten soll, so daß die Wärme bis zu den Knochen vordringt, ohne daß das [S. 372] Fleisch sich loslöst. Vielmehr verlangt der Apostel, daß er zuerst bei seinen Hausgenossen durchsetzt, was er dem Volke predigt. „Gehorsam und in jeder Beziehung ehrbar sollen seine Kinder sein.“ 12 Sie sollen es nicht machen wie die Söhne Helis, die mit Weibern schliefen am Eingang des Tempels und am Heiligen Raub trieben, indem sie die besten Opferstücke wegnahmen und sich daran gütlich taten. 13 „Kein Neubekehrter, damit er nicht, vom Stolz gebläht, dem Gerichte des Teufels verfalle.“ 14 Ich kann mich nicht genug darüber wundern, wie man in seiner Verblendung so weit gehen kann, des langen und breiten um eine vor der Taufe geschlossene Ehe herumzureden und gegen eine Sache anzugehen, die in der Taufe ertötet oder, besser gesagt, in Christus lebendig gemacht wurde, während sich niemand um eine so klare und eindeutige Vorschrift kümmert. Gestern noch Katechumene, heute Bischof; gestern noch im Amphitheater, heute in der Kirche; am Abend im Zirkus, am anderen Morgen am Altare. Vor kurzem ein Gönner der Schauspieler, jetzt Konsekrator der Jungfrauen. Waren etwa dem Apostel unsere Ausflüchte und unsere törichten Spitzfindigkeiten unbekannt? Gewiß sagte er: „Eines Weibes Mann“; 15 aber er stellte auch die Forderung auf: „Untadelig, nüchtern, klug, gesetzt, gastfreundlich, gelehrt, bescheiden, kein Weintrinker, kein Raufbold, nicht streitsüchtig, nicht geizig, kein Neubekehrter.“ 16 Überall drückt man sonst beide Augen zu, nur auf die Gattinnen versteift man sich. Wer aber hätte nicht schon selbst erlebt, wie wahr des Apostels Worte sind: „Damit er nicht vom Stolz gebläht dem Gerichte des Teufels verfalle?“ 17 Wer so plötzlich zum priesterlichen Amte gelangt, der weiß nichts von Demut und Sanftmut im Umgang mit einfachen Leuten. Er kennt nicht die milde Sprache Christi und versteht es nicht, sich selbst [S. 373] geringzuschätzen, sondern steigt von Würde zu Würde. Nie hat er gefastet oder Bußtränen vergossen. Es fiel ihm nicht ein, seinen früheren Lebenswandel des öfteren einer Prüfung zu unterziehen und durch eifrige Beobachtung eine Besserung herbeizuführen. Auch dachte er nie daran, seinen Besitz unter die Armen zu verteilen. Von einem Stuhl geht es zum andern Stuhl, wie man zu sagen pflegt, d.h. von Stolz zu Stolz. Niemand bezweifelt, daß das Gericht und der Sturz des Teufels auf seinen Hochmut zurückgehen. Dem Hochmut aber fällt man anheim, wenn man im Handumdrehen Lehrer wird, ohne vorher Schüler gewesen zu sein. „Er muß aber auch einen guten Leumund besitzen bei denen, die außerhalb stehen.“ 18 Der Apostel schließt mit der gleichen Forderung, die er zu Beginn aufgestellt hat. Wer untadelig ist, findet nicht bloß bei den Hausgenossen Anerkennung, sondern auch die Fremden sind ausnahmslos seines Lobes voll. Die Fremden, die außerhalb der Kirche stehen, sind die Juden, die Häretiker und die Heiden. Die Lebensführung des Bischofs muß so sein, daß auch die, welche die Religion schmähen, an ihm persönlich keine Aussetzungen wagen. Aber wieviele sieht man nicht in unseren Tagen, die sich die Volksgunst um Geld erkaufen, wie es bei den Rosselenkern üblich ist! Oder sie sind bei aller Welt dermaßen verhaßt, daß sie nicht einmal um Geld herauspressen können, was die Schauspieler durch ihre Mimik erzielen.

1: Eph. 5, 18.
2: 1 Tim. 5, 6.
3: Gen. 9, 21. 28 f.
4: Ebd. 19, 31 ff.
5: 1 Petr. 2, 23.
6: 1 Tim. 3, 3.
7: Ebd.
8: 1 Kön. 12, 3 ff.
9: 1 Tim. 6, 8.
10: Ebd. 3, 3; Tit. 1, 7.
11: 1 Tim. 3, 4.
12: 1 Tim. 3, 4.
13: 1 Kön. 2, 22. 13 ff.
14: 1 Tim. 3, 6.
15: Ebd. 3, 2.
16: Ebd. 3, 2 f. 6.
17: Ebd. 3, 6.
18: 1 Tim. 3, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger