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Hieronymus († 420) - Briefe
V. Briefe kirchenrechtlichen und pastoralen Inhaltes
69. An Oceanus

6.

Nun muß ich mein kurz vorher gegebenes Versprechen einlösen und nach den Gesetzen der Schule und der Rhetorik das Lob des Wassers und der Taufe verkünden. Als die Sonne noch nicht leuchtete, der Mond sein fahles Licht noch nicht über die Erde ergoß und die Sterne noch nicht schienen, da lastete die ungeformte Welt auf einer ungeordneten und infolge der tiefen Abgründe und der ungestalten Nebel unsichtbaren Materie. Nur der Geist Gottes schwebte einem Wagenlenker vergleichbar über den Wassern 1 und brachte, ein Sinnbild der Taufe, Leben in die werdende Welt. Zwischen Himmel und Erde wird das Firmament aufgerichtet. Der Himmel, d.h. Schamaim, der nach der hebräischen Etymologie seinen Namen vom Wasser herleitet, 2 und die Wasser, die über dem Himmel sind, trennen sich zur Verherrlichung Gottes. 3 Deshalb lesen wir auch beim Propheten Ezechiel, wie er einen Kristall sieht, der sich über den Cherubim ausbreitet, 4 unter dem nichts anderes zu verstehen ist als die zusammengedrängten und verdichteten Wasser. Die ersten Lebewesen gingen aus dem Wasser hervor, 5 und die beschwingten Gläubigen erheben sich nach der Taufe von der Erde zum Himmel. Aus Lehm wird der Mensch gebildet, 6 und unter den Händen Gottes wirkt das Sakrament des Wassers. In Eden wird das Paradies gepflanzt, und der eine Quell teilt sich in vier Flüsse. 7 Dann verläßt er den Tempel und nimmt seinen Lauf gen Osten und belebt die bitteren und toten Gewässer. 8 Die Welt sündigt und kann nur im Wasser der [S. 364] Sintflut gereinigt werden. 9 Nachdem der häßlichste der Vögel aus der Arche gejagt ist, fliegt sofort die Taube, das Sinnbild des Heiligen Geistes, zu Noe, der auf Christus im Jordan hinweist, und verkündet mit dem Zweige des Ölbaumes, der uns Speise und Licht gibt, der Welt den Frieden. 10 Auch Pharao, der das Volk Israel nicht aus Ägypten fortziehen lassen wollte, muß mit seinem ganzen Heere im Wasser ersticken 11 und wird so zum Vorbild der Taufe. Über seinen Untergang schreiben die Psalmen: „Du gabst Festigkeit in Deiner Kraft dem Meere, Du zerschmettertest der Drachen Köpfe in den Wassern, Du zerschlugst das Haupt des großen Drachen.“ 12 Daher kommt es auch, daß die Basilisken und Skorpione das Trockene bevorzugen 13 und sich voller Angst entsetzen, wenn sie in die Nähe des Wassers kommen. Maras bittere Wasser werden trinkbar durch das Geheimnis des Kreuzes, 14 und die siebzig Palmen der Apostel 15 werden getränkt durch die süßgemachten Strudel des Gesetzes. Abraham und Isaak graben Brunnen, welchem Vorhaben sich die Einheimischen widersetzen. 16 Bersabee, die Stadt des Schwures, der äußerste Punkt des salomonischen Reiches, leitet seinen Namen von Quellen her. 17 Eleazar findet Rebekka am Brunnen. 18 Rachel wird in der Nähe des Wassers mit dem Kusse des Fersenhalters begrüßt. 19 Moses macht den Töchtern des madianitischen Priesters den Weg zur Tränke frei und schützt sie gegen die Unbilden der Hirten. 20 Der Vorläufer des Herrn bereitet an den Quellwassern bei Salim, das Frieden oder [S. 365] Vollkommenheit bedeutet, das Volk auf Christus vor. 21 Der Heiland selbst beginnt mit der Verkündigung der Lehre vom Himmelreich, nachdem er getauft war und durch sein Bad des Jordans Wasser geheiligt hatte. 22 Sein erstes Wunder geschah am Wasser; 23 am Brunnen bekehrt er die Samariterin 24 und lädt die Dürstenden zum Trinken ein. 25 In stiller Nachtstunde lernt Nikodemus, daß nur der ins Himmelreich eingeht, der aus dem Wasser und dem Hl. Geiste wiedergeboren wird. 26 Wie sein Werk am Wasser begonnen hat, hört es auch im Wasser auf. Eine Lanze durchbohrt seine Seite, und aus der Wunde fließen zu gleicher Zeit die Geheimnisse der Taufe und des Martyriums hervor. 27 Nach seiner Auferstehung sendet er die Apostel zu den Heiden und weist sie an, diese im Geheimnis der Dreifaltigkeit zu taufen. 28 Sobald das jüdische Volk seine Missetat bereut, wird es von Petrus aufgefordert, sich taufen zu lassen. 29 Ehe die Wehen über Sion kamen, hat es geboren, und zugleich erblickt ein Volk das Licht der Welt. 30 Paulus, der Verfolger der Kirche, der reißende Wolf aus dem Stamme Benjamin, beugt sein Haupt vor dem Lamme Ananias und erhält das Licht seiner Augen zurück, sobald er seine Blindheit durch die Taufe heilt. 31 Der Hofbeamte der Königin Kandake bereitet sich durch die Lesung des Propheten auf die Taufe Christi vor. 32 Gegen alle Gesetze der Natur ändert der Äthiopier seine Hautfarbe und der Panther sein buntes Fell. 33 Alle, welche die Taufe des Johannes empfangen hatten, wurden erneut getauft, da sie den Hl. Geist nicht kannten. 34 Es sollte nämlich kein Jude und kein Heide auf den Gedanken kommen, daß das Wasser ohne den Hl. Geist zum Heile genügen könne. Die [S. 366] Stimme des Herrn erschallt über den Wassern, der Herr schwebt über vielen Wassern; die Hochflut macht sich der Herr zur Wohnung. 35 Seine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme heraufstiegen, begleitet von jungen Zwillingen, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. 36 Da keines unter ihnen unfruchtbar und güst blieb, so träufelt die Milch aus ihren Zitzen. Mit dem Apostel können sie deshalb sagen: „Meine Kinder, um die ich noch einmal Geburtswehen ausstehe, bis Christus in euch gebildet wird, 37 Milch habe ich euch als Trank gegeben, aber keine feste Speise.“ 38 Michäas weissagt über die Taufgnade: „Der Herr schaut weg von unseren Sünden und erbarmt sich unser; er ertränkt unsere Missetaten, und alle unsere Sünden versenkt er in die Tiefe des Meeres.“ 39

1: Gen. 1, 2.
2: Die Worte שָׁמַיִם (Himmel) und מַיִם (Wasser) werden fälschlich als verwandt hingestellt.
3: Gen. 1, 6 f.
4: Ezech. 1, 22.
5: Gen. 1, 20.
6: Ebd. 2, 7.
7: Ebd. 2, 8. 10.
8: Ezech. 47, 1. 9.
9: Gen. 6, 5. 17.
10: Ebd. 8, 6. 11; Matth. 3, 16.
11: Exod. 14, 5; 27, 11. Pharao als Sinnbild des Teufels gedacht, dessen Macht im Taufwasser gebrochen wird.
12: Ps. 73, 13 f.
13: Tertullian, De bapt. 1 (BKV VII 275).
14: Exod. 15, 23. 25. Das von Moses verwandte Holz wird als Vorbild des Kreuzes gedeutet.
15: Luk. 10, 1; Exod. 15, 27.
16: Gen. 26, 15 ff.
17: Ebd. 21, 31; 3 Kön. 4, 25; Gen. 26, 32 f.
18: Gen. 24, 16.
19: Ebd. 25, 25; 29, 10 f.
20: Exod. 2, 16 f.
21: Joh. 3, 23. Salim hier abgeleitet von שָׁלֵם (im Frieden oder vollendet sein).
22: Matth. 3, 13 ff.
23: Joh. 2, 1 ff.
24: Ebd. 4, 7 ff.
25: Ebd. 7, 37.
26: Ebd. 3, 5.
27: Ebd. 19, 34.
28: Matth. 28, 19.
29: Apg. 2, 37 f.
30: Is. 66, 7 f.
31: Apg. 9, 2; Gen. 49, 27; Apg. 9, 17 f.
32: Apg. 8, 28. 38.
33: Jer. 13, 23.
34: Apg. 19, 2 ff.
35: Ps. 28, 3. 10.
36: Hohel. 4, 2.
37: Gal. 4, 19.
38: 1 Kor. 3, 2.
39: Mich. 7, 19 (nach LXX).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger