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Hieronymus († 420) - Briefe
V. Briefe kirchenrechtlichen und pastoralen Inhaltes
69. An Oceanus

5.

Etwas später werde ich zeigen, welche Kraft der Taufe innewohnt und welche Gnadenwirkung von dem in Christus geheiligten Wasser ausgeht. Vorab muß ich nach einem geläufigen Sprichwort einen groben Keil auf einen groben Klotz setzen. Für die Worte des Apostels, er sei eines Weibes Mann, 1 könnte man noch eine andere Deutung vorbringen. Der Apostel stammte aus dem jüdischen Volke, die Kirche Christi bildete sich in ihren ersten Anfängen aus den Resten des Judentums. Er wußte, daß es nach dem Gesetze erlaubt und nach dem Beispiele der Patriarchen und des Moses vertraut war, mehrere Frauen zu heiraten und aus ihnen Kinder zu erzeugen. Auch den Priestern war es gestattet, diese Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Der Apostel wollte nun unterbinden, daß die Priester der Kirche für sich die gleiche Freiheit forderten und zu gleicher Zeit zwei oder gar drei Frauen hielten; vielmehr sollten sie jederzeit nur eine einzige Frau besitzen. Du wirst mich natürlich wegen meiner Ausführungen zum Streithahn stempeln. Aber ich habe noch eine Deutung auf Lager. Schließlich braucht es Dir nicht allein erlaubt zu sein, das Gesetz unter Deinen Willen zu zwängen, anstatt Deinen Willen unter das Gesetz zu beugen. Vereinzelt gibt es Theologen, welche, wenn auch in gezwungener Deutung, unter den Frauen die Kirchen, unter den Männern die Bischöfe verstehen. In diesem Sinne sei auch von den Konzilsvätern zu [S. 361] Nicäa beschlossen worden, ein Bischof dürfe nicht von einer Kirche an eine andere transferiert werden, 2 um nicht den Anschein zu erwecken, er verachte die Gesellschaft einer armen Jungfrau und flüchte in die Arme einer reicheren Ehebrecherin. Die Stelle, die von der Schuld und den Fehlern der Kinder handelt, sei auf die Gedanken, die andere, in der von der Verwaltung des Hauses die Rede ist, sei auf den eigenen Leib und die eigene Seele zu deuten. Wo aber von den Gattinnen der Bischöfe die Rede ist, seien die Kirchen gemeint. Von diesen steht bei Isaias geschrieben: „Eilet und kommet, ihr Frauen, die ihr Zeugen dieses Schauspiels wart; denn dieses Volk hat keinen Verstand.“ 3 Oder: „Ihr reichen Frauen, stehet auf und höret meine Stimme!“ 4 In den Sprüchen heißt es: „Wer wird eine starke Frau finden? Eine solche wird mehr geschätzt als kostbare Steine. Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie.“ 5 Im gleichen Buche lesen wir: „Weise Frauen haben das Haus erbaut, eine Törin aber zerstört es mit ihren Händen.“ 6 Die erwähnten Theologen betonen, daß die bischöfliche Würde unter diesem Bilde keineswegs leide; denn die Schrift sagt auch von Gott: „Wie eine Frau ihren Mann verachtet, so hat mich das Haus Israel verachtet.“ 7 Ferner lesen wir beim Apostel: „Ich habe euch einem Manne verlobt, um euch als reine Jungfrau Christus zuzuführen.“ 8 Unter dem Worte Frau, d.h. γυνὴ, ist bei dem Doppelsinn des griechischen Wortes an all den angeführten Stellen an erster Stelle die Gattin zu verstehen. Ich vernehme bereits Deinen Einwurf: „Wie gezwungen und hart ist nicht auch diese Deutung!“ Gut, aber dann laß Du zuerst der Schrift [S. 362] ihren natürlichen Sinn, und ich habe nicht nötig, Dich mit derartigen Beweisführungen zu widerlegen, wie sie von Dir stammen. Nun will ich einmal eine andere Frage stellen. Wenn jemand vor der Taufe eine Konkubine hielt, nach deren Tod sich taufen ließ und dann eine rechtmäßige Frau heimführt, kann ein solcher Mann Kleriker werden oder nicht? Du wirst sagen müssen, er kann es; denn er hatte ja nur eine Konkubine, nicht aber eine Frau. Der Apostel hatte also wohl die Absicht, nicht den sündhaften Beischlaf, sondern den Ehevertrag und die Abmachungen über die Mitgift zu verurteilen. Wir erleben es doch immer wieder, wie viele wegen ihrer Armut der Belastung aus dem Wege gehen, die mit der Heirat einer Frau verbunden ist. Anstatt mit einer Gattin verkehren sie mit ihren Sklavinnen und erheben die aus ihnen erzeugten Kinder zu legitimen. Wenn nun zufällig solche Männer durch kaiserliche Schenkung zu Reichtum kommen und ihnen die standesgemäße Kleidung beschaffen können, dann unterwerfen sie sich sofort dem Gesetze des Apostels und fühlen sich, wenn auch wider Willen, gezwungen, sie zu rechtmäßigen Gattinnen zu machen. Wenn aber die vorhin erwähnte Armut kein kaiserliches Reskript erwirken konnte, dann ändern sich sowohl die Gesetze des Staates als die kirchlichen Vorschriften. 9 Siehe zu, daß man nicht etwa die Worte des Apostels „einer Gattin Mann“ 10 umdeutet in „eines Weibes Mann“; denn dann würde es mehr auf den Verkehr als auf den Ehevertrag ankommen! Meine gesamten Darlegungen dienen nicht dem Zwecke, dem wahren und einfachen Sinn der Schrift Zwang anzutun. Vielmehr wollte ich Dir zeigen, daß Du die heiligen [S. 363] Schriften so auslegen mußt, wie sie geschrieben sind, sonst raubst Du der Taufe des Erlösers ihre Wirkung und machst das ganze Geheimnis des Kreuzes wertlos.

1: 1 Tim. 3, 2.
2: Es liegt wahrscheinlich eine Verwechslung mit der Synode von Sardica (343/4) vor, die im ersten Kanon die Translokation auf einen anderen Bischofssitz verbot.
3: Is. 27, 11 (nach LXX). Unter den Frauen sind die Städte Judas zu verstehen.
4: Ebd. 32, 9.
5: Sprichw. 31, 10 f. (nach LXX).
6: Ebd. 14, 1.
7: Jer. 3,20.
8: 2 Kor. 11, 2.
9: Hieronymus will sagen, daß viele aus sozialen Gründen ihrem Verhältnis zu einer Frau keine rechtliche Grundlage gaben, während tatsächlich zwischen ihrem Leben und dem der Eheleute kein Unterschied bestand. Sollen diese nun anders und gar noch günstiger behandelt werden als Eheleute?
10: 1 Tim. 3, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger