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Hieronymus († 420) - Briefe
V. Briefe kirchenrechtlichen und pastoralen Inhaltes
69. An Oceanus

2.

Doch wozu dies? Nun, Du weißt ja, worum es sich handelt. Carterius, ein Bischof aus Spanien, ein Mann von hohem Alter, der lange Jahre das Priesteramt verwaltet hat, war vor seiner Taufe verheiratet. Nach dem Bade der Reinigung hat er nach dem Tode der ersten Frau eine zweite Gattin heimgeführt. Du meinst nun, daß er entgegen der Weisung des Apostels Bischof geworden sei, da dieser in seinem Tugendverzeichnis verlangt, es dürfe nur zum Bischof geweiht werden, wer eines Weibes Mann sei. 1 Ich muß mich nur darüber wundern, daß Du ausgerechnet einen Fall zur Erörterung stellst, wo doch die ganze Welt voll von solchen Weihen ist. Dabei habe ich nicht etwa Priester oder Inhaber eines niederen Weihegrades im Auge. Vielmehr denke ich nur an Bischöfe, deren Zahl, wollte ich sie einzeln aufzählen, die der Teilnehmer an der Synode zu Rimini übertreffen dürfte. 2 Aber schließlich wäre es nicht recht, den einzelnen dadurch zu schützen, daß man die Anklage auf viele ausdehnt, und einen Fehltritt, falls man keine vernunftgemäße Entschuldigung findet, damit zu beschönigen, daß man einen größeren Kreis zu Genossen stempelt. Als ich noch zu Rom weilte, nahm mich einmal ein Mann von [S. 354] großer Beredsamkeit in die Zange eines sogenannten Hornschlusses, so daß ich weder aus noch ein wußte. Er sagte: „Ist es eine Sünde, oder ist es keine Sünde, eine Frau zu heiraten?“ In meiner Harmlosigkeit merkte ich die mir gestellte Falle nicht und gab zur Antwort, es sei keine Sünde. Er fuhr fort: „Werden in der Taufe die guten oder die bösen Werke nachgelassen?“ Mit der gleichen Harmlosigkeit erwiderte ich: Die Sünden werden nachgelassen. Ich fühlte mich meiner Sache sicher; aber plötzlich fingen mir rechts und links Hörner an zu wachsen, und mein gewohnter Scharfsinn, der mir für kurze Zeit untreu geworden war, kehrte zurück. Er fuhr fort: „Wenn es also keine Sünde ist, eine Frau heimzuführen, wenn ferner die Taufe nur Sünden nachläßt, so ergibt sich daraus, daß alles bleibt, was die Taufe nicht nachläßt.“ Da wurde es mir, wie wenn mich ein kräftiger Faustschlag getroffen hätte, grün und blau vor den Augen, und sofort erinnerte ich mich an den Trugschluß des Chrysippus: 3 „Wenn du lügst, dann ist auch das eine Lüge, was du ernsthaft als wahr hinstellst.“ Nachdem ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte, setzte ich zum Gegenstoß an und zahlte ihm mit gleicher Münze heim. Ich sagte: „Antworte, bitte, schafft die Taufe einen neuen Menschen oder nicht?“ Es kostete ihn Überwindung, mir zuzugeben, daß sie einen neuen Menschen schafft. Schrittweise fuhr ich fort: „Schafft sie ihn völlig neu oder nur teilweise?“ Er gab zur Antwort: „Völlig.“ Darauf fragte ich: „Es bleibt also bei der Taufe nichts vom alten Menschen zurück?“ Er schüttelte mit dem Kopfe. Ich spann meinen Faden weiter: „Wenn die Taufe einen neuen Menschen hervorbringt und ihn völlig neu schafft, wenn in ihm nichts vom alten Menschen zurückbleibt, dann kann man auch diesem neuen Menschen nicht anrechnen, was einst im alten Menschen war.“ Zuerst blieb diesem spitzfindigen Genossen die Sprache weg. Dann [S. 355] aber verfiel er der Unvorsichtigkeit eines Piso: 4 Obwohl er nichts zu sagen wußte, verstand er es nicht, zu schweigen. 5 Der Schweiß trat ihm auf die Stirne, die Wangen wurden bleich, die Lippen erzitterten, die Zunge wurde ihm schwer und der Mund trocken. Zusammengekauert, mehr unter dem Eindruck der Furcht als unter der Last der Jahre, brachte er endlich die Worte hervor: „Hast du nicht gelesen, daß der Apostel nur solche zum Priestertum zulassen will, die nur einmal verheiratet waren, 6 wobei es ihm doch wohl nur auf die Sache, nicht aber auf den Zeitpunkt ankommen dürfte?“ Da er mich mit seinen Sophismen gereizt hatte und, wie ich bemerkte, darauf ausging, mit gewundenen Fragen zu operieren, nahm ich mir vor, seine eigene Waffe gegen ihn zu wenden. 7 Ich fuhr deshalb fort: „Hat der Apostel Getaufte oder Katechumenen zu Bischöfen gemacht?“ Er wollte nicht antworten. Ich aber ließ nicht locker und stellte meine Frage ein zweites und auch ein drittes Mal. Er blieb stumm wie die zu Stein gewordene Niobe. 8 Da wandte ich mich an unsere Zuhörer und sprach: „Meine lieben Richter, es bleibt sich schließlich gleich, ob ich den Gegner im Schlafe oder im wachen Zustande feßle, mag es auch leichter sein, einen Schlafenden in Ketten zu legen als einen, der sich wehrt. Wenn der Apostel keine Katechumenen in den Klerus aufgenommen wissen will, sondern nur Getaufte, wenn also nur ein Getaufter zum Bischof geweiht wird, so darf man dem Getauften die Fehler nicht anrechnen, die er als Katechumene begangen hat.“ So setzte ich ihn in die Nesseln und schleuderte schwirrende Lanzen gegen ihn, der wie leblos dastand. Er [S. 356] sperrte nur den Mund auf, und wie einer, der im Weinrausch rülpst und bricht, stotterte er die Worte heraus: „Ja, das sind die Worte des Apostels, das hat Paulus gelehrt.“

1: 1 Tim. 3, 2.
2: In den arianischen Wirren versammelten sich im Jahre 359 etwa 300 abendländische katholische Bischöfe zu Rimini. Hier liegt eine rhetorische Übertreibung vor, die Hieronymus in der Schrift gegen Rufin (a. a. O.) richtigstellt, wo er von „nonnullos istiusmodi sacerdotes“ spricht.
3: Vgl. S. 120 Anm. 1.
4: L. Calpurnius Piso Caesoninus, Caesars Schwiegersohn, gegen den Cicero als Ankläger auftrat, stotterte (vgl. Cicero, In Pis. I 1).
5: Quintilian, Instit. orat. VIII 5, 18; Martialis, Epigr. VI 41, 2.
6: 1 Tim, 3, 2.
7: Plautus, Amphitruo 269.
8: Ovid, Metam. VI 304 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger