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Hieronymus († 420) - Briefe
V. Briefe kirchenrechtlichen und pastoralen Inhaltes
69. An Oceanus

1.

Mein lieber Oceanus! Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß solche, die sich eines Vergehens schuldig gemacht haben, den Gnadenerweis ihres Fürsten einer böswilligen Kritik unterziehen könnten. Nie hätte ich geglaubt, daß Menschen, die eben den Kerker verlassen und noch die Spuren des Schmutzes und der Ketten an sich tragen, sich darüber aufregen, daß auch andere die Freiheit wiedererlangen. 1 Das Evangelium wendet sich an den, der den Nächsten um sein Glück beneidet, mit den Worten: „Freund, wenn ich gut bin, warum ist dann dein Auge böse?“ 2 Gott hat alles in die Sünde einbeschlossen, damit er sich aller erbarme. Wo die Sünde im Überfluß vorhanden war, da sollte die [S. 352] Gnade sich noch reichlicher auswirken. 3 Die Erstgeburt der Ägypter kam zu Tode, aber kein Lasttier der Israeliten blieb in Ägypten zurück. 4 Mir kommt es vor, als ob die Irrlehre der Kainiten 5 wieder auferstehe und die längst tote Schlange ihr zertretenes Haupt 6 wieder aufrichte, die das geheimnisvolle Wirken Christi nach ihrer früheren Gewohnheit nicht nur teilweise, sondern völlig zerstört. Denn wenn man von gewissen Mängeln spricht, von denen Christi Blut nicht reinwaschen kann, wenn die früheren Sünden Leib und Seele so tiefe Narben einbrennen, daß Christi Arznei sie nicht wegzuschaffen vermag, heißt das nicht unterstellen, daß Christus umsonst gestorben ist? Denn dann ist er umsonst gestorben, wenn es Menschen gibt, denen er das Leben nicht verleihen kann. Johannes, der mit dem Finger auf Christus hinweist und mit lauter Stimme verkündet: „Sehet das Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt“, 7 wird zum Lügner, wenn es Leute in der Welt gibt, deren Sünden Christus nicht auf sich genommen hat. Da bleibt nichts übrig, als den Nachweis zu erbringen, daß die Menschen, welche Christi Gnade nicht erfaßt hat, nicht zu dieser Welt gehören. Sind sie aber von dieser Welt, dann bleibt nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Sie wurden von ihren Sünden befreit und legen Zeugnis ab von Christi Macht; oder aber sie wurden nicht befreit, dann bedeutet dies eine Verkümmerung seiner Macht. Aber es sei ferne von uns, vom Allmächtigen anzunehmen, daß er auch nur in einem einzigen Falle ohnmächtig sei. Alles, was der Vater tut, das tut auf gleiche Weise der Sohn. 8 Rechnet man mit einem Versagen des Sohnes, dann wird davon auch der Vater berührt. Der Heiland [S. 353] hat das Schäflein mit allen seinen Gliedern auf die Schulter genommen; 9 alle Briefe des Apostels hallen von der Gnade Christi wider. Damit man nicht zu falschen, der Gnade abträglichen Schlüssen komme, wird sie nicht einfachhin erwähnt, sondern es heißt: „Gnade und Friede sei euch in Fülle!“ 10 Also die Fülle der Gnade wird uns versprochen, und wir sollten es wagen, ihre Wirkung einzuschränken?

1: Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese harten Worte auf Ambrosius gemünzt sind (vgl. S. 350 Anm. 3), dessen Verhältnis zu Hieronymus getrübt war. Diese Vermutung findet eine Stütze in den scharfen Äußerungen gegen die Neophyten als Inhaber des bischöflichen Amtes (vgl. S. 372).
2: Matth. 20, 15.
3: Röm. 11, 32; 5, 20.
4: Exod. 12, 29. 32.
5: Eine gnostische Irrlehre des zweiten Jahrhunderts, die besonders die verworfenen Personen des A. T. sowie Judas Iskariot verehrte. Die neu Eintretenden mußten den Namen Jesu, des psychischen Messias, verwünschen.
6: Gen. 3, 15.
7: Joh. 1, 29.
8: Joh. 5 19.
9: Luk. 15, 5.
10: 1 Petr. 1, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger