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Hieronymus († 420) - Briefe
IV.b. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Exegetische Briefe
129. An Dardanus: Das Land der Verheißung

1.

Dardanus, Du Vornehmster unter den Christen und Christlichster unter den Vornehmen, 1 frägst an, welches das Land der Verheißung sei, das die Juden nach ihrer Rückkehr aus Ägypten in Besitz nahmen. Da ihre Väter einst in diesem Lande wohnten, so könne man es doch nicht als verheißenes, sondern höchstens als zurückerstattetes Land bezeichnen. So lauten Deine eigenen Worte am Schlusse Deines Briefes. Aus Deiner Frage ergibt sich, daß Du mit vielen unserer Leute ein anderes Land der Verheißung glaubst suchen zu müssen, und zwar jenes, das auch David in den Psalmen erwähnt mit den Worten: „Ich glaube die Güter des Herrn zu sehen im Lande der Lebenden.“ 2 Auch Christus hat es im [S. 333] Auge, wenn er im Evangelium sagt: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Land besitzen.“ 3 Sicherlich weilte David, als er, erleuchtet vom Hl. Geiste, sich äußerte, im Lande der Verheißung und nicht etwa nur im Lande der Juden, sondern er war zum Überwinder vieler Nationen im Umkreis geworden, die vom Strome Ägyptens, der an Rhinocorura vorbeifließt, 4 bis zu den Ufern des Euphrat siedelten. Deshalb sagt er an einer anderen Stelle: „Ich werde meinen Fuß voransetzen nach Idumäa hin, und Fremdvölker werden mir dienen.“ 5 Wie konnte er erwarten, das zu erlangen, was ihm als Eroberer bereits zugefallen war? Um aber bei seinen jüdischen Lesern nicht etwa einen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, was er unter dem Lande, das er zu sehen wünschte, verstand, sagt er klar und deutlich: „Ich hoffe die Güter des Herrn zu schauen im Lande der Lebenden.“ 6 Also ist Judäa, dessen Beherrscher er war, nicht das Land der Lebenden, d.h. Abrahams, Isaaks und Jakobs, von denen der Herr bei der Auseinandersetzung über die Auferstehung betonte: „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“ 7 Vielmehr ist Judäa das Land und das Gebiet der Toten, von denen Ezechiel spricht: „Die Seele selbst, die sündigt, wird sterben.“ 8 An dieses denkt auch der Psalmist, wenn er schreibt: „Nicht die Toten werden Dich loben, o Herr, sondern wir, die leben“, 9 die am Tage der Auferstehung dem Herrn entgegengehen nach dem Worte des Apostels: „Denn das sage ich euch im Namen des Herrn: Wir, die Lebenden, die für die Ankunft des Herrn zurückbleiben, werden vor den [S. 334] Entschlafenen nichts voraushaben.“ 10 Von diesen Toten schreibt der Prophet Jeremias: „Die von Dir abfallen, werden in den Staub geschrieben werden.“ 11 Die Verheißung Davids: „Ich hoffe die Güter des Herrn zu sehen“ 12 zwingt uns offenkundig zur geistigen Deutung. Nach welchen anderen Gütern hätte dieser König trachten sollen, was hätte ihm fehlen können, der so mächtig war, daß sein Sohn Salomon, den niemand auf Erden an Reichtum übertraf, mit einem Teil der von seinem Vater erworbenen Schätze sich begnügte? Vielmehr suchte er jene Güter im Lande der Lebenden, die kein Auge je sah, kein Ohr je hörte, von denen kein Menschenherz je erfaßt hat, was Gott denen bereitet, die ihn lieben. 13 Die Stelle aus dem Evangelium: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Land besitzen“ 14 führt bei buchstäblicher Auffassung zu einem inneren Widerspruch. Denn die Verheißung des Landes ist nicht Sache der Sanftmütigen und Friedfertigen, die wegen ihrer Nachgiebigkeit oft noch verlieren, was sie von ihren Eltern geerbt haben.

Nach irdischen Gütern gieren die starken und gewalttätigen Menschen, die zum Kriegshandwerk geboren sind. Deshalb lesen wir auch im 44. Psalm, der uns unter dem Namen Salomos die geheimnisvolle Vereinigung Christi mit seiner Kirche schildert, die Worte: „Du Mächtiger, gürte dein Schwert um deine Hüfte, straffe dich in deiner Schönheit und in deinem Schmucke, sei glücklich in der Ausübung deiner Herrschaft, die milde und gerecht sein und der Wahrheit dienen soll! Dann wird deine Rechte dich wunderbar führen.“ 15 Er, der Erlöser, ist es, der in einem anderen Psalm spricht: „Gedenke, o Herr, Davids und seiner Sanftmut“ 16 und anderwärts: „Der Herr nimmt die Sanftmütigen in seinen Schutz.“ 17 Noch deutlicher sagt er im Evangelium: „Lernet von mir; denn ich bin demütig und sanftmütig von [S. 335] Herzen!“ 18 Als sein Vorbild wird auch Moses als der sanftmütigste unter allen Menschen auf Erden bezeichnet. 19

1: Mit dieser Anrede reimt sich schlecht, was der gallische Bischof Sidonius Apollinaris (431—489) über Dardanus schreibt. Er sagt von ihm: „cum singula in singulis, omnia in Dardano crimina simul exsecrarentur“ (Ep. V 9 — M PL LVIII 540 f.).
2: Ps. 26, 13.
3: Matth. 5, 4.
4: Is. 27, 12 (nach LXX). Der „Fluß Ägyptens“ ist der alte Grenzfluß zwischen Ägypten und Kanaan, das heutige Wadi el Arisch. Er führt die Abflüsse des mittleren Sinai bei der ägyptischen Grenzfestung el Arisch (im Mittelalter Laris, im Altertum Rhinocorura) dem Mittelländischen Meere zu.
5: Ps. 59, 10.
6: Ebd. 26, 13.
7: Matth. 22, 32.
8: Ezech. 18, 4.
9: Ps. 113, 25 f.
10: 1 Thess. 4, 15.
11: Jer. 17, 13.
12: Ps. 26, 13.
13: 1 Kor. 2, 9.
14: Matth. 5, 4.
15: Ps. 44, 4 f.
16: Ebd. 131, 1.
17: Ebd. 146, 6.
18: Matth. 11, 29.
19: Num. 12, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger