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Hieronymus († 420) - Briefe
IV.b. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Exegetische Briefe
21. An Damasus

13.

„Gern hätte er seinen Magen mit den für die Schweine bestimmten Schoten gesättigt, aber niemand gab sie ihm.“ 1 Am jüngeren Sohne erfüllte sich, was der Prophet Jeremias mit Worten schärfsten Tadels über Jerusalem äußert: „Und es geschah mit dir bei deinen Buhlereien gegen Weiberbrauch. Niemals wird es später eine Buhlerei geben ähnlich der deinigen; denn du hast den Lohn bezahlt, statt Lohn zu empfangen.“ 2 Sein Vermögen hatte er im Lande des Fürsten durchgebracht und seinen gesamten Besitz verloren. Da schickte man ihn zu den Schweinen, und im Elende siechte er immer mehr dahin. Die Speise der Dämonen ist Völlerei, Schwelgerei, Unzucht und jegliche Art von Lastern. Sie haben etwas Einschmeichelndes und Verführerisches an sich, [S. 312] sie nehmen unsere Sinne durch den lockenden Genuß gefangen. Kaum treten sie an uns heran, so ziehen sie uns in ihren Bann und reizen zur Tat. Trotzdem konnte der genußsüchtige Jüngling sich nicht sättigen; denn die Lust, die vorbei ist, befriedigt nicht, sondern läßt einen unstillbaren Hunger nach neuen Genüssen zurück. Wenn aber der Satan einen Menschen durch seine Schliche getäuscht und ihm sein Joch auferlegt hat, dann bemüht er sich nicht mehr, ihn in ein neues Meer von Lastern zu stürzen, weiß er doch, daß dieser Mensch bereits tot ist. Deshalb sehen wir auch, daß viele Götzendiener in Lumpen, Not und Elend umgekommen sind. An ihnen erfüllte sich der Ausspruch des Propheten: „Allen Buhlerinnen gibt man Lohn. Du aber gabst allen deinen Buhlen Lohn und hast keinen Lohn von ihnen erhalten.“ 3 Wir können die Schoten aber noch anders deuten. Die Speise der Dämonen sind die Lieder der Dichter, die Weisheit der Welt und der prunkvolle Wortschwall der Rhetoren. Diese Dinge ziehen alle in angenehmster Weise in ihren Bann. Aber während die Verse, die in süßem Klang dahinfließen, den Ohren schmeicheln, dringen sie auch in die Seele ein und nehmen das Innerste des Menschen gefangen. Hat man sie aber mit großem Eifer und vieler Mühe durchgearbeitet, dann lassen sie beim Leser nur einen leeren Schall und hohles Wortgetön zurück. Sie bieten keine Sättigung dem Sehnen nach Wahrheit, keine Befriedigung dem Suchen nach Gerechtigkeit. Wer sich mit ihnen beschäftigt, leidet ständig unter dem Hunger nach Wahrheit, und sein Tugendleben verödet. Diese Art von Weisheit schildert auch das Deuteronomium unter dem Bilde des gefangenen Weibes. Will es der Israelit zur Frau nehmen, so muß er nach Anordnung des göttlichen Wortes dessen Kopf kahl scheren, ihm die Nägel beschneiden und die Haare entfernen. Ist sie so rein geworden, dann erst darf sie der Sieger in seine Arme [S. 313] schließen. 4 Klingt diese Stelle nicht lächerlich, wenn wir sie nach dem Buchstaben auffassen? Wir hingegen pflegen wie die Israeliten zu handeln, wenn wir die Philosophen lesen, wenn die Bücher der Weltweisheit in unsere Hände fallen. Finden wir in ihnen etwas Brauchbares, so benutzen wir es zur Verteidigung unseres Glaubens. Was aber in unnützer Weise von den Götzen, von der Liebe und von den Sorgen um die irdischen Dinge handelt, das rasieren wir ab, das scheren wir kahl, das schneiden wir wie Nägel mit scharfem Messer fort. Darum warnt auch der Apostel vor der Teilnahme an heidnischen Opfermahlzeiten, wenn er schreibt: „Achtet darauf, daß diese eure Freiheit bei den Schwachen nicht anstößt! Denn wenn jemand einen dritten, der die Erkenntnis hat, im Götzenhause zu Tische sitzen sieht, wird da nicht sein Gewissen, da es schwach ist, zum Genuß des Götzenopferfleisches angeregt werden? Und so geht der Schwache, für den Christus gestorben ist, an deiner Erkenntnis zugrunde.“ 5 Ist es nicht so, als ob der Apostel mit anderen Worten sagen will: „Lies keine Philosophen, keine Redner, keine Dichter, um etwa in dieser Lektüre deine Erholung zu suchen!“ Halten wir uns keineswegs für entschuldigt, wenn wir auch nicht an das, was darin geschrieben ist, glauben! Wofern das Gewissen dritter verwundet wird, scheinen wir doch zu billigen, was wir, indem wir es lesen, nicht ablehnen. Sollen wir etwa annehmen, daß der Apostel die Kenntnis dessen, der im Götzenhause aß, gerühmt oder den als vollkommen bezeichnet hat, von dem er wußte, daß er vom Fleische des Götzenopfers genoß? Des Christen Mund sollte sich doch in acht nehmen vor Ausdrücken wie: allmächtiger Juppiter, beim Herkules, beim Castor, alles Namen, die Ungeheuer, aber keine göttlichen Wesen bezeichnen. Und heute können wir beobachten, wie selbst Priester Evangelien und Propheten vernachlässigen, [S. 314] dafür aber Komödien lesen, Liebeslieder singen, die der Dichter Hirten in den Mund legt, den Vergil in Händen halten und sich in freier sündhafter Entscheidung dem hingeben, was in den Knabenjahren Zwang war. Hüten wir uns davor, eine Gefangene als Frau heimführen zu wollen oder uns im Götzenhause zu Tische zu setzen! Hat uns aber wirklich Liebe zu ihr betört, dann wollen wir sie zuvor reinigen und von all dem schrecklichen Schmutze befreien, damit der Bruder, für den Christus gestorben ist, nicht Ärgernis nehme, wenn er vernimmt, wie aus Christenmunde Lieder erklingen, welche zur Verherrlichung der Götzen verfaßt sind. 6

1: Ebd. 15, 16.
2: Ezech. 16, 34 (nach LXX).
3: Ezech. 16, 33 f.
4: Deut. 21, 11 ff.
5: 1 Kor. 8, 9 ff.
6: Hieronymus steht hier noch unter dem Eindrucke seines berühmten Traumgesichtes, das er wenig später in seinem Brief an Eustochium ausführlich schildert (ep. 22, 30; BKV II. Reihe XVI 100 f.).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger