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Hieronymus († 420) - Briefe
IV.a. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Didaktische Briefe
57. An Pammachius: Über die beste Art zu übersetzen

12.

Aber ich muß eine Unmenge von Gedanken unausgeführt lassen. Nur will ich Dir, Christlichster unter allen Vornehmen und Vornehmster unter allen Christen, zeigen, welcher Art die Fälschungen sind, die man an der Übersetzung des Briefes beanstandet. Ich will den Anfang des Briefes in griechischer Sprache niederschreiben, damit man sich aus dem ersten Vergehen einen Schluß auf die anderen erlauben kann. Er lautet: ἔδει ἡμᾶς ἀγαπητὲ μὴ τῇ οἰήσει τῶν κλήρων.“ Soweit ich mich entsinne, lautet meine [S. 285] Wiedergabe dieser Worte also: „Geliebtester, die Ehre des priesterlichen Amtes sollte uns abhalten, sie zu einem stolzen Benehmen zu missbrauchen.“ „Seht“, sagen sie, „so viele Fälschungen in einer einzigen Zeile! Zuerst heißt ἀγαπητός Geliebter und nicht Geliebtester. Ferner bedeutet οἴησις Wertschätzung und nicht Stolz; denn im Texte steht nicht οἰήματι, sondern οἰήσει. Der erste Ausdruck bedeutet Aufgeblasenheit, aber der zweite kommt dem Worte Meinung gleich. 1 Das Ganze, was folgt: ,die Ehre des priesterlichen Amtes nicht zu einem stolzen Verhalten mißbrauchen’, ist deine Erfindung.“ Was sagst Du dazu als hervorragender Kenner der Literatur, als der Aristarch 2 unserer Tage, als der Kritiker aller Schriftsteller? Also umsonst haben wir so lange studiert und so manches Mal unsere Hand der Rute hingehalten? 3 Kaum haben wir den Hafen verlassen, da sitzen wir sofort fest. 4 Aber weil nun einmal irren menschlich und seinen Irrtum eingestehen weise ist, 5 drum, o Tadler, wer du auch sein magst, ich bitte dich, verbessere mich, sei mein Lehrer und zeige mir, wie man Wort für Wort übersetzt! Ich kenne eure Antwort. Sie heißt: „Du mußtest sagen: Es war nicht nötig, uns tragen zu lassen durch die Meinung der Geistlichen.“ Das ist die Beredsamkeit eines Plautus, das ist attischer Witz, so reden die Musen. 6 Da paßt ja auf mich das altbekannte Sprichwort: „Öl und Geld hat hinausgeworfen, 7 wer einen Ochsen zum Ringplatz führen will.“ Aber schließlich trägt nicht der die Schuld, [S. 286] den ein anderer dazu benutzt, eine Tragödie aufzuführen, sondern es ist die Schuld seiner Lehrer, die sich schwer bezahlen ließen, ohne ihm etwas beizubringen. 8 Ich werfe keinem Christen seinen Mangel an sprachlichem Empfinden vor. Nur müßte man dann auf sich das Wort des Sokrates anwenden: „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ 9 oder jenen Ausspruch eines anderen Weisen: „Erkenne dich selbst!“ 10 Ich achtete schlichtes Wissen, verbunden mit Heiligkeit, immer höher als Unwissenheit, gepaart mit Geschwätzigkeit. Wer von sich behauptet, daß er den Stil der Apostel nachahme, der möge zuerst einmal sein Leben nach dem ihrigen formen! Der Glanz ihrer Tugenden ließ über ihre schlichte Redeweise hinwegsehen. Ein Toter, den sie ins Leben zurückriefen, machte alle Syllogismen eines Aristoteles und die feinen Spitzfindigkeiten eines Chrysippus 11 zuschanden. Im übrigen finde ich es lächerlich, wenn einer von uns, der in den Schätzen eines Krösus wühlt und mit Sardanapal allen Genüssen frönt, sich nur seiner Unwissenheit rühmt, gleich als ob die Beredsamkeit ein Vorzug der Straßenräuber und aller möglichen Verbrecher sei. Diese pflegen ihre blutgetränkten Schwerter nicht unter den Schriften der Philosophen, sondern in Baumstämmen zu verbergen.

1: Beide Worte kommen in der Bedeutung „Überhebung“ vor. Vgl. Lexika.
2: Aristarch aus Samothrake (ca. 216—144 v. Chr.), ein scharfsinniger und gelehrter Kritiker und Grammatiker, der sich besonders durch die Erklärung und textkritische Bearbeitung Homers einen Namen machte.
3: Juvenal, Sat. 1, 15.
4: Quintilian, Inst. orat. IV 1, 61.
5: Cicero, Philipp. XII 2, 5.
6: Sinn: Solche Art, sich auszudrücken, paßt in ein Lustspiel.
7: Plautus, Rudens 24.
8: Cicero, Philipp. II 17, 43.
9: Cicero, Acad. II 23, 74.
10: Cicero, Tusc. I 22, 52.
11: Vgl. S. 120 Anm. 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger