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Hieronymus († 420) - Briefe
IV.a. Briefe wissenschaftlichen Inhaltes: Didaktische Briefe
53. An den Priester Paulinus

7.

Einzig und allein zu der Erklärung der Schrift hält sich jeder berufen. Wir alle verfassen zuweilen Gedichte, ob wir es können oder nicht. 1 Die redselige Alte, der kindisch gewordene Greis, der ums Wort nie verlegene Schwätzer, 2 sie alle nehmen sich die Schrift vor, zerren an ihr herum und machen sie zum Gegenstand ihrer Unterweisung, ehe sie selbst gelernt haben. Andere philosophieren mit pedantischem Augenaufschlag und lehrhaften Worten vor alten Weibern über die [S. 251] Hl. Schrift. Wieder andere, es ist geradezu eine Schande, lernen von Frauen, was sie die Männer lehren sollten. Noch nicht genug, mit einer fabelhaften Leichtigkeit des Ausdrucks, mit einer unbeschreiblichen Kühnheit unterweisen sie andere über Dinge, welche sie selbst nicht verstehen. Schließlich bleibt mir noch ein Wort über meinesgleichen zu sagen, über Leute, die sich vom Studium der weltlichen Wissenschaften der Hl. Schrift zuwenden. Haben sie den Ohren des Volkes mit schön gefeilter Rede geschmeichelt, so halten sie ihr Wort für Gottes Wort. Was die Propheten, was die Apostel gemeint haben, ficht sie nicht an, sondern sie tun der Hl. Schrift Gewalt an, verwenden sie in ganz ungeeigneter Weise und glauben damit, Großes geleistet zu haben. Sie empfinden es gar nicht, wie verwerflich eine solche Lehrmethode ist, und obendrein sind sie noch stolz darauf, die Hl. Schrift durch eine gezwungene Deutung ihrem Willen dienstbar zu machen. Wir kennen ja alle die aus Homer und Vergil zusammengestoppelten Machwerke. Nach dieser Methode könnte man aus Vergil einen Christen machen ohne Christus, weil von ihm der Ausspruch stammt:

„Schon kehrt die Jungfrau zurück und mit ihr die saturnische Ära, und ein wundersam Kind kommet aus himmlischen Höhn.“ 3 <
Ein anderer Ausspruch des gleichen Dichters:

„Sohn, der einzig du bist meine Kraft und gewaltige Stärke“, 4
könnte uns so anmuten, als ob ihn der ewige Vater von seinem Sohne geprägt hätte. Eine dritte Stelle ließe sich auf den Heiland beziehen, der vom Kreuze [S. 252] herab die letzten Worte gesprochen hat: „Alles dieses erwägend, blieb weiter (ans Kreuz) er geheftet.“ 5 Alle diese Anwendungen sind lächerlich. Frivolen Gauklerspieles macht sich schuldig, wer lehrt, was er nicht versteht, oder wer, um mit Kleitomachus zu reden, nicht einmal weiß, daß er nichts weiß. 6

1: Ebd. II 1, 117.
2: Soloecista (σολοικίστης) ist eigentlich jemand, der grammatisch und stilistisch schlecht spricht.
3: Vergil, Buc. IV 6 f. (Weissagung der kumäischen Sibylle).
4: Vergil, Aen. I 664 (Worte der Venus an Cupido).
5: Vergil, Aen. II 650 (von Anchises, der nicht mit Äneas fliehen will).
6: Vgl. S. 35 Anm. 7. Der Ausspruch ist sokratisch-platonisch. Vgl. auch Cicero, Acad. II 23, 74.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger