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Hieronymus († 420) - Briefe
III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
133. An Ktesiphon

9.

Du wirst natürlich widersprechen und mir vorwerfen, ich setze mich für die Lehre der Manichäer ein oder für jene, welche die Kirche durch die Lehre von den verschiedenen Naturen verwirren und die Ansicht verfechten, daß die menschliche Natur schlecht sei und keinerlei Änderung unterworfen sein könne. 1 Aber bitte, erhebe nicht etwa gegen mich diesen Vorwurf, sondern gegen den Apostel, der einen Unterschied zu machen weiß zwischen Gott und Mensch, zwischen der Gebrechlichkeit [S. 219] des Fleisches und der Kraft des Geistes. Denn das Fleisch begehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Beide bekämpfen sich gegenseitig, so daß wir nicht das tun, was wir wollen. 2 Du wirst niemals hören, daß ich von mir aus behaupte, die Natur sei schlecht. Wie man aber über die Gebrechlichkeit des Fleisches zu denken hat, darüber soll uns die Unterweisung des Apostels belehren. Frage ihn, warum er gesagt hat: „Nicht was ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich verabscheue, führe ich aus.“ 3 Welcher Zwang behindert seinen Willen? Wo ist diese starke, des Hasses würdige Macht, welche ihn zwingt, das Verabscheuungswürdige zu tun, so daß er getrieben wird, nicht das, was er will, sondern das, was er haßt und nicht will, zu vollbringen? Er wird dir antworten: „Wer bist denn du, o Mensch, daß du mit Gott rechten willst? Spricht etwa das Gefäß zum Töpfer, warum hast du mich so gestaltet? Oder hat nicht der Bildner des Tones das Recht, aus der gleichen Masse ein Gefäß zur Ehre und ein anderes zur Unehre zu verfertigen?“ 4 Du könntest ja deine Schmähung Gottes noch weiter treiben und fragen: „Warum sagtest Du, als Esau und Jakob noch im Mutterschoße weilten: Jakob habe ich geliebt, Esau aber haßte ich?“ 5 Klage ihn der Ungerechtigkeit an und frage ihn, warum Achar, 6 der Sohn des Charmi, der von der Beute zu Jericho etwas entwendet hatte, und mit ihm wegen seines Vergehens so viele Tausende von Menschen hingeschlachtet wurden. 7 Warum ist fast das ganze Volk vernichtet und die Bundeslade geraubt worden, obwohl nur Helis Söhne gesündigt hatten? 8 David war es doch, der sündigte, als er die Zählung des Volkes vornahm. Warum mußten denn so viele tausend [S. 220] Menschen aus ganz Israel dafür mit dem Tode büßen? 9 Und zuletzt noch ein Einwand, den dein Zunftgenosse Porphyrius 10 uns zu machen pflegt: „Warum hat der gütige und barmherzige Gott zugelassen, daß alle heidnischen Völker von Adam bis Moses und von Moses bis zur Ankunft Christi verlorengingen, weil ihnen das Gesetz und die Gebote Gottes unbekannt waren?“ Britannien, das so viele Tyrannen hervorbrachte, 11 und die Völker Skythiens, kurz alle Barbarenvölker rund herum bis zum Ozean hatten von Moses und den Propheten keine Kenntnis. Warum mußte der Erlöser erst zu einer sehr späten Zeit kommen? Warum erschien er nicht, ehe eine unzählige Menge von Menschen verlorenging? Diese Frage behandelt der Apostel Paulus in seinem Römerbriefe in kluger Zurückhaltung. 12 Gestehe deine Unkenntnis ein und überlasse dieses Geheimnis dem göttlichen Wissen! Auch du wirst dich damit bescheiden müssen, in dieser Frage ohne Aufklärung zu bleiben. Laß Gott das Recht, über sich zu bestimmen; deiner Verteidigung bedarf er nicht. Ich Ärmster, der ich deine Angriffe erwarte, lese immer wieder: „Durch die Gnade seid ihr erlöst worden. 13 Selig jene, deren Fehler getilgt und deren Sünden zugedeckt sind!“ 14 Wenn ich von meiner Gebrechlichkeit sprechen soll, muß ich bekennen, daß ich vieles will, was heilig ist, aber ich kann es nicht ausführen. Denn die Kraft des Geistes führt zum Leben, aber die Gebrechlichkeit des Fleisches führt zum Tode. [S. 221] Ich höre darum auf den Herrn, der mahnt: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach.“ 15

1: Die Manichäer lehrten eine doppelte Seele. Der vernünftige Geist ist ein göttlicher Lichtfunke, ein Ausfluß des guten Gottes und damit göttliche Substanz. Dagegen ist die der Materie innewohnende Seele der Sitz der bösen Begierlichkeit. Da diese Seele mit der Materie, also mit dem Bösen, notwendig verbunden ist, so ist der Zwiespalt im Menschen nicht zufällig, sondern notwendig und damit dauernd.
2: Gal. 5, 17.
3: Röm. 7, 15. 19.
4: Ebd. 9, 20 f.
5: Mal. 1, 2 f.; Röm. 9, 13.
6: Während die LXX „Achar“ schreiben, liest der hebräische Text und mit ihm die Vulgata „Achan“.
7: Jos. 7, 1 ff.
8: 1 Kön. 2—4.
9: 2 Kön. 24.
10: Der Syrer Porphyrius aus Batanea (232 bis ca. 304), der bedeutendste Philosoph seiner Zeit, war Neuplatoniker und Christenfeind (vgl. BKV II. Reihe XVI 264 Anm. 3). Auch Augustinus bekämpft des Porphyrius Auffassung über die Vorsehung in ep. 102, 8 ff. ad Deogratias (CSEL XXXIV 2, 551 ff. [Goldbacher]).
11: Hieronymus spielt auf die vielen Kaiser und Gegenkaiser an, welche von den Legionen in Britannien ausgerufen wurden. Er erlebte selbst die 383 erfolgte Erhebung des Maximus zum Gegenkaiser gegen Gratian durch die Legionen in Britannien.
12: Röm. 9.
13: Eph. 2, 8.
14: Ps. 31, 1.
15: Matth. 26, 41; Mark. 14, 38.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger