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Hieronymus († 420) - Briefe
III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
133. An Ktesiphon

2.

Treffend bemerkt einer unserer christlichen Schriftsteller: Die Philosophen, die Erzväter der Irrlehrer, 1 haben die reine Lehre der Kirche durch ihre verkehrten Ansichten verdorben. Sie kennen nicht das Wort von der menschlichen Gebrechlichkeit: „Was rühmen sich Erde und Staub?“ 2 Und doch schreibt der bereits genannte Apostel: „Ich spüre ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetze des Geistes widerspricht, und das mich gefangen hält. Nicht, was ich will, tue ich, sondern, was ich nicht will, das führe ich aus.“ 3 Wenn er das vollbringt, was er nicht will, wie kann dann die Behauptung bestehen, der Mensch könne ohne Sünde sein, wofern er nur wolle? Wie könnte der Mensch sein, was er gern möchte, wo doch der Apostel versichert, daß er das nicht vollbringen kann, was er wünscht? Fragen wir sie aber: „Wo sind denn die, von denen ihr glaubt, daß sie frei von Sünde sind?“, dann schlagen sie der Wahrheit ein Schnippchen mit einer neuen Ausflucht. Sie sagen: „Wir sprechen nicht von solchen, die es sind oder gewesen sind, sondern nur von solchen, die es sein können.“ Großartige Lehrer! Sie behaupten, das könne sein, dessen Vorhandensein sie aus der Vergangenheit nicht nachweisen können. Wie sagt doch die Schrift: „Alles, was sein wird, ist früher schon einmal dagewesen.“ 4 Ich halte es für überflüssig, die einzelnen Heiligen durchzugehen und sozusagen den [S. 201] Nachweis zu erbringen, daß auch an einem sehr schönen Körper einige Mängel und Makeln festzustellen sind. 5 Sehr viele von unseren Schriftstellern tun dies zwar. Sie könnten es sich viel leichter machen, wenn sie aus einigen Schriftstellen die Ansichten der Irrlehrer und damit auch die der Philosophen widerlegen möchten. Was sagt denn das Gefäß der Auserwählung? 6 „Gott hat alles in die Sünde einbeschlossen, damit er sich aller erbarme.“ 7 An einer anderen Stelle schreibt er: „Alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes.“ 8 Der Prediger, durch dessen Mund die göttliche Weisheit selbst sich ankündigt, bekennt offen: „Es gibt keinen gerechten Menschen auf Erden, der nur Gutes tut und nicht sündigt.“ 9 Anderswo lesen wir: „Wenn das Volk sündigt, es gibt nämlich keinen Menschen, der nicht sündigt.“ 10 Oder: „Wer kann sich rühmen, ein reines Herz zu besitzen?“ 11 Oder: „Keiner ist frei von Schmutz, auch wenn sein irdisches Dasein nur einen Tag währt.“ 12 Deshalb spricht auch David: „Siehe, in Ungerechtigkeit bin ich empfangen worden, und in Sünden gebar mich meine Mutter.“ 13 In einem anderen Psalm lesen wir: „In Deinen Augen wird kein Lebender gerecht sein.“ 14 Dieses Zeugnis lassen sie allerdings nicht gelten, da sie ihm unter frommem Augenaufschlag eine neue Deutung geben. Sie behaupten nämlich, im Vergleich zu Gott sei niemand gerecht, als ob dies der Sinn der Stelle sei. Diese besagt nicht: „Im Vergleich zu Dir wird kein Lebender gerecht sein“, sondern: „In Deinen Augen wird kein Lebender gerecht sein.“ 15 Die Worte „in Deinen Augen“ besagen: „Wer auch in den Augen der Menschen heilig scheint, ist für das Wissen und die Erkenntnis Gottes keineswegs heilig.“ Der Mensch sieht nämlich nur auf das Äußere, Gott aber schaut in [S. 202] das Herz. 16 Wenn aber in den Augen Gottes, der alles sieht, dem auch die Herzensgeheimnisse nicht verborgen bleiben, niemand gerecht ist, dann ist damit eindeutig bewiesen, daß die Irrlehrer nicht nur den Menschen in den Himmel erheben, sondern daß sie der göttlichen Macht Abtrag tun. Ich könnte noch zahlreiche andere Stellen aus der Schrift anführen. Aber damit würde ich nicht bloß über das Ausmaß eines Briefes, sondern selbst über das eines Buches hinausgehen.

1: Tert., Adv. Hermog. 8 (CSEL XLVII 135 [Kroymann]).
2: Eccli. 10, 9.
3: Röm. 7, 23. 19.
4: Eccle. 1, 9 f.
5: Horaz, Sat. I 6, 67.
6: Apg. 9, 15.
7: Röm. 11, 32.
8: Ebd. 3, 23.
9: Eccle. 7, 21.
10: 3 Kön. 8, 46; 2 Chron. 6, 36.
11: Sprichw. 20, 9.
12: Job 14, 4 f. (nach LXX).
13: Ps. 50, 7.
14: Ebd. 142, 2.
15: Ebd.
16: 1 Kön. 16, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger