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Hieronymus († 420) - Briefe
III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
133. An Ktesiphon

1.

Es ist ein Beweis Deiner Freundschaft und Deines Glaubenseifers und durchaus keine Verwegenheit, wie Du fälschlich glaubst, wenn Du Dich in einer Sache, die an sich alt ist, mag sie auch von neuem auf dem Plan erscheinen, an mich wendest. 1 Bereits vor Ankunft Deines Briefes hat diese Lehre, die ihren Stolz unter dem Deckmantel erheuchelter Demut zur Schau trägt, schon sehr viele im Orient in die Irre geführt. Mit Satan möchten ihre Vorkämpfer sprechen: „Zum Himmel will ich aufsteigen, meinen Thron über den Sternen des Himmels aufschlagen und dem Allerhöchsten gleich sein.“ 2 Gibt es eine größere Verwegenheit, als für sich die Ähnlichkeit, ja was sage ich, nein, die Gleichheit mit Gott in Anspruch zu nehmen? In knapper Formulierung wird das ganze Gift aller Irrlehrer zusammengefaßt, soweit es aus der Lehre der Philosophen, besonders des Pythagoras 3 und des Zeno, des Fürsten der Stoiker, 4 herausquillt. Was nämlich diese Griechen mit dem Worte πάθη bezeichnen, können wir Gemütsbewegungen 5 nennen, wie etwa Leid und Freude, Hoffnung und Furcht. [S. 199] Zwei von ihnen beziehen sich auf die Gegenwart, zwei auf die Zukunft. Die Irrlehrer behaupten nun, man könne sie aus dem Gemüte ausrotten, so daß keine Faser und kein Würzelchen der Laster im Menschen zurückbleibe. Das Mittel hierzu sei die Gewöhnung und die ständige Übung der Tugenden. Aufs schärfste bekämpft werden sie unter anderen von den Peripatetikern, 6 die zur Schule des Aristoteles gehören. Auch die Vertreter der neueren Akademie, 7 welchen Cicero folgt, stellen sich gegen ihre Lehren, die eigentlich nichts Greifbares sind, sondern nur Schatten und Hirngespinste. Das heißt nichts anderes, als den Menschen aus dem Menschen herausnehmen 8 und ihn trotz seines Leibes zu einem Wesen ohne Leib machen. Diese Loslösung vom Leibe kann ein frommer Wunsch sein, wie ihn ja auch der Apostel ausdrückt in den Worten; „O ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich befreien von diesem Leibe des Todes?“, 9 aber nicht Gegenstand eines philosophischen Systems. Weil ich aber im Rahmen eines Briefes keine eingehende Darlegung bieten kann, so will ich in aller Kürze ausführen, was als irrig abzulehnen ist.

Bekannt ist die Stelle aus Vergil:
„Irdisches Schicksal ist Bangen und Sehnen, ist Leiden und Freude;
Ständig der Finsternis Schatten, der Kerkerhaft düsteres Dunkel
leider den Blick uns verwehren hinauf zum himmlischen Glanze.“ 10
[S. 200] Wo ist denn der Mensch, den die Freude nicht aufleben läßt, die Trauer nicht niederschlägt, die Hoffnung nicht aufmuntert und die Furcht nicht schreckt? Deshalb schreibt auch der bekannte Dichter Flaccus in einer seiner Satiren:

„Frei von Fehlern wird keiner geboren. Am besten hat’s jener, den ihrer wenig nur plagen.“ 11

1: Vgl. comm. in Jer. IV (CSEL LIX 221 [Reiter]).
2: Is. 14, 13 f.
3: Vgl. BKV II. Reihe XVI 127 Anm. 5.
4: Vgl. ebd. Anm. 8; XVIII 19 Anm. 1.
5: „perturbationes“.
6: Peripatetiker sind die Anhänger des Aristoteles, der zu Athen im Peripatos, d. i. in den Säulengängen und Anlagen des Lykeions, seine Schüler lehrte.
7: Akademie (die ältere) ist die von Platon gegründete Philosophenschule, die von der mittleren, mehr skeptisch eingestellten abgelöst wurde (Begründer: Arkesilaos und Karneades). Ihr folgte die neuere Akademie, die sich wieder enger an Platon anlehnte. Als deren Begründer gelten Philon von Larissa und dessen Schüler Antiochus von Askalon.
8: Cicero, De offic III 5, 26.
9: Röm. 7, 24.
10: Vergil, Aen. VI 733 f.
11: Horaz, Sat. I 3, 68 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger