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Hieronymus († 420) - Briefe
III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
49 (48). Verteidigungsschrift an Pammachius

14.

Wollt Ihr mir gram sein, weil ich den Jovinian nicht zu belehren suchte, sondern ihn wie einen Gegner niedergerungen habe? Mögen diejenigen daran Anstoß nehmen, die seine Verurteilung bedauern! Wenn sie für ihn eintreten, so offenbaren sie ja nur, was sie sind. Sie verraten, daß ihr Bekenntnis zum Glauben nur Verstellung ist. Sollte ich etwa Jovinian bitten, mir den Sieg zu überlassen, anstatt ihn gegen seinen Willen und trotz seines Widerstrebens mit den Fesseln der Wahrheit zu binden? Von meinen Worten habe ich nichts zurückzunehmen, selbst wenn ich im Eifer des Kampfes etwas gegen den Sinn der Hl. Schrift behauptet hätte. Dann würde ich, wie es wackere Männer gelegentlich ihrer Auseinandersetzungen zu tun pflegen, durch eine Entschuldigung meine Entgleisung gutmachen. Aber jetzt, wo ich nicht meine Ansichten unter Beweis stellte, sondern mehr als Dolmetsch des Apostels auftrat und seine Worte erklärte, da soll man das, was hart zu sein scheint, an erster Stelle dem zum Vorwurf machen, dessen Ausführungen ich näher erläutert habe, aber nicht mir, der ich nur einen Kommentar geliefert habe. Die Sache läge natürlich anders, wenn ich die schlichten Worte des Apostels durch eine böswillige Deutung verdreht [S. 171] hätte. Wer aber solches behauptet, der muß es aus meinen Schriften beweisen. Ich habe gesagt: „Wenn es gut ist, keine Frau zu berühren, 1 dann ist es folgerichtig etwas Schlechtes, eine Frau zu berühren. Denn im Gegensatz zum Guten steht nur das Böse. Wenn es aber ein Übel ist, eine Frau zu berühren, mag es auch ein verzeihliches Übel sein, so ist es doch nur erlaubt, um ein größeres Übel zu verhindern“, 2 usw. bis zum nächsten Kapitel. Das habe ich nur geschrieben, um zu erklären, was der Apostel gesagt hat: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unkeuschheit möge aber jeder Mann seine Frau und jede Frau ihren Mann haben.“ 3 Welcher Unterschied besteht da zwischen meinen Worten und der Auffassung des Apostels? Höchstens der eine, daß die Worte des Apostels bestimmt, die meinigen zweifelnd klingen; er gibt eine Erklärung ab, während ich eine Frage aufwerfe. Er schreibt offen: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren.“ 4 Ich frage schüchtern, ob es gut sei, keine Frau zu berühren. Nur der Zweifler gebraucht das Wörtchen „ob“, aber nicht einer, der eine bestimmte Aussage macht. Der Apostel sagt: „Es ist gut, nicht zu berühren“; 5 ich füge nur hinzu, was dem Guten entgegengesetzt sein könnte. Ich schreibe weiter: „Man übersehe nicht die Klugheit, mit der der Apostel zu Werke geht. Er sagt nicht: Es ist gut für den Mann, keine Gattin zu haben, sondern es ist gut für ihn, keine Frau zu berühren, 6 gleich als ob die Gefahr in der Berührung liegt, so daß der nicht unversehrt davonkommt, der eine Frau berührt.“ 7 Daraus kannst Du entnehmen, daß ich nicht über verheiratete Personen, sondern nur über den geschlechtlichen Verkehr im allgemeinen gesprochen habe. Im Vergleich zur Enthaltsamkeit und zur Jungfräulichkeit, die den Engeln ähnlich macht, 8 ist [S. 172] es für den Mann gut, keine Frau zu berühren. „Eitelkeit der Eitelkeiten, und alles ist Eitelkeit“, sagt der Prediger. 9 Wenn alle Geschöpfe, da sie von einem gütigen Schöpfer erschaffen sind, gut sind, wie kann alles Eitelkeit sein? Ist die Erde Eitelkeit, gilt dies auch von den Himmeln, den Engeln und Thronen, den Herrschaften, den Mächten und den übrigen Kräften? Was an sich gut ist, so wie es aus der Hand eines gütigen Schöpfers hervorging, wird eben im Vergleich zu höheren Dingen als Eitelkeit bezeichnet. So ist z.B. eine Laterne nichts verglichen mit einer Fackel; neben einem Sterne leuchtet die Fackel nicht. Vergleiche einen Stern mit dem Mond, und er ist ohne Glanz; bringe den Mond neben die Sonne, und er verblaßt. Vergleiche die Sonne mit Christus, und sie ist Finsternis. Der Herr spricht: „Ich bin, der ich bin.“ 10 Also ist jedes Geschöpf im Vergleiche zu Gott ein Nichts. „Liefere deine Erbschaft“, so sagt Esther, „nicht denen aus, die nicht sind“, 11 nämlich den Götzen und Dämonen. Sicherlich existierten diese Götzen und Dämonen, denen die Juden, wie ihre Bitte besagt, nicht ausgeliefert werden sollten. Im Buche Job äußert sich Baldad in nachstehenden Worten über den Gottlosen: „Das Vertrauen zu ihm soll losgerissen werden von seinem Zelte; wie ein König soll ihn zertreten das Verderben. Im Zelte dessen, der nicht ist, sollen seine Genossen wohnen.“ 12 Mit diesem Gottlosen ist ohne Zweifel der Teufel gemeint. Obgleich er Genossen hat — und diese kann nur einer haben, der selbst existiert —, heißt es von ihm, daß er nicht ist, weil er für Gott zugrunde gegangen ist. Nach dieser Art zu vergleichen habe ich gesagt, es sei ein Übel, eine Frau zu berühren (das Wort Gattin ist überhaupt nicht erwähnt worden), weil es etwas Gutes ist, sie nicht zu berühren. In diesem Sinne habe ich auch beigefügt: „Die Jungfräulichkeit ist als Weizen, der Ehestand als Gerste [S. 173] und die Unkeuschheit als Kuhdünger zu bezeichnen. 13 Sicherlich sind Weizen und Gerste Gottes Geschöpfe. Im Evangelium wird die größere Schar mit Gersten-, die kleinere mit Weizenbroten gespeist. 14 Du, o Herr, wirst Menschen und Vieh erretten.“ 15 Das gleiche habe ich mit anderen Worten dargelegt, als ich die Jungfräulichkeit Gold, den Ehestand Silber nannte. Wo ich weiter von den 144 000 Jungfräulichen sprach, die gezeichnet waren und die sich mit Frauen nicht verunreinigten, 16 wollte ich zeigen, daß alle, die nicht jungfräulich geblieben sind, sich befleckt haben, von der makellosen Reinheit der Engel und unseres Herrn Jesu Christi aus betrachtet. Wer es aber zu grob und tadelnswert findet, daß ich einen solchen Unterschied mache zwischen Jungfräulichkeit und Ehestand wie zwischen Weizen und Gerste, der schlage einmal das Buch des hl. Ambrosius „Über die Witwen“ auf. Da wird er nachlesen können, daß der Verfasser über Jungfräulichkeit und Ehe unter anderem auch Folgendes gesagt hat: „Der Apostel rühmt die Ehe keineswegs so, daß er damit das Streben nach Unversehrtheit unterbinden will. Vielmehr redet er zuerst der Enthaltsamkeit das Wort, um dann zu den Heilmitteln gegen die Unenthaltsamkeit herabzusteigen. Nachdem er den Starken den Siegespreis einer höheren Berufung gezeigt hat, wollte er doch nicht dulden, daß einer unterwegs schwach werde. 17 Er lobt die einen, ohne die anderen zu verachten. Wußte er doch, daß Jesus den einen Gerstenbrot gereicht hatte, [S. 174] damit sie nicht unterwegs vor Schwäche umfielen, den anderen aber seinen Leib gab, 18 auf daß sie dem himmlischen Reiche entgegeneilen könnten.“ 19 Und etwas später schreibt Ambrosius: „Die eheliche Vereinigung ist also nicht wie etwas Schuldhaftes zu meiden, sondern man soll sich von ihr fernhalten wie von einer notwendigen Last. Denn das Gesetz verpflichtete die Gattin, daß sie unter Beschwerden und Schmerzen Kinder gebiert, sich dem Manne hingibt und unter seiner Herrschaft steht. 20 Es wird also nur die verheiratete Frau, nicht aber die Witwe dazu bestimmt, unter Beschwerden und Schmerzen Kinder zu gebären. Nur die Gattin, nicht die Jungfrau wird der Gewalt des Mannes unterstellt.“ 21 Und an einer anderen Stelle erklärt Ambrosius das Wort des Apostels; „Um einen hohen Preis seid ihr erkauft, darum werdet nicht Sklaven der Menschen“ 22 wie folgt: „Man sieht, wie eindeutig die Ehe als eine Knechtschaft bezeichnet wird.“ 23 Und kurz darauf: „Wenn nun eine gute Ehe schon eine Knechtschaft ist, was für ein Übel mag dann die Ehe sein, wenn die Eheleute sich nicht gegenseitig heiligen können, sondern ins Verderben stürzen?“ 24 Alles, was ich in breiter Ausführlichkeit über Jungfräulichkeit und Ehe gesagt habe, das hat er in kurze, aber inhaltsreiche Worte zusammengedrängt. Für ihn ist die Jungfräulichkeit eine Aufforderung zur Enthaltsamkeit, die Ehe ein Heilmittel gegen die Unenthaltsamkeit. Indem er bezeichnender Weise von oben nach unten herabsteigt, macht er die Jungfrauen auf den Siegespreis der höheren Berufung aufmerksam; den verheirateten Frauen aber gibt er nur einen Trost, damit sie unterwegs nicht der Schwäche erliegen. Die einen lobt er, den anderen zeigt [S. 175] er nur, daß er sie nicht geringschätzt. Den Ehestand vergleicht er mit dem Weizenbrot, die Jungfräulichkeit mit dem Leibe Christi. Und ich glaube, daß die Unterscheidung zwischen Weizen- und Gerstenbrot, wie ich sie vorgenommen habe, längst nicht so weit geht wie der Unterschied zwischen Gerstenbrot und dem Leibe des Herrn. Schließlich sagt Ambrosius, die Ehe sei wie eine notwendige Last zu meiden. 25 Ganz deutlich ist sie ihm eine Knechtschaft. Noch viel mehr könnte ich beibringen aus dem, was er in seinen drei Büchern über die Jungfrauen ausführlich behandelt hat. 26

1: 1 Kor. 7, 1.
2: Adv. Jov. I 7.
3: 1 Kor. 7, 1 f.
4: Ebd. 7, 1.
5: Ebd.
6: Ebd.
7: Adv. Jov. I 7.
8: Matth. 22, 30; Mark. 12, 25; Luk. 20, 35 f.
9: Eccle. 1,2.
10: Exod. 3, 14.
11: Esth. 14, 11.
12: Job 18, 14 f.
13: Adv. Jov. I 7. Hilberg sieht in den nachfolgenden Sätzen ein Zitat, das einer verbesserten Auflage der Bücher gegen Jovinian entnommen sein soll, während es sich um eine neue, erst hier vorgebrachte Begründung handelt.
14: Bei der Speisung der 5000 spricht Joh. 6, 9 ausdrücklich von Gerstenbroten, während Matth. 14, 17 und Mark. 8, 5 bei der Speisung der 4000 nur von Broten die Rede ist, die Hieronymus als Weizenbrote, wie sie gewöhnlich üblich waren, deutet.
15: Ps. 35, 7.
16: Offenb. 14, 1 ff.
17: Matth. 15, 32.
18: Joh. 6, 9; Matth. 15, 32; 26, 26.
19: Ambrosius, De viduis 13, 79 (M PL XVI 259)
20: Gen. 3, 16 (nach LXX).
21: Ambrosius, De viduis 13, 81 (M PL XVI 259 f.).
22: 1 Kor. 7, 23.
23: Ambrosius, De viduis 11, 69 (M PL XVI 255).
24: Ebd.
25: Ambrosius, De viduis 13, 81 (M PL XVI 259).
26: M PL XVI 187 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger