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Hieronymus († 420) - Briefe
II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
60. An Heliodor: Nachruf auf Nepotian

1.

Einen erhabenen Stoff zu bewältigen, fällt kleinen Geistern schwer, und mancher, der sich über seine Kräfte hinaus versuchte, hat kläglich versagt. Je größer die zu lösende Aufgabe ist, desto leichter wird der vom Stoffe erdrückt, dem es an der Fähigkeit mangelt, den sprachlichen Ausdruck der Erhabenheit des Gegenstandes anzugleichen. Mein Nepotian, Dein oder besser unser Nepotian, noch genauer Christi Nepotian und deshalb in höherem Sinne unser Nepotian ist von uns Greisen geschieden. Mit der Sehnsucht spitzem Pfeil hat er uns verwundet, unerträgliches Leid hat er uns zugefügt. Der unser Erbe sein sollte, den haben wir begraben. Für wen soll sich mein Geist jetzt noch plagen? Wem sollen meine armseligen Brieflein noch zu gefallen streben? Wo ist er, der mich immer drängte 1 mit einer Stimme lieblicher als Schwanengesang? 2 Mein Verstand steht still, meine Hand zittert, meine Augen werden dunkel, meine Zunge stammelt. Was ich zu sagen habe, scheinen mir leere Worte; denn er vernimmt sie nicht [S. 31] mehr. Es ist, als ob der Griffel mitfühlte und die Wachstafel Trauer trüge; denn beide sind mit Rost und Schimmel überzogen. Sooft ich mich bemühe, meine Gedanken in Worte zu kleiden und auf seinen Grabhügel die Blumen dieser Erinnerungsworte hinzustreuen, füllen sich meine Augen immer wieder von neuem mit Tränen; mein Schmerz lebt wieder auf, und ich komme mir vor, wie wenn ich gerade an seinem Begräbnisse teilnähme. Früher war es Sitte, daß die Kinder in Gegenwart des Leichnams in öffentlicher Versammlung von der Rednerbühne herab des Verstorbenen in einer lobenden Ansprache gedachten, um so die Herzen der Anwesenden wie durch ein Klagelied zu Tränen zu rühren. 3 Aber der gewöhnliche Lauf der Dinge hat sich geändert, und zu unserem Unglück hat die Natur ihr Recht, preisgegeben. Die Liebespflicht, die der Jüngling an den Greisen hätte erfüllen sollen, müssen wir Greise jetzt dem Jünglinge gegenüber üben.

1: ἐργωδιώκτης, Exod. 3, 7 (nach LXX).
2: Bei den Alten ist der Schwan berühmt wegen seiner Sangesgabe. Vgl. Otto, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer, Leipzig 1890, 104 f.
3: Cicero, De orat. II 84, 341.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger