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Hieronymus († 420) - Briefe
II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
39. An Paula: Zu Blesillas Tod

6.

Schone Dich also, ich bitte Dich! Schone Deine Tochter, die bereits mit Christus herrscht! Schone wenigstens Deine Eustochium, deren große Jugend und zarte Kindheit Deiner besonderen Leitung bedarf! Jetzt wütet der Teufel. Er sieht, wie eines Deiner Kinder [S. 26] triumphiert, und ärgert sich über seine Niederlage. Mit um so größerem Eifer ringt er um den Sieg über die zurückgebliebene Tochter, nachdem die dahingegangene nicht seine Beute werden konnte. Allzu große Anhänglichkeit an die Seinigen kann zur Pflichtverletzung gegen Gott werden. Abraham tötet freudigen Herzens seinen einzigen Sohn, 1 und Du beklagst Dich, daß ein Kind aus Deiner großen Kinderschar die Krone erlangt hat? Ich kann nicht, ohne zu seufzen, aussprechen, was ich jetzt sagen will. Als man Dich ohnmächtig mitten aus dem feierlichen Leichenbegängnis hinwegtrug, da fing die Menge an zu raunen: „Haben wir es nicht oft genug gesagt, daß es so kommen wird? Sie weint um ihre Tochter, die ein Opfer des Fastens geworden ist. Sie ist untröstlich, daß sie nicht wenigstens aus deren zweiter Ehe Enkel zu sehen bekam. Wie lange mag es noch anstehen, bis man das abscheuliche Geschlecht der Mönche aus der Stadt vertreibt, mit Steinen zu Tode wirft oder in das Wasser stürzt? Sie haben die arme Frau verführt; denn jetzt zeigt es sich, daß sie keine Nonne sein wollte. Hat doch niemals eine heidnische Mutter so wie sie ihre Kinder beweint.“ Wie mögen solche Worte Christus betrübt haben! Aber welch ein Triumph für Satan, der sich beeilt, jetzt Dir das Leben zu entreißen, indem er Dir vorgaukelt, daß Dein Schmerz Gott wohlgefällig sei! Während das Bild der Tochter ständig vor Deinen Augen weilt, will er zugleich der Siegerin Mutter töten und Macht gewinnen über die einsam zurückgebliebene Schwester. Ich rede nicht, um Dich zu erschrecken; vielmehr ist Gott mein Zeuge, daß meine Worte so lauten, wie wenn ich vor Gottes Richterstuhl stände. Solche Tränen, die kein Maß kennen, die an die Pforte des Todes führen, sind verabscheuungswürdig; denn durch sie wird Gott gelästert und der Glaube völlig verleugnet. Du heulst und jammerst, und von einem inneren Brande verzehrt, tust Du fortgesetzt [S. 27] alles, was nur in Deinen Kräften liegt, um Dein eigener Mörder zu werden. Aber da kommt in seiner Milde der Heiland zu Dir und spricht: „Was weinst Du? Das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft.“ Mögen die Umstehenden lachen, 2 das ist jüdischer Unglaube. Auch Dich werden die Engel, wenn Du Dich am Grabe in maßlosem Schmerze windest, schelten und sagen: „Was suchst Du die Lebende unter den Toten?“ 3 Das tat ja auch Maria Magdalena. Dafür mußte sie, als sie den Herrn an der Stimme erkannte und seine Füße umfassen wollte, die Warnung hinnehmen: „Rühre mich nicht an; denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren.“ 4 Das will sagen: „Du verdienst es nicht, den Auferstandenen zu berühren, den Du noch immer tot im Grabe wähnst.“

1: Gen. 22, 9 f.
2: Mark. 5, 39 f.; Luk. 8, 52 f.
3: Luk. 24, 5.
4: Joh. 20, 16 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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