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Hieronymus († 420) - Briefe
II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
39. An Paula: Zu Blesillas Tod

5.

Dieses alles habe ich angeführt, damit die Unkenntnis der Heiligen Schrift Dir nicht einen Schein von Recht zur Trauer gebe und Deinen Irrtum entschuldige. Bisher habe ich zu Dir gesprochen, als ob ich eine Christin schlechthin vor mir hätte. Nun aber weiß ich, daß Du der ganzen Welt entsagt hast, daß Du auf ihre Freuden verzichtest und geringschätzig herabblickst. Dagegen widmest Du Dich Tag um Tag dem Gebete, dem Fasten, der geistlichen Lesung. Nach [S. 24] dem Beispiel Abrahams willst Du wegziehen aus Deinem Lande und aus Deiner Verwandtschaft. 1 Du willst Chaldäa und Mesopotamien verlassen, um einzuwandern ins Land der Verheißung. Dein ganzes Vermögen hast Du an die Armen verschenkt oder Du hast es, weil der Welt abgestorben, bereits vor Deinem Tode Deinen Kindern abgetreten. Da muß ich mich allerdings wundern, daß Du auf eine Art handelst, daß jede andere, die so handelte, Tadel verdiente. Du erinnerst Dich an die Unterhaltung mit Blesilla, an ihr liebes Wesen, ihre Art zu sprechen, ihre Gesellschaft, und kannst nicht ertragen, daß Du dies alles entbehren sollst. Wir verzeihen der Mutter die Tränen, aber Maß soll sie halten in ihrem Schmerze. Wenn ich daran denke, daß Du die Mutter bist, so tadle ich Deine Trauer nicht. Wenn ich mir aber vorstelle, daß Du eine Christin, eine christliche Nonne bist, dann wird dadurch das mütterliche Gefühl ausgeschaltet. Noch zu neu ist die Wunde, Rührt man daran, und wenn es noch so zart geschieht, so heilt sie nicht zu, sondern reißt wieder von neuem auf. Aber warum soll nicht schon vernünftige Erwägung eines Zustandes Herr werden, den schließlich die Zeit mildern muß? Als Noemi vor dem Hunger ins Land Moab floh, verlor sie ihren Mann und ihre Söhne. Und als sie der Hilfe der Ihrigen entbehren mußte, da wich die fremde Ruth nicht von ihrer Seite. 2 Siehe, wie verdienstlich es ist, einer Verlassenen Trost zu spenden; denn sie wurde zur Stammutter Christi erhoben. 3 Betrachte, wie sehr Job heimgesucht wurde! Dann wirst Du erkennen, wie überempfindlich Du bist, während er den Blick aufwärts zum Himmel richtete trotz des Unterganges seines Hauses, trotz der Qualen des Aussatzes, trotz des Verlustes seiner vielen Kinder und zuletzt auch trotz der hinterhältigen Spöttereien seines Weibes. 4 Unbesiegt blieb seine Geduld. Ich weiß, was [S. 25] Du mir antworten wirst: „Ihm ist dies alles widerfahren, um ihn, den Gerechten, in der Tugend zu prüfen.“ Auch Du hast die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder Du bist heilig, dann bewähre auch Du Dich! Oder Du bist eine Sünderin, dann hast Du kein Recht zur Klage; denn was Du leidest, ist geringer als das, was Du zu leiden verdienst. Aber wozu halte ich mich mit Beispielen aus alten Zeiten auf? Richte Dich nach den Vorbildern unserer Tage! Die heilige Melania, 5 unter den Christen unserer Zeit eine wahrhaft edle Frau, deren Los der Herr Dich und mich am Tage seines Gerichtes teilen lassen möge, hat, als der Leichnam ihres Mannes noch nicht erkaltet und noch unbestattet war, zwei Söhne auf einmal verloren. Was ich jetzt sage, klingt unglaublich; aber Christus ist mein Zeuge, daß ich die reine Wahrheit rede. Wer hätte nicht erwartet, daß sie wie wahnsinnig, mit aufgelösten Haaren und zerrissenen Kleidern ihre wunde Brust zerfleischen würde? Aber keine Träne perlte. Sie blieb unerschüttert und warf sich zu den Füßen Jesu Christi nieder. Wie wenn sie ihn in den Armen hielt, lächelte sie ihn an und sprach: „Jetzt, o Herr, bin ich noch mehr frei geworden, um Dir dienen zu können, nachdem Du mir diese große Last abgenommen hast.“ Aber ihre übrigen Kinder haben vielleicht ihren Entschluß zu Fall gebracht? Keineswegs. Wie ernst sie es meinte, wie wenig Rücksicht sie nahm, das zeigt ihr Verhalten gegenüber dem einzigen Sohn, der ihr geblieben war. Sie übergab ihm ihr gesamtes Vermögen und schiffte sich trotz des beginnenden Winters zur Reise nach Jerusalem ein.

1: Gen. 12, 1.
2: Ruth 1, 1 ff., 16 f.
3: Ruth 4, 21; Matth. 1, 5.
4: Job 1, 18 ff.; 2, 7 ff.
5: Helm, Die Chronik des Hieronymus I. Leipzig 1913, 247; BKV II. Reihe XVI 6 Anm. 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger