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Hieronymus († 420) - Briefe
II.d. Aszetische Briefe: Trostbriefe
39. An Paula: Zu Blesillas Tod

2.

Doch was stelle ich an? Ich will der Mutter Tränen zum Versiegen bringen und weine selbst. Aber ich muß mich zu meinem Gefühl bekennen, dieser ganze Brief wird unter Tränen geschrieben. Jesus weinte ja auch über Lazarus, weil er ihn liebte. 1 Freilich ist der nicht der beste Tröster, den der eigene Jammer drückt, dessen weiches Herz nur Tränen und kaum Worte findet. Meine Paula, ich rufe Jesus zum Zeugen an, dem Deine Blesilla jetzt folgt; ich rufe die heiligen Engel zu Zeugen an, in deren Gesellschaft sie jetzt weilt, daß ich die gleichen Schmerzen und Qualen erdulde wie Du. War ich ihr doch als ihr geistiger Vater, als ihr Erzieher in Liebe zugetan. Immer wieder sage ich: ,,Verwünscht sei der Tag, an dem ich geboren wurde!“ 2 „Wehe mir, o meine Mutter, warum hast du einen Mann zur Welt gebracht, mit dem man hadert und zankt im ganzen Lande?“ 3 Aber auch der folgenden Stelle gedenke ich immer wieder: „Gerecht bist du, o Herr, gleichwohl muß ich mit Dir rechten: Wie kommt es, daß der Sünder Weg glücklich ist? 4 Meine Füße wären bald gestrauchelt, als ich den Frieden der Gottlosen sah. Und ich sagte: Weiß Gott darum Bescheid, hat der Allerhöchste Kenntnis von diesen Dingen? Siehe, sie sind Sünder, und doch haben sie Überfluß in der Welt und gelangten zu Reichtum.“ 5 Und dann gedachte ich wieder jenes anderen Wortes: „Wenn ich so spreche, habe ich das Geschlecht deiner Söhne verworfen.“ 6 Dringt folgende Gedankenflut nicht auch des öfteren auf meinen Geist ein? Warum genießen greise Bösewichte die Reichtümer dieser Welt? Warum wird die unberührte Jugend und die sündlose Kindheit vorzeitig in der Blüte des Lebens dahingerafft? Warum sind [S. 16] zwei- und dreijährige Kinder, ja selbst solche, die noch an der Mutterbrust liegen, so oft vom Teufel besessen, mit Aussatz geschlagen und von der Gelbsucht heimgesucht, während im Gegensatze hierzu die Gottlosen, die Ehebrecher, die Mörder und Gottesräuber aus ihrer satten und strotzenden Gesundheit heraus gegen Gott freveln? Dies ist um so erstaunlicher, da die Ungerechtigkeit des Vaters nicht auf den Sohn übergeht, sondern weil die Seele, die gesündigt hat, sterben soll. 7 Wenn aber der alte Satz noch Geltung hat, wonach der Väter Sünden an den Kindern vergolten werden, 8 dann wäre es doch wirklich unbillig, die unschuldige Nachkommenschaft die zahllosen Vergehen eines langlebigen Vaters büßen zu lassen. Und ich sprach: „Also war es zwecklos, nach dem Rechten zu trachten und meine Hände in Unschuld zu waschen, wo ich doch den ganzen Tag gezüchtigt wurde.“ 9 Doch während mich diese Gedanken bewegten, beruhigte mich das Wort des Propheten: „Ich sann nach, um es zu ergründen. Aber für mich war es zu mühsam, in Gottes Heiligtum einzudringen und zu erfassen, welches der Gottlosen Ausgang sei. 10 Denn Gottes Gerichte sind ein tiefer Abgrund. 11 O Tiefe der Weisheit, o Reichtum der Erkenntnis Gottes, wie unerforschlich sind seine Gerichte, wie unergründlich seine Wege!“ 12 Gott ist gut, und alles, was der Gute tut, muß notwendig gut sein. Der Gatte wird mir entrissen. Ich bedauere den Verlust; aber weil es der Wille des Herrn ist, so unterwerfe ich mich, ohne zu murren. Mein einziger Sohn muß sterben. Ein hartes Los, und doch nehme ich es ergeben hin, weil Gott ihn mir genommen, der ihn mir auch geschenkt hat. Werde ich blind, so bleibt mir der Trost, daß ein Freund mir [S. 17] vorlesen wird. Wenn ich taub werde und meine Ohren den Dienst versagen, werde ich gegen die Sünde gefeit sein und nur an den Herrn denken. Tritt zu alle dem noch hinzu drückende Armut, Kälte, Krankheit und Blöße, dann erwarte ich eben als letzten Ausweg den Tod. Ein Übel, auf das ein besseres Ende folgt, deucht mich kurz. Verweilen wir etwas bei dem Psalme, in dem David seine sittlichen Grundsätze darlegt! Er spricht: „Gerecht bist Du, o Herr, und billig sind Deine Gerichte.“ 13 So kann nur der sprechen, der allem, was er erduldet, zum Trotz Gott lobpreist und seine Milde bei allen Widerwärtigkeiten, für die er sich selbst verantwortlich macht, rühmt. Es frohlockten nämlich Judas Töchter über alle Gerichte des Herrn. 14 Wenn das Wort Judäa Lobpreis bedeutet, 15 wenn ferner jede gläubige Seele Gott lobsingt, so folgt daraus mit Notwendigkeit, daß jeder, der seinen Glauben an Christus bekennt, auch an allen Gerichten Christi seine Freude hat. Bin ich gesund, so danke ich dafür meinem Schöpfer. Bin ich aber krank, ehre ich ebenfalb den Willen des Herrn. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, und des Geistes Kraft findet in der Schwachheit des Fleisches seine Vollendung. Auch der Apostel muß gegen seinen Willen leiden, und dreimal bittet er den Herrn um Abhilfe. Doch der spricht zu ihm: „Meine Gnade genügt dir.“ 16 Es wird ihm ein Warner beigegeben, der seinen Stolz niederhalten — war er doch besonderer Offenbarungen teilhaftig geworden — und ihn an die menschliche Gebrechlichkeit erinnern soll. 17 Es erging ihm ähnlich wie den triumphierenden Feldherrn, hinter denen auf dem Wagen ein Begleiter zu stehen hatte, um ihnen jedesmal, wenn der Beifall der Menge [S. 18] erbrauste, zu sagen: „Bedenke, daß du nur ein Mensch bist!“ 18

1: Joh. 11, 35 f.
2: Job 3, 3; Jer. 20, 14.
3: Jer. 15, 10.
4: Ebd. 12, 1.
5: Ps. 72, 2 f. 11 f.
6: Ebd. 72, 15.
7: Ezech. 18, 20.
8: Exod. 34, 7 u. ö.
9: Ps. 72, 13 f. Vgl. zu diesen Gedankengängen ep. 130, 16 ad Demetr. und ep. 147, 1 ad Sabinianum (BKV II. Reihe XVI 267 f. 368).
10: Ps. 72, 16 f.
11: Ebd. 35, 7.
12: Röm. 11, 33.
13: Ps. 118, 137.
14: Ps. 96, 8.
15: Hieronymus stellt eine etymologische Beziehung auf zwischen יְהוּדָה und יָדָה (Hithp. bekennen, preisen).
16: 2 Kor. 12, 10, 9.
17: Ebd. 12, 7 ff.
18: Ein öffentlicher Sklave, der hinter dem Triumphator stand, hielt über dessen Haupt eine goldene Krone, warnte ihn aber zugleich vor Überheblichkeit im Glück (vgl. Tert., Apolog. 33 — BKV XXIV 130).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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