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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Sieben Gespräche über die heilige und wesensgleiche Dreieinigkeit (De sancta Trinitate dialogi VII)

Erstes Gespräch. Daß der Sohn Gott dem Vater wesensgleich und gleichewig ist.

1.

[S. 45] A. Unseren ehrwürdigen1 Hermias konnten wir gestern und vorgestern nicht sehen, da es ihm weder öffentlich aufzutreten beliebte, wie mir scheint, noch überhaupt auszugehen; aber dich scheuchte gewiß das stürmische Wetter zu Hause. Ein solches Verhalten war ja auch ganz natürlich. Jetzt aber hat dich kaum das herrliche, schöne Wetter sichtbar gemacht.

B. Du sprichst wahr. Das Alter ist ja immer unaufgelegt und zum Ausgehen höchst langsam, besonders wenn es regnet.

A. Witzig also und gerade heraus redend könnte man dich, wenn man wollte, den Fischen im Meere vergleichen, welche, wenn ein wilder und tosender Wind den Wogenandrang aufrührt und sausend niederstürzt, einzeln sowohl als schaarenweise in die Schlupfwinkel in der Tiefe sich ergießen und, wie in einen Wald oder dichtes Gebüsch sich [S. 46] bergend, ihre Sicherheit suchen; wenn aber der Schimmer des Sonnenstrahles auf den Wellen schwimmt und sie bereits wieder das ganze Meer gleichsam lachen sehen, herauf kommen und herauf schwimmen und auf den oberen Wellen springen mit Ablegung der Furcht sowohl als der Trägheit.

B. Du sollst wissen, mein Lieber, daß es sich mit mir in der That nicht anders als so verhält.

A. Von der Menge aber und von Geschäften bist du indessen weit entfernt und am Herde ist das Gemüth dir ruhig, wie ich glaube.

B. Und was ergibt sich daraus?

A. Ein gar großer und für Fromme sich geziemender Nutzen. Oder werden wir nicht auch der Ruhe etwas Gutes zuschreiben?

B. O ja, gewiß.

A. Das durch göttliche Eingebung zur psallirenden Leier gesungene Lied wird ja in der That diese Ansicht als vollkommen wahr erweisen.

B. Was für eines meinst du?

A. „Ruhet und erkennet, daß ich Gott bin!“2 Denn das körperliche Auge, wenn es von Staub und Rauch und Allem, was sonst es trüben kann, frei ist, gewährt Dem, was ihm aufzustoßen pflegt, eine leichte und ungehinderte Wirksamkeit; wenn aber irgend ein Leiden es beschädigt, wird es weniger, als es soll, seinen Gegenständen sich zuwenden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß es bisweilen auch seiner Schärfe ermangeln wird. Auch der menschliche Geist, wenn er ruhig ist und gesetzt und von eitler und schmutziger Phantasie sich fern zu halten gewohnt, sieht scharf und klar und gewinnt eine irrthumsfreie Erkenntniß des Seienden (Wirklichen); wenn er aber durch irgend ein Gebrechen stumpf wird, wird er selbst die göttliche Schönheit nicht sehen, sondern gleichsam auf das [S. 47] Irdische sich hinsetzen wie die naßgewordenen Spatzen, die durch die Gebundenheit am Flug in die Höhe gehindert sind.

B. Du hast Recht.

A. Du meinst also doch, o Hermias, während du müssig zu Hause weiltest, daß es sich geziemte, dieses göttlichen Ausspruches eingedenk zu sein? Auch sind dir so zu sagen seit gestern und vordem heilige Bücher in Händen und ein sehr großer Lerneifer ist deinem Geiste eingepflanzt, der wie einen feinnasigen Spürhund dich treibt zur Jagd nach Dem, was zu wissen sich ziemt. Oder vielleicht auch werden wir die Ursachen der Unlust an einer derartigen Arbeit dem über die Jugend des Leibes bereits hinausgehenden Alter zuschreiben, oder wirst du wenigstens etwas Anderes sagen, auch wenn es nicht wahr ist? Ich aber möchte dich auf’s freundlichste3 schelten und etwa sagen, ein alter Mensch lüge gern und verlange noch dazu, daß man Das, was er will und sagt, höchst bereitwillig gläubig annehme.

B. Viel zwar hätte ich zu klagen über die Schwäche des Leibes; denn wir sind bereits an der Neige des Lebens angekommen; aber Solches jetzt bei Seite lassend will ich also das Nothwendige sagen. Wißbegierig nämlich ist mein Geist zwar gewissermaßen immer, und er trachtet vielleicht nach Nichts als nach Dem allein; aber wie ein edles und schnellläufiges Füllen, obwohl es die Kraft der Füße zeigen will, durch die Unebenheiten der Felder auch wider Willen genöthigt wird, den Erweis seiner Stärke für abgeschnitten zu halten: auf dieselbe Weise, meine ich, hindern auch mich, der ich von einer warmen und unhemmbaren Neigung eingenommen bin, mich eifrig mit den heiligen Schriften zu beschäftigen, die unzugänglichen und unwegsamen Stellen, die nicht, wie man vermuthen möchte, einen [S. 48] einfachen und gut gebahnten Zugang haben, der Denen, die ihn nehmen wollen, offen stünde. So scheucht also gleichsam das schwierige Terrain den Geist bisweilen zur Trägheit herab; vor allen anderen aber scheue ich am allermeisten noch die Untersuchung über den Glauben, obwohl er die Grundlage unserer Hoffnung ist.

A. Nun ja denn, ich will dir ja beistimmen, wenn du Recht hast. Indeß ist doch Jedem klar, daß man sich den Besitz eines der von oben kommenden und von Gott geschenkten Güter nicht wohl ohne Schweiß, meine ich, verschaffen kann. Denn was ganz übernatürlich ist und eine hochragende Herrlichkeit hat, ist nicht Allen zugänglich, sondern nicht leicht zu erreichen, schwer hineinzukommen und steil und mit allerlei Schwierigkeit und Mühe verbunden.

B. Was sollen dann Diejenigen thun, die ein Verlangen und eine Neigung haben nach diesen herrlichen und schönen Dingen, die aber zu erringen so schwierig ist?

1: Ἱερόν [Hieron].
2: Ps. 45, 11 [hebr. Ps. 46, 11].
3: Der Text: ἡ διάστασις [hē diastasis] ist offenbar korrupt. Oecolampadius übersetzt das Wort mit libentissime und scheint also ἥδιστά σοι [hēdista soi] gelesen zu haben, was einen sehr guten Sinn gibt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger