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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über die Menschwerdung des Eingeborenen (De incarnarione unigeniti)

10.

[S. 494] A. Gleichwie also das Fleisch, da es das Fleisch des Alles belebenden Wortes war, die Macht des Todes und der Verwesung übersteigt, auf dieselbe Weise, glaube ich, hat die Seele, da sie die Seele Dessen war, der keine Sünde kannte, einen in allem Guten gefestigten, unwandelbaren und über die ehedem herrschende Sünde unvergleichlich erhabenen Zustand. Denn Christus ist der erste Mensch, „der keine Sünde gethan hat, noch wurde eine Falschheit gefunden in seinem Munde,“ 1 und er ist gesetzt gleichsam als Wurzel und Erstling der im Geiste zur Neuheit des Lebens Umgestalteten, und er wird die Unverweslichkeit des Leibes und die Sicherheit und Beständigkeit der Gottheit, gleichsam in Theilnahme und aus Gnade, fortan auch auf das ganze Menschengeschlecht übertragen. Und Dieses wissend schreibt der heilige Paulus: 2 „Wie wir nämlich das Bild des Irdischen trugen, werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen.“ Unter dem Bilde des Irdischen nämlich verstand er die Geneigtheit zur Sünde und den von daher zu uns gedrungenen Tod; unter dem Bilde des Himmlischen dagegen, das heißt Christi, die Festigkeit in der Heiligung und die Rückkehr aus Tod und Verwesung und die Erneuerung zur Unverweslichkeit und zum Leben. Ganz also, sagen wir, habe das Wort mit dem ganzen Menschen sich geeint. Denn nicht doch wohl hat er das Bessere in uns, nämlich die Seele, keiner Berücksichtigung gewürdigt, bloß dem Fleische die Mühen seiner Anwesenheit schenkend. Vielmehr wurde um Beider willen 3 das Geheimniß der Erlösung herrlich vollbracht. Er bediente sich aber wie eines Werkzeuges des eigenen Fleisches zu den Werken des Fleisches und den physischen Schwachheiten (Leiden) und was immer fern ist von Tadel, der eigenen Seele aber zu den menschlichen und schuldlosen Affekten. Denn es wird von ihm gesagt, er habe [S. 495] gehungert und Ermüdungen erduldet von langen Wanderungen und Schauder und Furcht, Trauer und Todesangst und den Tod am Kreuze. Denn ohne daß ihn Jemand zwang, setzte er von sich selbst seine Seele ein für uns, 4 um über Todte und Lebendige zu herrschen, 5 indem er sein Fleisch daran gab für das Fleisch Aller, ein in der That äquivalentes Geschenk, seine Seele aber zum Lösepreis machte für die Seele Aller, wiewohl er wieder auflebte, da er als Gott das Leben war von Natur. Darum sagt auch der heilige Petrus: 6 „Ihr Männer, Brüder, es sei erlaubt, freimüthig zu euch zu reden von dem Erzvater David: er starb und wurde begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf den heutigen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, daß Gott ihm mit einem Eide geschworen hatte, von der Frucht seines Leibes sollte sitzen aus seinem Throne, hat er, vorhersehend, von der Auferstehung Christi gesprochen, daß weder seine Seele in der Unterwelt gelassen würde noch sein Fleisch die Verwesung sähe.“ 7 Denn man darf doch nicht sagen, das mit dem Worte geeinte Fleisch könne einer stetigen Verderbniß unterliegen und die gotterfüllte Seele den Pforten der Unterwelt verhaftet werden. Sie wurde ja nicht in der Unterwelt gelassen, wie auch der heilige Petrus sagte. Denn nicht von der durchaus unfaßbaren und dem Tode unzugänglichen Natur, nämlich der Gottheit des Eingebornen, sagt er, sie sei aus den untere irdischen Höhlen zurückgeführt worden. Es wäre ja auch nichts Verwunderungswerthes, wenn das Wort aus Gott nicht in der Unterwelt blieb, das durch die Kraft und Natur seiner Gottheit auf unbegreifliche und unaussprechliche Weise Alles erfüllt und Allem inwohnt; denn erhaben über Örtlichkeit und Umgrenzung und meßbare Größe ist die Gottheit und wird selbst durch Nichts umfaßt. Unglaube aber und für Jedermann erstaunlich ist es, daß ein [S. 496] seiner Natur nach zerstörlicher Leib wieder auflebte; denn er war mit dem unzerstörlichen Worte geeint. Die gottvolle Seele aber, welche die Verbindung und Einigung mit demselben erlangt hatte, stieg hinab in die Unterwelt, und sich göttlicher Kraft und Machtvollkommenheit bedienend erschien sie auch den dort befindlichen Geistern. Darum sprach er auch zu den Gefesselten: „Gehet heraus,“ und zu den in der Finsterniß Befindlichen: „Kommet an’s Licht!“ 8 Und mir scheint, etwas dergleichen sage auch der heilige Petrus über das Wort Gottes und die durch die Einigung ihm zu Theil gewordene Seele: 9 „Denn es ist besser, da man Gutes thut, leiden (wenn der Wille Gottes es will, als da man Böses thut; weil auch Christus einmal für die Sünden gestorben ist, als Gerechter für Ungerechte, da mit er uns Gott zuführe, getödtet im Fleischer wieder belebt im Geiste, in welchem er (sagt er) auch den im Gefängnisse befindlichen Geistern, die einst ungläubig waren, bei seinem Hingange die Botschaft brachte.“ Denn er will ja doch, meine ich, nicht sagen, daß die reine Gottheit des Eingebornen an sich in die Unterwelt hinabgegangen sei, und daß sie, die durchaus unsichtbar ist, den dort befindlichen Geistern die Botschaft gebracht habe. Denn die Gottheit ist stets zu erhaben, um gesehen zu werden; wir werden aber auch nicht zugeben, daß sie sich zum Schein und schematisch in die Gestalt einer Seele verwandelt habe, vielmehr müssen wir den Schein zurückweisen; sondern wie den noch im Fleische Befindlichen, so brachte er auch den Seelen in der Unterwelt die Botschaft, indem er als eigene Bekleidung hatte die mit ihm vereinigte Seele. Und tief allerdings und unaussprechlich in der That und für unsere Gedanken nicht faßbar ist die Art der Einigung. Dieses aber geziemt sich gleichwohl in Erwägung zu ziehen: Das, was nicht für uns ist, zu ergrübeln, ist nicht straflos; höchst thöricht aber durchaus ist es, das Übervernünftige der For- [S. 497] schung zu unterziehen und zu denken zu versuchen, was zu denken nicht möglich ist. Oder weißt du nicht, daß dieses tiefe und unseren Verstand übersteigende Mysterium durch einfachen Glauben geehrt ist? Die unbesonnene Rede aber: „Wie kann Das geschehen?“ jenem Nikodemus und Seinesgleichen überlassend wollen wir die Aussprüche des göttlichen Geistes unbezweifelt annehmen und Christo selbst glauben, wenn er sagt: „Amen. Amen, ich sage euch, wir reden, was wir wissen, und was wir gesehen haben, bezeugen wir.“ 10

B. Du hast Recht.

1: Is. 53, 9; I. Petr. 2, 22.
2: I. Kor. 15, 29.
3: Αἱ ἄμφω kann auch heissen: „durch beide“.
4: I. Joh. 3, 16.
5: Röm. 14, 9.
6: Apostelg. 2, 29.
7: Ps. 15, 10.
8: Is. 49, 9.
9: I. Petr. 3, 17.
10: Joh. 8, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger