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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über die Menschwerdung des Eingeborenen (De incarnarione unigeniti)

6.

A. Gehen wir also auf jene Ansicht los, welche der eben verworfenen verwandt ist! Es verunstalten nämlich Einige die Schönheit der Wahrheit, indem sie wie eine Münze sie fälschen und ihr Horn in die Höhe heben und [S. 485] Ungerechtigkeit reden wider Gott, wie geschrieben steht. 1 Als unwirklich und nicht für sich subsistirend stellen sie sich den Eingebornen vor, und er existire nicht in eigener Hypostase, sondern bloß als Rede und zum Ausdruck gelangendes Wort sei er von Gott ausgegangen und habe im Menschen gewohnt, behaupten die Unglückseligen; und indem sie Jesum so zusammenfügen, sagen sie, er sei zwar heiliger als die Heiligen, aber darum noch nicht auch Gott. Also wie auch der Jünger des Heilandes geschrieben hat: 2 „Wer ist ein Lügner, ausser wer läugnet, Jesus sei nicht der Christus? Dieser ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn läugnet. Jeder, der den Sohn läugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater.“ Beide nämlich werden durch beide und jeder von beiden durch den anderen sowohl von uns selbst als auch von den heiligen Engeln erkannt. Denn Niemand wohl möchte wissen, was der Vater ist, wenn er nicht in Gedanken den Sohn als existirend und gezeugt annimmt; aber auch Niemand wohl möchte wissen, was der Sohn ist, wenn er nicht klar sich vorstellt, daß der Vater gezeugt hat. Man muß also, glaube ich, auch richtig sagen: Wenn der Sohn unwirklich ist, dann möchten wir wohl auch nicht den Vater in Wahrheit denken. Denn wo ist er noch Vater, wenn er nicht in Wahrheit gezeugt hat? Oder wenn er denn doch etwas Unwirkliches gezeugt hat, was gar nicht existirt, so wird das Gezeugte Nichts sein. Denn das Unwirkliche ist dem Nichts gleich oder vielmehr durchaus Nichts. Dann wird Gott Vater von Nichts sein. Aber, o Beste, möchte ich wenigstens zu solchen Exegeten sagen, eitles Geschwätz sind euere Lehren, oder wenigstens antwortet auf meine Fragen! Wie ist die Liebe Gottes und des Vaters überschwenglich? Und wenn er für uns den Sohn dahingab, der, nach euch, nicht existirt, so gab er also das Nichts für uns hin, und weder Fleisch geworden ist das Wort, [S. 486] noch hat es das heilige Kreuz erduldet, noch die Gewalt des Todes zunichte gemacht, noch auch ist es wieder lebendig geworden. Denn wenn es Nichts ist und unwirklich, wie hat es Das durchgemacht? Getäuscht also hat das Wort der heiligen Schrift die daran Glaubenden, und die Festigkeit des Glaubens schwindet in Nichts dahin.

B. Das sei ferne!

A. Wie aber? Lehrt uns nicht die heilige Schrift, der Sohn existire in der Gestalt Gottes, und nennt sie ihn nicht Abbild und Ausdruck des Erzeugers?

B. Ja freilich.

A. Die Abbilder aber sind wie die Urbilder.

B. Wie denn anders?

A. Also, wenn das Abbild nicht wirklich wäre und der Ausdruck nicht in selbstständiger Existenz gedacht würde, dann werden sie in nothwendiger Folge zugeben (müssen), daß auch Der, dessen Abdruck es ist, unwirklich sei; und die Unschönheit des Abbildes wird doch wohl ganz zurückfallen auf das Urbild? Nicht wahr?

B. Ja freilich.

A. Sodann sage mir: Philippus, der sehr wißbegierig war, wünschte den seienden und wirklich existirenden Vater zu sehen, da er sprach: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns!“ oder etwa den nichtseienden und unwirklichen?

B. Den seienden, offenbar.

A. Wenn doch also der Sohn Nichts ist, als nicht existirend nämlich, gemäß der unverschämten Keckheit Jener, warum bot er zum Abbild und zur genauen Erkenntniß des Vaters sich selbst uns dar, indem er sagte: 3 „So [S. 487] lange bin ich bei euch und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Glaubst du nicht, daß ich im Vater und der Vater in mir ist? 4 Ich und der Vater sind Eins.“ 5 Es wird aber doch nicht wohl Jemand, glaube ich, den Existirenden in dem Nichtexistirenden erblicken, noch auch je den Existirenden halten mit dem Nichtexistirenden. Wie aber wird der Vater im Sohne sein und der Sohn hinwieder im Vater, als daß man nicht in Wahrheit sagen müßte, daß, wenn das Wort nicht für sich existirt, auch der Vater selbst in Gefahr kommen durfte, da er das Nichts in sich hat und als im Nichts existirend gedacht wird? Denn das gar nicht Seiende läßt sich wohl auch nicht denken.

B. Nicht unschroff ist die Rede. Denn die Lehre der Gegner krankt in sich an möglichst großer Ungereimtheit und schlägt gleichwohl in’s Widerliche aus.

1: Ps. 62, 12.
2: I. Joh. 2, 22.
3: Joh. 14, 8.
4: Joh. 14, 9—10.
5: Joh. 10, 30.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger