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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über die Menschwerdung des Eingeborenen (De incarnarione unigeniti)

15.

A. Siehe nun, wie wir schon aus nothwendigen Vernunftgründen fast wider Willen dazu getrieben werden, vernünftiger Weise als wahren Gott den Sohn anbeten zu müssen, auch da er in unserer Gestalt erschien, da ja die Verbindung zur Einheit wohl im Stande ist, das auch bisweilen zum Verdachte der Menschheit Beunruhigende zu beseitigen (λυποῦν εἰς ἀνθρωπότητος ὑποψίαν).

B. Wie meinst du?

[S. 509] A. Da die Natur des Wortes das Menschliche angenommen hat, so ist sie keine bloße Menschheit, sondern indem sie vielmehr durch ihre eigene Herrlichkeit das Angenommene übertrifft, erhält sie sich in unerschütterlicher Beständigkeit der göttlichen Glorie. Dieß bedenkend beteten die Jünger an, indem sie sagten: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn,“ da sie ihn doch zu Fuß gehen sahen und im Fleische wie wir; auf hoher Fluth nämlich schritt er wunderbar dahin als Gott.

B. Und wer war Der, welcher zu dem samaritischen Weibe sprach: 1 „Ihr betet an, was ihr nicht kennet; wir beten an, was wir kennen“? Sodann, wie wird Derjenige anzubeten sein, der den Anbetern beigesellt ist?

A. Fürwahr, mein Lieber, sehr oft rufst du dieses Wörtchen „wer“ aus, das ich weiß nicht wie von den Unverständigen erfunden ist. Denn Christus ist keineswegs getheilt. Der aber zu dem Weibe sprach, war der eine und einzige Herr Jesus Christus, aus der anbetenden Menschheit und der angebeteten Gottheit geheimnißvoll zusammengesetzt, wie man allerdings auch anders von ihm sagen könnte. Denn sofern er Gott ist, kann man ihn denken als Herrn der Herrlichkeit; sofern er aber ein durch Theilnahme an Gott zu verherrlichender Mensch geworden ist, war er auch der Herrlichkeit bedürftig, da er sagt: 2 „Vater, verherrliche deinen Sohn!“ Übrigens aber: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,“ wie geschrieben steht. 3 Gleichwie nun der Glaube an Christus einer ist und die Taufe in Wahrheit eine, obwohl wir getauft werden und glauben an Vater und Sohn und heiligen Geist, aus dieselbe Art und Weise, glaube ich, ist eine Anbetung des Vaters und des Mensch gewordenen Sohnes und des heiligen Geistes. Denn keineswegs darf von der nothwendigen Anbetung so- [S. 510] wohl bei uns selbst als bei den heiligen Engeln der Eingeborne ausgeschlossen werden, wenn er auch „Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat“ und als Erstgeborner sich gerirte unter vielen Brüdern. 4 Denn welches übrigens die Art des Glaubens an ihn sei, wie wäre Das nicht der Erwägung werth? Denn weder werden, meine ich, die richtig denken wollen, sagen, daß wir nur an das aus Gott stammende Wort glauben, es des Fleisches entkleidend, noch auch werden wir hinwieder jenes Andere sagen lassen: es wird nämlich gleich besprochen werden.

B. Was meinst du?

A. Es handelt sich nämlich nicht um den Glauben als an Einen der Unsrigen oder an einen Menschen, sondern um den Glauben an Gott, der wesentlich und wahrhaft ist im Angesichte (in der Person) Christi; es bestätigt aber diese Ansicht auch der weise Paulus, da er schreibt: 5 „Denn nicht uns selbst predigen wir, sondern Christum Jesum, den Herrn, uns selbst aber als euere Diener um Christi willen. Denn Gott, der aus Finsterniß Licht leuchten hieß, der hat in unsere Herzen geleuchtet, um das Licht der Erkenntniß seiner Herrlichkeit leuchten zu lassen im Angesichte (in der Person) Christi.“ Siehe, klar und deutlich leuchtete das Licht der Erkenntniß Gottes des Vaters im Angesichte (in der Person) Christi. Darum sprach er auch: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Ich und der Vater sind Eins.“ Das göttliche Ebenbild aber ist nicht körperlich, sondern in göttlichster Kraft und Herrlichkeit; dieses aber war lauter in Christo, und er würdigte sich sowohl, hiedurch kund zu werden, als auch wollte er, daß durch die Erhabenheit seiner Werke die Hörer zur Erkenntniß seiner sich erhöben, da das Fleisch, das man sah, ihn einigermaßen verringerte. „Denn wenn ich die Werke [S. 511] meines Vaters nicht thue,“ sagt er, 6 „so glaubet mir nicht. Thue ich sie aber, so glaubet, wenn ihr auch mir nicht glaubet, doch meinen Werken!“ Ich meine aber, Christus habe Dieß damals gesagt, wohl wissend, daß die Sache nicht ohne Nutzen sei. Denn da sie meinten, er sei nicht Gott von Natur, der um unsertwillen Mensch geworden ist, sondern einfach ein bloßer Mensch gleich uns, und darum Manche den Glauben an ihn für unannehmbar hielten, so sprach er, nothwendig ihre Furcht und Trägheit hiezu abschneidend, indem er den Glauben der Natur der Gottheit zuwies als in der Person des Vaters und ihn nicht unserer Geringheit zutheilte: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an Den, der mich gesandt hat.“ 7 Ist es nicht, als ob er sagte: O ihr Hörer meiner Reden, denket nicht klein und niedrig von mir; ihr sollt aber wissen, daß, indem ihr an mich, den ihr im Fleische sehet, eueren Glauben hingebet, ihr nicht einfach an einen Menschen gläubig sein werdet, sondern an den Vater selbst durch mich, den durchaus ihm gleichen und ebenbildlichen Sohn, der ich Fleisch geworden bin um euretwillen und eine geringe Hülle annahm, die Menschheit, aber im Sein und Wirken ihm gleich bin und unverkürzt dieselbe Herrlichkeit besitze wie er?

B. Es scheint so.

1: Joh. 4, 22.
2: Joh. 17, 1.
3: Ephes. 4, 5.
4: Röm. 8, 29.
5: II. Kor. 4, 5.
6: Joh. 10, 37.
7: Joh. 12, 44.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger