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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über die Menschwerdung des Eingeborenen (De incarnarione unigeniti)

12.

A. Für Die, welche Theile machen und trennen, ist es schwer zu fassen und unbegreiflich in der That für Diejenigen indeß, welche den Emmanuel zur Einheit zusammenhalten, ist die unverfälschte Erkenntniß der heiligen Lehrsätze leicht faßlich und naheliegend. Denn da der dem Erzeuger gleichewige und vor aller Zeit existirende Sohn zur Natur des Menschen herabstieg, nicht mit Verlust seiner Göttlichkeit, sondern durch Annahme der Menschlichkeit, so kann man doch leicht von ihm denken, daß er auch aus dem Samen Davids geboren sei und die Geburt in der Menschlichkeit als etwas ganz Neues habe. Es ist aber das Angenommene nicht etwas ihm Fremdes, sondern in der That sein eigen. Es wird daher als Eins mit ihm betrachtet, wie man ja gewiß auch an der Zusammensetzung des Menschen sehen kann. Dieser ist nämlich verknüpft aus von Natur Ungleichen, aus Seele nämlich und Leib, aber Beides zusammen wird als ein Mensch begriffen, so daß man vom Fleische allein bisweilen das ganze Lebewesen benennt, wenn [S. 501] aber die Seele genannt wird, Beides zusammen versteht. Auf die gleiche Weise nun sollst du es auch bei Christo selbst annehmen. Denn ein Sohn und ein Herr ist Jesus Christus, sowohl vor dem Fleische, als da er Mensch wurde ; und wir werden den Herrn, der uns erkauft hat, nicht verläugnen, auch wenn er von uns durch menschliche Eigenschaften und nach dem Maaße seiner Erniedrigung bezeichnet wird.

B. Ich folge nicht ganz; aber ich möchte es klar verstehen.

A. Zu den Juden redend sprach unser Herr Jesus Christus: 1 „Wenn ihr Kinder Abrahams wäret, würdet ihr auch die Werke Abrahams thun; nun aber suchet ihr mich zu tödten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe; Das hat Abraham nicht gethan.“ Es schreibt aber auch Paulus von ihm: 2 „Er hat in den Tagen seines Fleisches Gebete und Bitten mit starkem Ruf und Thränen Dem dargebracht, der ihn vom Tode retten konnte, und ist seiner Ergebung wegen erhört worden; und er, obwohl Sohn, hat an Dem, was er litt, Gehorsam gelernt.“ Werden wir nun deßhalb Christum für einen bloßen Menschen halten, der auf keine Weise über uns erhaben war?

B. Das sei ferne.

A. Daß aber die Weisheit und Kraft Gottes so weit in der Schwachheit gekommen sei, daß sie den Tod fürchtete und vom Vater Rettung erflehte, werden wir Das zugeben und also läugnen, daß der Emmanuel von Natur aus das Leben sei, oder werden wir, indem wir die in den Worten liegende Niedrigkeit auf die Menschheit und das Maß unserer Natur beziehen, etwas Löbliches thun und, sofern er Gott ist, seine überweltliche Herrlichkeit betrach- [S. 502] ten, wohl wissend, der Nämliche sei Mensch sowohl als Gott, nämlich Mensch gewordener Gott?

B. Erkläre, wie?

A. Es trete uns also hervor der höchst bewährte Paulus, welcher ruft und spricht: 3 „Weisheit reden wir bei den Vollkommenen, Weisheit aber nicht dieser Welt noch der Fürsten dieser Welt, die zu nichte werden, sondern wir reden Weisheit Gottes, die im Geheimnisse verborgene, welche Gott vorherbestimmt hat vor den Weltzeiten zu unserer Verherrlichung, welche keiner der Fürsten dieser Welt erkannt hat. Denn wenn sie sie erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt;“ und ausserdem: 4 „Der da ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und Alles trägt durch das Wort seiner Macht, und der, nachdem er die Reinigung von den Sünden vollbracht hat, sitzet zur Rechten der Herrlichkeit in der Höhe, um so größer geworden als die Engel, je vorzüglicher der Name ist, den er vor ihnen ererbt hat.“ Und doch, daß er Herr der Herrlichkeit ist und heißt, wie sollte Das nicht überaus groß sein und hinaus über alles Gewordene und zum Dasein Gebrachte? Ich übergehe das Menschliche, denn es ist sehr gering; aber sagen will ich, daß, wenn Jemand auch die Engel nennen und Fürstenthümer und Throne und Herrschaften aufzählen würde, und wenn er sogar der höchsten Seraphim gedenken würde, er doch zugeben müßte, daß all Das zurückstehe gegen die so überaus große Herrlichkeit, wenn er je einen unverdorbenen Verstand hat. Denn unvergleichlich, meine ich, ist die Auszeichnung und darf nur der über Alles herrschenden Natur zukommen. Wie nun sollte Derjenige Herr der Herrlichkeit sein, der gekreuziget wurde? Von dem Abglanz des Vaters aber und dem Ebenbild seines Wesens, welcher Alles [S. 503] trägt durch das Wort seiner Kraft, wird gesagt, er sei größer geworden als die Engel, da er doch wohl einen geringeren Stand, wie ich glaube, annahm, als er Mensch wurde. Denn es steht geschrieben: 5 „Den ein wenig unter die Engel erniedrigten Jesus aber sehen wir um der Erduldung des Todes willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“ Werden wir also das aus Gott dem Vater entsprungene Wort hinausstoßen aus der ihm zukommenden wesentlichen Erhabenheit und der genauen Ähnlichkeit mit demselben, weil wir ihn sogar unter die Herrlichkeit der Engel erniedrigt sehen durch die Erniedrigung der Menschwerdung?

B. Durchaus nicht. Denn ich glaube, man darf weder das Wort aus Gott nach der Fleischesannahme ganz von dem Menschlichen ablösen, noch auch das Menschliche, wenn es in Christo gedacht und gesagt wird, der göttlichen Herrlichkeit berauben. Aber du mußt wissen, daß Einige fragen: Wer denn also ist in Wahrheit Jesus Christus, der Mensch aus dem Weibe oder das Wort aus Gott?

1: Joh. 8, 39.
2: Hebr. 5, 7.
3: I. Kor. 2, 6.
4: Hebr. 1, 3.
5: Hebr. 2, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger