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Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über die Menschwerdung des Eingeborenen (De incarnarione unigeniti)

2.

B. Wohlan denn! Die Einen nämlich erkühnen sich, zu behaupten, daß das Wort Gottes zwar als Mensch erschienen sei, aber nicht, daß es auch das Fleisch aus der Jungfrau getragen habe; sie erdichten also einen bloßen Schein 1 des Mysteriums. — Andere wenden vor, sie schämten sich des Scheines, einen Menschen anzubeten, und weigern sich, das irdische Fleisch mit himmlischen Ehren zu krönen, und aus übergroßer Unkenntniß, an einer gewissen falschen und verdorbenen Ehrfurcht kränkelnd, behaupten sie daher, das aus Gott dem Vater stammende Wort sei in die Natur von Knochen, Nerven und Fleisch umgewandelt worden, indem sie die Geburt des Emmanuel aus der Jungfrau laut 2 verlachen, die Unglückseligen, und die so herrliche und göttliche Veranstaltung als ungeziemend bezeichnen. — Noch Andere glauben, der mit dem Vater gleichewige Gott, das Wort, sei später geboren und sei kaum erst dann in’s Dasein gerufen worden, als es (er) auch den Anfang der Geburt aus dem [S. 475] Fleische erlangte. — Es gibt aber auch Solche, die gottloser Weise so weit im Wahnsinn gekommen sind, daß sie sagen, das Wort aus Gott habe gar kein (persönliches) Fürsichsein, 3 sondern einfach zur Rede (zum Worte) werde im Menschen der bloße Gedankenausdruck. 4 Diese sind Marcellus und Photinus. — Wieder Anderen beliebt es, zu glauben, der Eingeborne sei zwar wahrhaft Mensch geworden und im Fleische gekommen, nicht aber auch, daß das angenommene Fleisch vollständig beseelt war mit einer vernünftigen, geistbegabten Seele wie wir, sondern indem sie das Wort aus Gott und den Tempel aus der heiligen Jungfrau zu einer vollständigen Einheit, wie sie meinen, verknüpfen, sagen sie, das Wort habe in demselben [Tempel] gewohnt und zwar den angenommenen Leib zu seinem eigenen gemacht, die Stelle der vernünftigen und denkenden Seele aber fülle es selbst aus. — Andere wieder lehren zwar von den Meinungen Dieser das Gegentheil und widersetzen sich ihren Ansichten, indem sie behaupten, der Emmanuel bestehe und sei verknüpft aus Gott dem Worte, der vernünftigen Seele und dem Leibe, also der schlechthin vollständigen Menschheit, und doch haben sie noch nicht die ihm gebührende Ehre ganz vollkommen und unversehrt gewahrt. Denn sie zertheilen den einen Christus in zwei, und gleichsam einen dicken Schnitt zwischen beiden machend zeigen sie theilweise jeden von beiden fast als getrennt, indem sie steif behaupten, ein Anderer sei der ganz als Mensch von der Jungfrau Geborne und wieder ein Anderer das Wort aus Gott dem Vater, ohne zu unterscheiden, was die Natur des Wortes und des Fleisches ist, und ohne sich mit den bloßen dießbezüglichen Unterschieden begnügen zu wollen; denn insofern verfehlten sie die richtige Ansicht nicht ganz, da die Natur des Fleisches [S. 476] und Gottes nicht die nämliche ist; aber indem sie den Einen als Menschen für sich hinstellen und gesondert, nennen sie den Anderen, als Gott, der Natur nach und in Wahrheit Sohn. Gleichwohl wollen sie Christen sein; und nun auch einige Sätze hierüber zusammenschreibend haben sie gewagt, wörtlich also zu sagen: Der nämlich, der von Natur und in Wahrheit Sohn ist, ist das Wort aus Gott dem Vater; der Andere aber hat mit dem Sohne nur den gleichen Namen. Und unter Anderem wieder: Das Wort Gottes ist nicht Fleisch, sondern hat einen Menschen angenommen; denn nur der Eingeborne ist im eigentlichen Sinne und an sich Sohn Gottes, des Schöpfers von Allem; der Mensch aber, den er annahm, der nicht von Natur aus Herr ist, fungirt durch den wahrhaftigen Sohn Gottes, der ihn annahm, unter gleichem Namen wie dieser. Denn das: „Niemand kennt den Sohn ausser der Vater“ 5 weist hin auf den von Natur und in Wahrheit aus dem Vater stammenden Sohn; der Ausspruch des Gabriel aber: 6 „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott, und siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären und wirst seinen Namen Jesus nennen!“ paßt auf den Menschen. Indessen Dieß sagen Jene. Wir aber werden nie so denken. Denn nimmer wird die Rede der Irrgläubigen uns überreden, das gerade Gleis zu verlassen und ein anderes zu betreten. Aber führe deine Ansicht aus und versuche, sie mir zu sagen, da ich höchst gespannt bin, die reine Wahrheit zu hören und zu erfahren!

A. O wie schwer ist die Sache und in der That kaum tragbar die Bürde! Oder weißt du nicht, mein Lieber, daß, wenn Einer über jeden Punkt eine lange Erwägung und hinreichende Untersuchung anstellen wollte, er keine geringe Zeit aufwenden und lästigen und unvermeidlichen [S. 477] Schweiß aufstehen und doch kaum Etwas zu Stande bringen wird?

B. Allerdings.

1: Δόκησις hier im Gegensatz zur Wirklichkeit.
2: Πλατύ eigentlich breitmaulig.
3: Ανυπόστατον εἶναι.
4: Ich verstehe das so: der Ausdruck des göttlichen Denkens werde im Menschen zum Worte.
5: Matth. 11, 27.
6: Luk. 1, 30.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger