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Cassian († 430/35) - Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis)
Zwölftes Buch: Von dem Geiste des Hochmuthes.

4. Durch den Hochmuth wurde Lucifer aus einem Erzengel ein Teufel.

Damit wir die Macht dieser überaus grausamen Tyrannei erkennen mögen, lesen wir von jenem Engel, der wegen der Fülle seines Glanzes und seiner Zierde Luzifer genannt wurde, daß er um keiner andern als um dieser Sünde willen vom Himmel herabgestürzt wurde und, durch den Pfeil des Stolzes verwundet, von jenem glückseligen und erhabenen Sitze der Engel in den Abgrund der Hölle hinabgefallen ist. Wenn also eine so hohe und mit der Auszeichnung einer so großen Macht gezierte Tugend eine einzige stolze Ueberhebung des Geistes vom Himmel zur Erde zu stürzen vermochte, mit welcher Wachsamkeit müssen dann wir, die wir mit gebrechlichem Fleische umkleidet sind, vor derselben auf der Hut sein! Dieß zeigt uns die Größe dieses Sturzes. Wie wir aber das so verderbliche Gift dieser Krankheit vermeiden sollen, darüber werden wir uns belehren können, wenn wir den Grund und den Ursprung des Falles selbst verfolgen. Denn niemals kann ein Gebrechen geheilt noch ein Mittel [S. 243] gegen eine Krankheit mit Erfolg angewandt werden, wenn man nicht vorher durch eine scharfsinnige Untersuchung den Ursprung und die Ursachen derselben aufzufinden sucht. Luzifer nämlich, mit himmlischem Glanze umkleidet und unter den übrigen höheren Mächten in dem Reichthume des Schöpfers strahlend, glaubte den Glanz der Weisheit und die Schönheit der Tugend, womit ihn die Gnade des Schöpfers geziert hatte, kraft seiner Natur, nicht durch Gottes gnädige Freigebigkeit zu besitzen. Und darüber stolz geworden, als ob er, um in dieser Klarheit zu verharren, Gottes Hilfe nicht bedürfe, erachtete er sich Gott gleich, da er ja gleich Gott Niemandes bedürfe; denn er vertraute auf die Kraft seines freien Willens, durch die, wie er glaubte, ihm reichlich Alles zufließen würde, was zur Vollendung in den Tugenden und zur Ewigkeit der höchsten Glückseligkeit gehöre. Dieser eine Gedanke wurde ihm zum ersten Falle. Wegen dieses Gedankens von Gott verlassen, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, wurde er plötzlich unstät und wankend, und die Schwäche seiner eigenen Natur gründlich fühlend verlor er die Glückseligkeit, die er durch Gottes Gnade genoß. Und weil er die Worte des Sturzes geliebt hatte, indem er gesprochen:1 „In den Himmel will ich steigen,“ und eine trügerische Zunge, mit der er sowohl von sich sagte:2 „Gleich will ich dem Allerhöchsten sein,“ als auch zu Adam und Eva sprach:3 „Ihr werdet sein wie Götter,“ deßhalb hat Gott ihn auf immer verdorben, ihn hinweggerafft und ihn gerissen aus seinem Zelte und seine Wurzeln aus dem Lande der Lebendigen.4 Sehen werden dann seinen Sturz die Gerechten und sich fürchten und über ihn lachen und sagen:5 „Siehe da der Mann, welcher Gott nicht gemacht zu seinem [S. 244] Helfer, sondern vertraut hat auf seines Reichthums Fülle und übermächtig war in seinem Aberwitze.“

1: Is. 14, 13.
2: Is. 14, 14.
3: I. Mos. 3, 5.
4: Ps. 51, 7 [Hebr. Ps. 52, 7].
5: Ps. 51, 7. 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger